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Motordoping: Neue Vorwürfe

Ein Dutzend Fahrer mit Motor bei der Tour de France 2015?

Kristian Bauer am 13.05.2016

Dieser Vorwurf klingt unglaublich: Laut Jean-Pierre Verdy sind bei der Tour de France 2015 rund ein Dutzend Fahrer teilweise mit verstecktem Motor gefahren.

Ein TV-Beitrag des französischen Senders France 2 über Motordoping im Radsport hat letzten Monat hohe Wellen geschlagen. Jetzt gibt es neue Vorwürfe: Jean-Pierre Verdy war bis 2015 Direktor des Kontrollbereichs der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD. Im Interview mit TOUR zeigt sich, dass er das Problem viel größer einschätzt, als bisher bekannt.


TOUR: Haben die Journalisten von France 2 etwas übertrieben?
Verdy: Nein, ganz im Gegenteil. Sie haben nur das Minimum gesagt. Das Problem ist noch viel größer. Ich habe mich nur gewundert, warum es jetzt auf einmal weltweit so große Wellen schlägt. Motordoping gibt es seit Jahren – es ist immer stärker geworden.

Auch bei der Tour de France 2015?
Im vergangenen Jahr habe ich so viele Hinweise bekommen wie nie zuvor.  Es herrschte totale Alarmstimmung vor dem Start. Viele Team-Manager haben mit mir gesprochen, dass man endlich etwas tun muss. Aber gegenüber der Presse haben die Team-Manager geschwiegen und nichts gesagt.

Haben Sie Beweise?
Nein, ich habe keine Beweise und ich habe die manipulierte Räder nicht selbst gesehen, weil ich mir nie Räder anschaue.

Waren Sie denn machtlos?
Wir haben überlegt, ob wir den Zoll einschalten sollen, aber die Einfuhr der Motoren ist nicht verboten. Die Polizei kann auch nichts machen und die UCI habe ich informiert, aber die hat sich darauf konzentriert die Räder zu wiegen. Wir standen da und konnten nichts tun. Ich habe auch an die Wärmebildkamera gedacht, aber wir hätten juristisch nichts machen können.
Für mich war das sehr traurig. Radsport ist wirklich harte Arbeit und es tut weh zu sehen, wie manche das ganze Jahr hart trainieren und dann von anderen so betrogen werden.

Wer hat die Motoren benutzt?
Das ist nur eine Minderheit, aber es waren wohl mehr als ein Dutzend Fahrer. Viel mehr, als noch 2014 und die Jahre zuvor. Der ungarische Hersteller aus dem France 2 Beitrag (Anm. d. Red.: Istvan Varjas) ist ganz offen am Start der Tour de France rumgelaufen und hat seine Fahrer besucht.

Jean-Pierre Verdy

Jean-Pierre Verdy im Beitrag von France 2

Stand ein Betrüger auf dem Podium?
Diese Frage werde ich nicht beantworten...

Was für Motoren wurden denn benutzt?
Früher waren es verschiedene, sehr einfach Systeme mit großen Batterien. Inzwischen ist das alles sehr ausgefeilt und der Motor sitzt im hinteren Laufrad.

Warum wehren sich die fairen Fahrer nicht?
Keiner traut sich an die Öffentlichkeit. Das ist wie bei Christophe Bassons (Anm. der Red.: Der Festina-Fahrer sprach offen über Doping im Peloton und wurde als Nestbeschmutzer geschnitten) niemand traut sich zu reden, aus Angst ausgegrenzt zu werden.

Was müsste passieren?
Seit 2008 sind wir für die Dopingkontrollen bei der Tour de France zuständig. Wir haben geschaut, was in den Körpern der Athleten ist. Bei den Rädern sind wir aber machtlos – wir haben keine Rechte da zu handeln. Man muss es wirklich ernsthaft bekämpfen - wir werden sehen, was die UCI jetzt unternimmt. Ich denke, man sollte den nationalen Anti-Doping-Agenturen die Macht geben, dass sie gegen Motordoping vorgehen können. Es ist vor allem der Sport, der unter diesem Betrug leidet.

Kristian Bauer am 13.05.2016