Team Dauner-Akkon 2019 Team Dauner-Akkon 2019

Nachwuchsfahrer bei der Deutschland-Tour

Hinter den Kulissen der Deutschland-Tour 2019

Andreas Kublik am 31.10.2019

Bei der Deutschland-Tour fahren Weltstars gegen Nachwuchstalente, die sich in den vier Tagen für einen Profivertrag empfehlen können. TOUR hat das Team Dauner-Akkon begleitet.

Nervös tritt Peter Zimmermann auf dem Asphalt der Weender Landstraße in Göttingen von einem Fuß auf den anderen. Er wartet ungeduldig auf die Rennfahrer des Teams Dauner-Akkon, auf seine Rennfahrer. Die Zeit läuft. Alexander Kristoff vom großen UAE Team Emirates ist schon vor etlichen Minuten als Etappensieger gefeiert worden. Ein bisschen bangt Zimmermann, ob es seine Schützlinge alle im Zeitlimit ins Ziel schaffen – beim wichtigsten Auftritt des Jahres für den kleinen Rennstall aus Köln: der Deutschland-Tour, deren zweite Etappe an diesem Tag in der niedersächsischen Universitätsstadt endet. "Es war Vollgas den ganzen Tag", berichtet später Geraint Thomas, der Sieger der Tour de France 2018 und Tour-Zweite 2019, einer der Stargäste bei der zweiten Auflage der neuen Deutschland-Tour – und auch er drückte zwischenzeitlich ordentlich aufs Tempo. "In der ersten Stunde ein 49er-Schnitt, in der ersten Gruppe nur Rennfahrer aus World-Tour-Teams, und wenn unsere Jungs ins Ziel kommen, ist die Siegerehrung schon vorbei – das ist doch frustierend", murmelt Zimmermann. Er ist vieles im Team: Mäzen, Fan, Soigneur, selbst Rennfahrer im gleichnamigen Jedermann-Team, der Aufmunterer, ein bisschen so etwas wie der Papa der vielen jungen Rennfahrer.

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Rad an Rad mit den Idolen

Abgekämpft, den Blick schon über Kreuz, so kommen seine Rennfahrer nach und nach ins Ziel. Endlich auch Mika Heming. "Gottseidank, da isser", seufzt Zimmermann. Der 19-Jährige gilt als das größte Talent des Rennstalls. Abgehängt, aber dennoch irgendwie glücklich erreicht er das Ziel – noch nie zuvor ist er ein Rennen mit diesem Stellenwert gefahren. Wie die anderen Rennfahrer im Blau des Dauner-Rennstalls hat er vier Tage lang die Chance, sich mit der Weltspitze zu messen. "Das ist schon besonders hier mit den Zuschauern. An den Bergen hatte ich Gänsehaut", erzählt er von seinem Renntag, "aber das Niveau hier ist auch extrem hoch." Caleb Ewan, der dreimalige Etappensieger der vergangenen Tour de France, hatte mit entzündetem Hals unterwegs aufgeben müssen. Abgehängt wurde nicht nur Heming, sondern auch Top-Sprinter Pascal Ackermann, am Vortag noch Etappensieger, und der Weltranglisten-Erste Julian Alaphilippe, mit denen sich der Nachwuchsfahrer in einer Gruppe wiederfand. Irgendwann sah Heming, wie ihm der acht Jahre ältere Franzose zuzwinkerte – die Einladung zum Gespräch nutzte der Youngster prompt. "Total nett, kein bisschen arrogant, nicht abgehoben. Das ist schön hier: dass man mit den eigenen Idolen fahren kann", berichtete er. Ein bisschen ging’s beim Small Talk um die Tour de France, bei der Alaphilippe der gefeierte Star war, ein bisschen um dessen Vorbereitung auf das Rennen in Deutschland. "Bei ihm war die Vorbereitung Urlaub – das zeigt den Leistungsunterschied", sagt Heming, der sich mit seinem Team akribisch auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet hatte, unter anderem mit einem Start bei der Tour of Utah in den USA. Dort war Heming übermotiviert gefahren und prompt aus dem Zeitlimit geflogen.

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Kurz darauf sitzen Heming und seine Teamkollegen in Göttingen unter dem schattenspendenden Baldachin vor dem Wohnmobil des Teams auf Campingstühlen, fast jeder mit einem Eis am Stiel in der Hand. Zimmermann hat es verteilt, aber es ist ihm auch ein bisschen unangenehm: Er weiß, das wirkt unprofessionell. Aber es ist ihm wichtig, den jungen Rennfahrern ein kleines bisschen Genuss, Ablenkung, Belohnung zu bieten während der vier Tage Kampf ums Dranbleiben, ums Zeitlimit, um ein bisschen Aufmerksamkeit für den Sponsor, eine Empfehlung in eigener Sache auf der größten Bühne, die sich den Rennfahrern dieses Teams bietet.

Es geht nicht um den schnellen Erfolg, sondern um langfristige Motivation. Das wichtigste Ziel: Talente entwickeln. Prominentester Mann des Teams: Gerald Ciolek, der Sieger von Mailand-San Remo 2013, seit Saisonbeginn Sportlicher Leiter. Der Mann, dem die jungen Rennfahrer respektvoll zuhören, der selbst in seiner Karriere erlebt hat, wie schwer der Weg vom hochgelobten Talent zum Leistungsträger in der Weltspitze sein kann. Morgens bei seiner Ansprache vor dem Start im Wohnmobil, geparkt neben den großen Bussen der World-Tour-Rennställe, versucht er, die Enttäuschung des Vortages vergessen zu machen, Mut zu machen vor dem neuen Renntag gegen eigentlich übermächtige Gegner.

Eine harte Radsport-Schule

"Für die KT-Teams (niedrigste UCI-Lizenz; Anm. d. Red.) ist das eine super Sache, bei einem Rennen mit fast schon einem Tour-de-France-Feld am Start zu stehen", sagt Nils Politt. Er weiß um die Chancen, die sich bieten: Er selbst empfahl sich 2015 im Trikot des kleinen Stölting-Teams als Gesamtsechster der Bayern-Rundfahrt für den ersten Profivertrag bei Katusha. Der Vorjahreszweite der Deutschland-Tour kennt beide Seiten: "Aber es ist natürlich auch hart für die KT-Teams: Das Peloton ist viel stärker, die Rundfahrt ist viel besser besetzt als im Vorjahr." 15 World-Tour-Teams gingen in Hannover ins Rennen, auf der Startliste stehen prominente Namen wie Alaphilippe, Ackermann, Ewan, Kristoff, Thomas – dazu André Greipel, Vincenzo Nibali, Mark Cavendish, Richie Porte, Alberto Bettiol, Michal Kwiatkowski, Remco Evenepoel.

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Andreas Kublik am 31.10.2019