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Kämna weckt Träume - Bloß keine Vergleiche mit Ullrich

dpa am 16.09.2020

Méribel (dpa) - Champagner und Smoothies standen für Lennard Kämna und Co. nach dem großen Coup bei der Tour de France auf dem Speiseplan im Mercure-Hotel von Grenoble.

Und spätestens nach der Sause im viel zu kleinen Aufenthaltsraum dürfte dem hochbegabten Radstar endgültig klar geworden sein, dass er bei seiner Karriere-Krise vor zwei Jahren eine goldrichtige Entscheidung getroffen hat. «Ich war nicht zu 100 Prozent hinter dem Sport. Danach habe ich mir gesagt: Ich werde alles probieren, alles geben», berichtet Kämna, nachdem er sich 2018 eine Auszeit vom Profi-Radsport genommen hatte.

Ein großes Fragezeichen stand damals hinter Kämnas Profikarriere, obwohl sie noch gar nicht richtig begonnen hatte. «Er hatte vielleicht Motivationsprobleme, die Lust verloren. Er war ziemlich unten», erinnert sich Teamchef Ralph Denk. Ein Karriereende sei damals aber kein Thema gewesen, stellt Kämna klar. «Ich wollte meinen Kopf gerade bekommen. Es stand nie zur Debatte, dass ich aufhören werde.»

Eine kluge Entscheidung, wäre dem deutschen Radsport doch sonst ein Ausnahmetalent verloren gegangen. Mit seinem famosen Etappensieg in Villard-de-Lans deutete der gerade erst 24 Jahre alt gewordene Jungstar sein großes Potenzial an. «Klettern und Zeitfahren» könne er, betont Denk. Genau die richtigen Eigenschaften für einen starken Rundfahrer.

Wo soll das mal hinführen? «Er ist ein Ausnahmetalent. Er steigert sich zum Ende einer Rundfahrt. Das macht Mut für die Zukunft, dass er auf das Podium fahren kann, wenn alles passt», sagt Didi Thurau der Deutschen Presse-Agentur. Der Frankfurter war 1977 sogar 15 Tage lang im Gelben Trikot gefahren und gewann insgesamt sechs Tour-Etappen.

Ähnlich sieht es Olaf Ludwig. «Er sitzt sehr ästhetisch auf dem Rad, hat ein hohes Leistungsvermögen, ist taktisch clever. Da werden wir noch viel Spaß an dem Rennfahrer in den nächsten Jahren haben», sagt der Olympiasieger von 1988 der dpa. Vergleiche mit Ex-Toursieger Jan Ullrich seien aber nicht angebracht. «Da tut man ihm keinen Gefallen mit», sagt Ludwig und Thurau fügt hinzu: «Von der Statur her war Jan Ullrich ein anderes Kaliber.»

Seit dem Toursieg vor 23 Jahren des später tief gefallenen Ullrich wartet Radsport-Deutschland auf einen Nachfolger. Das Gesamtpaket Kämna ist da vielversprechend. Bei Bora-hansgrohe sind sie sich noch nicht sicher, was für Kämna einmal möglich ist. «Wo der Aufwärtstrend schlussendlich hingeht, werden wir sehen. Ob er mal ein Fahrer für dreiwöchige oder einwöchige Rundfahrten wird oder vielleicht einer für die Ardennenklassiker», rätselt Denk.

Kämna traut sich einiges zu. Die beiden führenden Slowenen Primoz Roglic und Tadej Pogacar seien absolute Ausnahmefahrer, ihre Leistungen aber nicht unerreichbar. «Ob ich da persönlich jemals hinkommen werde, steht in den Sternen. Man kann nie sagen, ich werde mal gut genug sein, um die Tour zu gewinnen: Es wäre schwachsinnig, das zu behaupten. Das kann auch nicht jeder», sagt der Norddeutsche.

Sein Auftritt in den Alpen war aber bereits großes Kino. Am vorletzten Anstieg den französischen Superstar Julian Alaphilippe abzuschütteln und dem amtierenden Giro d'Italia-Sieger Richard Carapaz davonzufahren, muss man sich erst einmal zutrauen. «Mir ist es egal, was für ein Name das ist. Jeder bei der Tour ist in super Form. Es geht einfach nur darum, den Gegner abzuhängen», sagt der frühere Junioren-Weltmeister, der schon bei der Bergankunft am Puy Mary Zweiter geworden war.

Eigentlich sollte Kämna bei der Tour nur als Helfer von Buchmann fungieren und weiter lernen. Gut möglich, dass sein Team bald ein Luxusproblem hat. Auch Ullrich ist damals schneller als geplant aus dem Schatten von Bjarne Riis getreten. Aber diese Vergleich sind ja nicht gewollt.

© dpa-infocom, dpa:200916-99-582062/3

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dpa am 16.09.2020
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