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Interview: Liane Lippert

Team-DSM-Profi Liane Lippert im TOUR-Interview

Felix Mattis am 20.02.2021

Sie war in der Saison 2020 die beste Nachwuchsfahrerin der World-Tour – und sie liebt die Frühjahrsklassiker. Im TOUR-Gespräch erzählt Liane Lippert vom Team DSM, was sie geprägt hat

TOUR Liane, vor Ihrem Elternhaus am Bodensee steht ein Holzschuppen, der mit allerlei Radsport-Devotionalien geschmückt ist. Es sieht so aus, als seien Sie im Vereinsheim Ihres Clubs RSV Seerose Friedrichshafen aufgewachsen?

LIPPERT (lacht) Es sieht fast so aus, stimmt. Mein Vater hat da alles Mögliche aufgehängt, so eine Art Trophäensammlung mit Schildern, Trikots und so weiter. Offiziell sind wir nicht das Vereinsheim. Aber – außer zu Coronazeiten – ist es wirklich fast so, auch weil mein Vater Jugendtrainer ist: Man trifft sich oft bei uns für Ausfahrten oder zum Bier mit den Vereinskollegen im Garten.

Wie wichtig war der Verein auf Ihrem Weg ins Profi-Peloton?

Sehr wichtig. Als ich acht Jahre alt war, hat der RSV ein Mountainbike-Rennen organisiert – mein Vater sagte, ich solle doch mitfahren. Das habe ich mit meinem Stadtrad gemacht. Ich wurde zwar Letzte, hatte aber trotzdem Spaß, weil die Leute so nett waren und ich einen Preis bekam. Mein erstes Rennrad war dann ein uraltes Peugeot-Stahlrad mit Rahmenschaltung. Es war mir zu groß, aber das war egal. Ich bin von da an jeden Tag aufs Rad gestiegen.

Sie wohnen teilweise noch bei Ihren Eltern. Sind Sie eine Art Publikumsmagnet bei den Vereinsausfahrten?

Wenn ich mal mitfahre, merke ich schon, dass manche Fotos mit mir machen wollen oder gerne Fragen stellen. Das ist echt schön. Viele von ihnen haben mich in meiner Kindheit begleitet. Da ist es toll, dass ich ihnen jetzt etwas erzählen kann, so wie sie sich damals für mich Zeit genommen und mir alles beigebracht haben. Der Verein ist wirklich wie meine erweiterte Familie.

Ihr Partner Niklas Märkl fährt als Profi für das World-Tour-Team von DSM. Wie funktioniert das mit Ihnen beiden – wie eine Fernbeziehung?

Man sieht sich zwar nicht täglich, eher in Blöcken – auch mal einen Monat nicht. Aber wenn wir uns sehen, haben wir viel Zeit miteinander – nicht nur für ein Wochenende wie bei Fernbeziehungen. Wenn wir beide keine Rennen haben, ich bei ihm bin, oder er bei mir ist, trainieren wir viel zusammen und verbringen so viele Stunden miteinander, die andere Paare nicht haben. Ich glaube, mit einem Partner, der kein Profi ist, hätte ich eher weniger gemeinsame Zeit.

Wie sehr profitieren Sie als Paar sportlich voneinander?

Gerade ich profitiere natürlich auch sportlich davon. Training mit ihm und seinen Teamkollegen ist eben etwas schneller und ein hartes Training für mich. Da wird dann immer über die Wellen drübergedrückt, wo ich sonst das kleine Blatt auflegen würde. Ich denke, das macht mich auf jeden Fall besser. Er ist auch in Trainingsanalysen sehr fit und hilft mir zu verstehen, was ich jeweils im Training gemacht habe.

Als Gegenleistung reparieren Sie dann die Räder?

(lacht) Nee, da ist es auch eher er, der sich besser auskennt. Bisher konnte er jedes Problem an meinem Rad beheben. Klar, einen Schlauch oder Bremsbeläge wechseln, das kann ich auch selbst. Ich denke, ich bin – was die Technik betrifft – schon fitter als viele andere Rad-Profis. Aber ich habe meine Schaltung noch nie selbst eingestellt – auch wenn ich weiß, welche Schräubchen man drehen muss.

Sie leben teilweise mit Ihrem Lebensgefährten im Quartier des Teams in Sittard in den Niederlanden. Dort genießt der Frauen-Radsport einen hohen Stellenwert. Was fehlt im Vergleich dazu in Deutschland?

