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Primož Roglič Porträt des slowenischen Radsportlers

Zu Besuch bei Primož Roglič

Andreas Kublik Text / Kristian Bauer Web am 16.09.2020

Bei der Tour de France 2020 zeigte Primož Roglič sein Können. TOUR hat ihm 2018 eine eigene Reportage gewidmet.

Reportage aus dem Archiv Erstveröffentlichung in TOUR 10/2018  (Heft vergriffen)

Andrej Hauptman kann sich noch gut an den Anruf erinnern. Vor sechs Jahren war das. Ein junger Mann war am Telefon und wollte wissen, ob er in Hauptmans kleinem Profi-Team Radenska mittrainieren könne, er wolle mit dem Radsport anfangen. Wie alt er sei? 22, war die Antwort. Gemeinhin gilt das als viel zu alt für den Start einer Leistungssportkarriere. Aber, so fügte der Anrufer an, er sei schon Spitzensportler gewesen, Skispringer.

Ex-Profi Hauptman rollt noch heute mit den Augen, wenn er die Geschichte erzählt. Ein Skispringer will sich im fortgeschrittenen Alter als Radprofi versuchen? Hauptman dachte, was viele anfangs über Primož Roglič und seine Ambitionen dachten: dass es ein Riesenunterschied ist, ob man nach 250 Kilometern ein Radrennen gewinnen oder mit Skiern an den Füßen 200 Meter einen Berg hinunterfliegen kann – selbst wenn man sogar 2007 Junioren-Weltmeister mit dem Team Sloweniens war. Nicht nur Hauptman glaubte, dass die beiden Sportarten völlig unterschiedliche, schwer vereinbare Talente voraussetzen. Bis dieser junge Mann kam.

Sechs Jahre später steht Hauptman, mittlerweile Nationalcoach des slowenischen Radsportverbands, auf dem Rathausplatz in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana und sieht zu, wie die Fans die Heimkehr des einstigen Skispringers von der Tour de France feiern. Primož Roglič hat innerhalb weniger Jahre den Sprung zum besten Radsportler des Landes geschafft. Bei der Frankreich-Rundfahrt wurde er Vierter – nur knapp durch Seriensieger Chris Froome vom Podium gedrängt. Und die Fans feiern ihn, weil sie alle glauben, dass diese unglaubliche Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Sie träumen vom ersten Tour-Sieger aus Slowenien. Der gleiche Hauptman, der Roglič einst abwimmeln wollte, sagt heute auf die Frage, ob Roglič Straßen-Weltmeister werden oder ob er bald die Tour de France gewinnen könne: „Wir kennen seine Grenzen noch nicht.“

Slowenien, das noch junge Land, das sich 1991 von Jugoslawien losgesagt und dann seine Unabhängigkeit im Zehn-Tage-Krieg verteidigt hat, konnte schon viele gute Radsportler hervorbringen: Andrej Hauptman war 2001 WM-Dritter, Janez Brajkovič gewann die Dauphiné, Simon Špilak zweimal die Tour de Suisse; allein elf Slowenen fahren aktuell in World-Tour-Teams. Aber einen, der das wichtigste Radrennen der Welt mitgeprägt hat – den gab es zuvor noch nicht. 2020, so erzählt Roglič während seines Heimatbesuchs im slowenischen Fernsehen, wolle er das Gelbe Trikot nach Paris tragen. Und nach Slowenien bringen.

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Gelb, weit und breit Gelb – Primož Roglič sieht nichts als diese Farbe, als er seine alte Heimat in Zentralslowenien besucht, in einem tief eingeschnittenen Seitental des Flusses Save. Freunde, Verwandte, Nachbarn empfangen ihn an der kleinen Betonbrücke, die zu seinem Elternhaus führt. Und zwar mit einem bengalischen Feuer, das erst einmal alles in dichten Nebel taucht – natürlich in Gelb. Und auch die Betonbrücke, die über das Flüsschen Medija zum Elternhaus des Radprofis führt, haben sie schnell gelb angepinselt. Der mittlerweile berühmte Sohn, Nachbar, Kumpel, Neffe herzt Hunderte von Menschen, macht Dutzende Fotos, schreibt Autogramme, auch für die Polizisten, die eigentlich den allgemeinen Freudentaumel von der vorbeiführenden Landstraße fernhalten sollen. Es ist nur ein kurzer Stopp – aber Roglič teilt seine Freude, seinen Erfolg geduldig. Mit allen.

