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Buchtipp Tour de France -Ihr elenden Mörder

Der Letzte als Erster: die schnellsten Verlierer der Tour

Kristian Bauer/Jürgen Löhle am 15.07.2019

In der Neuerscheinung "Ihr elenden Mörder" präsentiert Jürgen Löhle Geschichten von der Tour de France. Wir bieten Ihnen exklusive Leseproben aus dem Buch. Diesmal zu waghalsigen Angriffen vom Ende des Feldes.

Der Letzte als Erster
Dass die Tour auch in den Bergen teilweise recht taktisch unterwegs ist, liegt in der Natur des Rennens. Manchmal sprengen aber auch Profis ganz bewusst eigentlich fest zementierte Strukturen, düpieren dabei den Rest des Feldes und erschaffen Geschichten, die man so eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Eine dieser unglaublichen Storys schrieb am 18. Juli 1969 der Franzose Pierre Matignon. Der Mann trägt einen großen Namen, aber nicht im Radsport: Das Hôtel Matignon in Paris dient dem französischen Premierminister seit Generationen als Amts- und Wohnsitz. Der brave Pierre mit dem großen Nachnamen war ein bescheidener Radprofi, ein Helfer des Portugiesen Joaquim Agostinho, und mit einer fast unbekannten kleinen Equipe mit dem sehr langen Namen Frimatic-Viva-De-Gribaldy-Wolber unterwegs. Matignon war vor der 20. Etappe von Brive-la-Gaillarde zur Bergankunft auf dem erloschenen Vulkan Puy de Dôme Letzter im Gesamtklassement, mit mehr als drei Stunden Rückstand auf Eddy Merckx im Gelben Trikot. Seine Taktik hätte eigentlich sein müssen, diesen letzten Platz bis Paris zu verteidigen, denn der war für die Engagements nach der Tour bares Geld wert, weil der Letzte (die "Rote Laterne") damals auch eine gewisse Prominenz besaß.

Matignon sagte aber hinterher, dass er sich als Letzter "lächerlich" gefühlt habe und dass er seinen Namen wenigstens einmal in einem amtlichen Rennbericht in der Zeitung habe lesen wollen. Also attackierte er trotz großer Hitze und der Aussicht auf den brutalen Schlussanstieg und setzte sich zusammen mit einem anderen Fahrer ab.  Den schüttelte er bis zum Beginn des Anstiegs am Puy de Dôme auch noch ab und fuhr mit einem Vorsprung von gut sieben Minuten auf die Gruppe um Eddy Merckx ins Finale. Sieben Minuten sind auf den 800 schweren Höhenmetern schnell weg, aber Pierre Matignon trat sich die Seele aus dem Leib und erreichte als Letzter der Gesamtwertung als Erster das Ziel, wo er immer noch knapp anderthalb Minuten vor Merckx eintraf. "Der Erste begnügte sich damit, der Erste hinter dem Letzten zu sein", schwurbelte Tourchef Jacques Goddet in der L'Équipe. Und fand dies natürlich "wunderbar".

Wobei "begnügen" im Zusammenhang mit Merckx der Sache nicht gerecht wird. Es war die erste Tour des damals 24-jährigen Belgiers, und ein paar Tage später in Paris hatte er nicht nur die Tour, sondern auch alle Wertungen gewonnen. Also auch das Grüne Trikot des besten Sprinters, das Bergtrikot und eine damals neue Kombinationswertung. Pierre Matignon aber war seinen letzten Platz los.

Jürgen Löhle Neuerscheinung

1994 gelang dem Italiener Eros Poli dann noch einmal etwas Ähnliches wie Matignon. Der Helfer im Team Mercatone Uno riss auf der 235 Kilometer langen Etappe von Montpellier nach Carpentras schon früh aus. Niemand wollte ihm bei dieser Transferetappe kurz vor vier schweren Alpenprüfungen folgen, zumal dem langen Kerl keine Chance eingeräumt wurde. Schließlich führte das Rennen unmittelbar vor dem Ziel noch über den Mont Ventoux, und Poli war mit seinen 85 Kilo Gewicht alles, nur kein Bergspezialist. Eros Poli erreichte schließlich Bédoin am Fuß des 21 Kilometer langen Anstiegs mit unglaublichen 23:45 Minuten Vorsprung, aber auch das schien zu knapp. Der Mann litt sichtbar, schnitt Grimassen, riss am Lenker und verlor auf jedem Kilometer eine Minute auf die Tempo machenden Stars wie Miguel Indurain, Alex Zülle und Marco Pantani. Am Gipfel hatte er dann tatsächlich noch gut vier Minuten Vorsprung, die er auch auf der Abfahrt und den ¬flachen letzten Kilometern nach Carpentras nicht mehr hergab.

Für diesen Ritt wurde Poli zum angriffslustigsten Fahrer der gesamten Tour de France 1994 gewählt. Paris erreichte er 70 dann als Drittletzter im Gesamtklassement, knapp drei Stunden hinter Miguel Indurain. Der hätte bei den Poli-Festspielen am Ventoux übrigens um ein Haar die Tour verloren und ziemlich sicher dann auch seine Gesundheit. Auf der rasenden Abfahrt nach Malaucène verbremste sich Big Mig in einer ungesicherten Kurve und stand kurz quer. Vom Abgrund trennten ihn da nur ein paar Zentimeter. Und das war wieder ein Beispiel dafür, dass die Berge das ureigenste Terrain sind, in dem Toursieger gemacht oder abgeworfen werden.

Das war ein Auszug aus "Ihr elenden Mörder". Alle Infos zum Buch:

Die Tour de France - große Emotionen, harte Kämpfe und unfreiwillige Komik
Juckpulver im Trikot, Nägel auf der Rennstrecke und Rennradfahrer, die lieber den Zug nehmen: Jürgen Löhle kennt die wilden Geschichten, die sich auf der Tour de France zugetragen haben. Von den skurrilsten, spannendsten und tragischsten Ereignissen erzählt er in seinem Buch "Ihr elenden Mörder":
•Anekdoten, Kuriositäten und Fun Facts rund um die Tour de France
•Fahrer, Fans und Helfer – Menschen, die die Tour prägten
•Hintergrundgeschichten zu den Etappen und Teams der Tour de France
•Witziges Geschenk für Fahrrad-Fans und Radsport-Enthusiasten

Ihr elenden Mörder, Kuriose Geschichten von der Tour de France, Jürgen Löhle, Delius Klasing, 19,90 Euro

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Kristian Bauer/Jürgen Löhle am 15.07.2019
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