Der Radsport braucht wieder einen höheren Stellenwert. Und speziell wir Frauen brauchen mehr Live-Übertragungen, idealerweise auch mal im Ersten wie bei der Tour de France. Dann kämen mehr Sponsoren, Rennen könnten wieder entstehen. Die Thüringen-Rundfahrt ist toll, aber es wäre wichtig, auch in Deutschland ein World-Tour-Rennen zu haben, damit die Leute sehen, wie spannend unser Sport ist, wenn alle Spitzenfahrerinnen da sind.

Im niederländischen Radsport profitieren die Frauen von der großen nationalen Konkurrenz. Sie zählen zum 1998er-Jahrgang – Sie hatten im Nachwuchs in Deutschland starke Gegnerinnen wie Christa Riffel und Franziska Brauße, die beide auch Profis geworden sind. Wie wichtig war das?

Sehr wichtig. Wir haben uns gegenseitig gepusht, hatten aber auch eine gute Zeit miteinander im Nationalteam. Es war für mich auch gut, weil ich taktisch nicht stark war, deshalb oft verloren habe, aber von ihnen lernen konnte.

"Die Bahn ist einfach nicht mein Ding. Straßenrennen sind vielseitiger - außerdem ist Radfahren für mich, draußen zu sein."

2017 wurden Sie offiziell Profi – noch vor der Einführung des Mindestgehalts bei den Frauen. Konnten Sie wirklich sofort vom Sport leben?

Zunächst nicht. Aber im ersten Jahr war ich in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Dann wechselte der Bund Deutscher Radfahrer sein Konzept, und das Bahnfahren wurde verpflichtend (um eine Stelle bei der Bundeswehr zu bekommen, Anm. d. Red.). Ich wollte nicht auf die Bahn – das ist einfach nicht mein Ding. Aber weil es bei mir auf der Straße gut lief, wollte mich Sunweb halten. Ich bekam einen besseren Vertrag.

Ist Ihnen Bahnradsport zu langweilig?

Es ist auch ein toller Sport. Ich habe viele Feunde, die auf der Bahn fahren – meine wichtigste Trainingspartnerin hier zu Hause zum Beispiel, Laura Süßemilch. Aber meins ist die Bahn nicht. Mir sind Straßenrennen viel lieber, weil sie vielseitiger sind. Außerdem ist Radfahren für mich, draußen zu sein, im Freien! Wenn man am Bodensee wohnt, muss man das auch nutzen.

Sie fahren, seit Sie Profi sind, für das gleiche Team – nur der Sponsor hat sich geändert. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Teamkolleginnen?

Ich verstehe mich eigentlich mit allen. Besonders gut verstehe ich mich  mit Coryn Rivera, weil wir uns ähneln und den gleichen Humor haben. Mit ihr lache ich am meisten. Sie bringt diese kalifornische Entspanntheit mit, lässt sich nicht stressen. Ich lasse mich auch eher nicht aus der Ruhe bringen – deshalb passen wir gut zusammen. Am Anfang bin ich ihr eher aus dem Weg gegangen, weil mein Englisch noch nicht so gut war.

Inzwischen haben Sie sich bei den Profis etabliert. Sie profitieren vor allem von Ihrem Punch, der Ihnen bei Attacken hilft – ist das ideal für viele Strecken im Frauen-Radsport?

Ja, mit dieser Qualität kann man bei uns die meisten Rennen gewinnen. Mir liegen kleine Bergankünfte mit ein bis zwei Kilometer Länge perfekt, weil meine Wattwerte über drei, vier, fünf Minuten ziemlich gut sind. Meine beste Minute bin ich bei meiner Attacke zum Sieg beim Cadel Evans Road Race in Australien letztes Jahr gefahren mit 530 Watt. Da wog ich 54 Kilogramm. 2020 wurde ich auch an längeren Bergen besser, aber meine Spezialität sind die explosiveren Sachen – wie die Hügelklassiker.

Im Frauen-Radsport ist der Punch besonders erfolgversprechend, weil es bei den Frauen weniger Strecken im Hochgebirge gibt als bei den Männern. Ist das ein großer Unterschied?

Ja, Männer-Rennen sind auch deshalb berechenbarer – aber nicht nur deshalb. Wenn bei den Männern jemand bei flacheren Rennen vorne rausfährt, berechnen sie alles genau und holen ihn wieder ein, wenn sie es wollen. Bei uns ist es wahrscheinlicher, dass man mit Angriffen durchkommt, weil die Rennen nicht so kontrolliert werden und weil das Leistungsgefälle größer ist.