Seine Landsleute feiern Rogličs vierten Platz wie einen Sieg. Dabei gilt dieser Platz oft als undankbar. Aber die Fans sehen das anders – sie sind dankbar für die gute Show und dafür, dass Primož Roglič ihr kleines Land auf die Landkarte des Weltradsports gesetzt hat. Und Roglič ist dankbar, weil er weiß: Er hat das Zeug, um beim wichtigsten Radrennen um den Sieg mitzufahren. Und er genießt die Aufregung, die Popularität. Roglič, der mit seiner Freundin Lora mittlerweile in Monaco lebt, ist zu Hause ein Volksheld. Und, so scheint es, er ist das gerne.

Spitzname. „Bravo Primož“ steht auf einem Pappschild, das ein kleiner Junge gemalt hat. Ein Dutzend Dreikäsehochs hängt am Absperrgitter, sie gucken mit ihrem Idol gemeinsam auf die Leinwand mit dem Video, das die besten Szenen der Tour zeigt. Sogar der Botschafter der Niederlande tritt auf die Bühne – schließlich fährt Sloweniens Radsportheld für das niederländische Team LottoNL-Jumbo. „Wir haben dich ins Herz geschlossen. Du bist ein Botschafter für den Radsport in Slowenien und ein Botschafter für die Radsportler in den Niederlanden. Was für eine Leistung!“, sagt Bart Twaalfhoven gerührt.

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Am Tag darauf besucht Roglič sein Elternhaus in der Siedlung Strahovlje, wo er einst mit Freunden in den bewaldeten Hügeln entlang des Bachtals auf Abenteuern unterwegs war und keine Mutprobe ausließ. Eine Stunde später gibt’s im wenige Kilometer entfernten Zagorje den nächsten Empfang, die nächste Pressekonferenz, die nächsten TV-Interviews, die Feuerwehr grüßt von einer ausgefahrenen Drehleiter, lässt die Sirene heulen. Die Eltern Roglič stehen gerührt am Rand der Tausendschaft, die den nun berühmtesten Sohn der Kleinstadt begrüßt. Kinder toben aufgeregt herum – es ist richtig was los in der Stadt, wo vor 20 Jahren der Kohlebergbau eingestellt wurde.

Warum nur sind die Leute derart aus dem Häuschen, wenn Roglič auftaucht? Auch seine Wegbegleiter können es nicht genau erklären. „Er bringt die Menschen zusammen. Das haben nur wenige slowenische Sportler geschafft“, sagt Boštjan Mervar, der als Sportlicher Leiter beim kleinen slowenischen Team Adria Mobil mit Roglič zusammengearbeitet und ihn zum Sieg bei der Slowe-nien-Rundfahrt geführt hat. „Primož will gewinnen. Aber er will dann auch hinterher gemeinsam mit allen feiern“, erzählt sein alter Kumpel Klemen Štimulak, der bei vielen Rennen das Zimmer mit ihm teilte. Im Grunde macht es Roglič jetzt nicht anders – nur dass er inzwischen nicht mehr nur mit den Teamkollegen feiert, sondern mit dem ganzen Land.

Und er genießt es sichtlich, macht oben auf der Bühne in Ljubljana ein Selfie, das die große Fan-Gemeinde in seinem Rücken zeigt. Als würde er es selbst erst glauben, wenn es auf einem Foto dokumentiert ist. Dann schreibt er wieder unermüdlich Autogramme, macht Fotos, umarmt Menschen – und wirkt dabei doch immer ein bisschen schüchtern. Aber er betont: „Mir macht das Spaß. Ich will ein Idol für junge Leute sein.“ Auch das muss man ja erst lernen: ein Idol zu sein. Selbst wenn man so schnell lernt wie Roglič.

Er ist jetzt schon ziemlich weit oben. Dabei begann seine Radsport-Karriere eigentlich mit einem fürchterlichen Absturz. Im Frühjahr 2007 sprang Roglič, kurz zuvor mit der Mannschaft Sloweniens als Junioren-Weltmeister gefeiert, von der Schanze in Planica, bekam Luft von oben auf die Ski und stürzte kopfüber wie ein Stein auf den Aufsprunghügel. Man kann das Video vom Sturz im Internet sehen – und wie sie den blutüberströmten Skispringer, damals 17 Jahre alt, mit Halskrause im Rettungsschlitten abtransportieren. Gehirnerschütterung, Nasenbeinbruch, der Absturz ging glimpflich aus. „Mir haben die Furcht und der nötige Respekt gefehlt“, sagt er heute über den Crash. Und doch hat er sich getraut, wieder zu springen. Angst? Habe sein Athlet nie gehabt, sagt sein langjähriger Skisprungtrainer Zvone Prograjc. „Er ist so schnell auf die Schanze zurück wie möglich. Aber danach waren seine Ergebnisse nicht so, wie er sich das gewünscht hätte“,

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Andreas Kublik Text / Kristian Bauer Web am 16.09.2020
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