Ihr Wettkampfgewicht von 54 bis 55 Kilogramm bei 1,68 Meter Größe klingt nach einem gesunden Verhältnis ...

Ja, ich denke das ist für mich gut und gesund – mein Wohlfühlgewicht. Klar: Wenn ich eine reine Bergfahrerin und am Monte Zoncolan ganz vorne sein will, muss ich noch etwas abnehmen. Aber ich finde es gut zu sehen, dass eine Fahrerin wie Elisa Longo Borghini, die auch nicht nur Haut und Knochen ist, am Berg vorne mithalten kann. Deshalb will ich mich diesbezüglich nicht viel verändern.

Gewicht ist im Radsport leistungsbestimmend – vor allem an langen Bergen. Gerade deshalb sind Magersucht und Essstörungen ein Problem – bei Frauen wie Männern. Ist das ein Thema unter Rennfahrerinnen?

Im Team schon. Gerade wenn wir etwas Auffälliges sehen. Wir haben Ernährungsberater und sprechen mit Experten. Die Männer im World-Tour-Team bekommen täglich anhand ihrer Trainings- und Renndaten berechnet, was genau sie an Nahrung aufnehmen müssen. Wobei es natürlich immer erlaubt ist, mehr zu essen! Bei uns Frauen führen wir das System dieses Jahr auch ein. Aber ich bin noch nie gedrängt worden abzunehmen. Und wenn eine Rennfahrerin abnehmen will, wird sie genau beraten, es nicht zu schnell zu tun, um keine Muskeln abzubauen.

Der langjährige Teamchef Thomas Campana hat mal den Gedanken geäußert, eine BMI-Regel einzuführen – also ein Art Mindestgewicht auf die Körpergröße bezogen. Wer es unterschreitet, soll eine Schutzsperre erhalten. Was halten Sie davon?

Es sollte vor der Saison medizinische Pflicht-Checks für alle geben, bei denen unabhängige Ärzte sicherstellen, dass alle gesund sind, dass ein Körper die Saison bei Wind und Wetter durchhalten kann. Ob ein Mindest-BMI fair funktionieren würde, weiß ich nicht.

Apropos Gewicht: Ist eine gute Gesamtplatzierung eines bergigen Etappenrennens wie dem Giro für Sie ein Ziel? Sie waren 2020 Dreizehnte – trotz technischer Probleme.

Dazu müsste ich eine reine Bergfahrerin werden, was ich nicht will. Deshalb wohl eher nicht. Andere Rundfahrten wie die Women’s Tour in England liegen mir sicher und könnten ein Ziel werden – wenn kein Zeitfahren dabei ist. Denn da fehlt mir etwas, vor allem in Sachen Aerodynamik, aber auch bei der Fahrtechnik auf dem Zeitfahrrad.

Was mögen Sie eigentlich an den Ardennenklassikern so sehr – Amstel Gold Race, Flèche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich?

Ich finde, dass es die Rennen sind, die auch für Zuschauer am spannendsten sind. Es geht dort ständig rauf und runter, es kann viel passieren – und die Gegend ist einfach schön: viel Wald, schöne Natur, toll zum Trainieren.

Und Sie haben dort Siegchancen. Woher kommt Ihr Ehrgeiz?

Das kann ich gar nicht genau sagen. In meiner Familie war ja niemand Leistungssportler. Aber ich will einfach besser werden, um gewinnen zu können. Das treibt mich täglich an. Ein Sieg ist für mich die größte Motivationsspritze.

 

Steckbrief Liane Lippert

Nationalität deutsch

Geboren 13.1.1998 in Friedrichshafen

Größe 1,68 Meter  Gewicht 55 Kilogramm

Wohnort Friedrichshafen

Familienstand liiert mit Niklas Märkl (Radprofi beim Team DSM)

Teams Sunweb/DSM (seit 2017)

Wichtige Erfolge:

  • 2016 Nachwuchswertung Thüringen-Rundfahrt, Junioren-Europameisterin Straße
  • 2018 Deutsche Meisterin Straße, Belgien-Rdf., Nachwuchswertung Thüringen-Rundfahrt
  • 2020 Cadel Evans Great Ocean Road Race, Nachwuchswertung Women’s World-Tour, WM-Fünfte Straße, Zweite Tour Down Under
  • 2021 Deutsche Vizemeisterin im Straßenrennen

Internet www.instagram.com/liane_lippert

Felix Mattis am 20.02.2021
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