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Cross-Spezialistin und Weltmeisterin: Ceylin del Carmen Alvarado

Ceylin del Carmen Alvarado im TOUR-Interview

Andreas Kublik am 14.12.2020

Die Weltmeisterin von 2020 ist das neue Gesicht des Cyclocross-Sports: Ceylin del Carmen Alvarado. Im TOUR-Interview spricht die junge Niederländerin über ihre Herkunft, ihren Ehrgeiz und darüber, an wem sie sich orientiert hat

TOUR Ceylin, Sie wurden 2020 Weltmeisterin im Rad-Cross – warum sind Sie damals in der Elite-Kategorie gestartet, obwohl Sie vermutlich in der U23-Klasse leichter zum zweiten Mal hätten gewinnen können? Sind Sie besonders selbstbewusst oder risikobereit?

DEL CARMEN ALVARADO Nein, das hat nichts mit Risikobereitschaft oder mit Selbstbewusstsein zu tun. Ich hatte einfach die Chance, es zu schaffen. Als wir sahen, dass meine Rennen (in der Elite-Kategorie während der Saison 2019/20; Anm. d. Red.) so gut liefen und ich einen Sieg nach dem anderen hatte, kam der Gedanke, dass ich auch die WM in der Elite fahren könnte. Zwei Wochen vorher diskutierte ich es mit den Leuten, die mir besonders nahestehen, mit meinem Team und den Trainern – und dann haben wir es entschieden.

Wie hat es Ihr Leben verändert, Weltmeisterin zu sein?

Nun, es hat schon einiges verändert. Die Aufmerksamkeit der Medien ist gestiegen, so viele Leute sind an einem interessiert, man hat viele Verpflichtungen, mehr Follower, mehr Fans. Das erforderte auch viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Zuvor war es nur das Interesse der kleinen Cross-Community, jetzt ist das Interesse unglaublich groß geworden.

Sie sind als Weltmeisterin während der Pandemie quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefahren. Ausgerechnet im Cross – wo die Zuschauer sonst so nah und so zahlreich sind. Hat Sie das beeinflusst?

Ich hab’s gar nicht so sehr vermisst. Klar, die Zuschauer am Streckenrand geben dir vielleicht einen Extraschub. Aber insgesamt ist man derart konzentriert im Rennen, dass man es kaum mitbekommt. Wenn sonst Zuschauer schreien, kann man vieles nicht hören, jetzt hört man beinahe alles. Zum Beispiel, was andere Coaches ihren Rennfahrern zurufen – vielleicht genaue Taktik-Hinweise. Oder man kann die Müdigkeit der anderen Rennfahrer hören, wie sie ans Limit gehen. Man weiß, wann man reagieren muss.

Was fasziniert Sie am Cyclocross?

Vielleicht das Risiko, das man hie und da eingeht, um zu gewinnen. Auch das Familiäre mit dem Team, der Crew, den anderen Rennfahrern und all den Zuschauern. Es ist dieses gesamte Bild. Kein Rennen ist gleich – jeder Kurs ist anders. Das macht Spaß.

Man bewegt das Rad am Limit, geht Risiken ein. Dieses Risiko zu stürzen – gibt das eine Art Extramotivation?

Es gibt schon einen Extrakick. Man nimmt Kurven mit Höchstgeschwindigkeit. Man versucht, sich immer ans Limit zu pushen.

Wie sind Sie denn zu dieser Nischendisziplin gekommen?

Zunächst habe ich’s nur gemacht, um durch den Winter zu kommen, um die Form zu halten. Ich habe ja mit Straßenrennen angefangen. Ich wusste damals nicht einmal, dass es Cross als eigene Disziplin gibt.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie gut genug sein könnten, vielleicht einmal Weltmeisterin zu werden?

Im ersten Jahr wurde ich bei meinen ersten nationalen Meisterschaften in der Nachwuchsklasse gleich Dritte – ich wollte es daraufhin wenigstens mal probieren, mich verbessern. Und mit den Jahren habe ich es immer mehr gemocht, ich wurde besser und besser. Dann habe ich mich entschieden, Cyclocross ernst zu nehmen.

Wie haben Sie die Technik gelernt?

Das kam mit den Jahren, durch viel üben und üben, schon in den Nachwuchsrennen. Aber ich gucke mir immer noch viel ab – speziell von den Männerrennen. Auch die Trainer und Rennfahrer geben einem Tipps.

Ihr Vater hat angeblich eine große Rolle für Ihre Radsportkarriere gespielt?

Ja, ich habe wegen meinem Dad angefangen. Er war früher Amateurrennfahrer und hat mich aufs Rad gebracht. Meine Eltern sind immer für mich da, auch bei meinen Rennen. Sie sind wirklich ein Geschenk für mich.

Sie sind in Rotterdam aufgewachsen – wie waren die Anfänge auf dem Rad in der Großstadt?

Ich habe nicht wirklich im Zentrum gelebt. Aber es war natürlich schwieriger, den Sport zu betreiben als für jemanden, der auf dem Land lebt. Ich ging immer zu einem kleinen Club für Kinder, dort haben wir es immer geschafft, auf ruhigen Straßen zu fahren.

Sie sind in der Dominikanischen Republik geboren, haben dort fünf Jahre lang gelebt. Welche Erinnerung haben Sie an die Karibik?

Ich war zu jung, um mich zu erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir mit der Familie nahe am Strand gewohnt haben.

Was ist denn noch karibisch an Ihnen?

Mein Charakter! (lacht) Ich lache immer, bin gut drauf, lächle immer – aber ich kann manchmal auch richtig durchdrehen. Das ist typisch für Lateinamerikaner.

Was macht Sie denn sauer?

(überlegt) Ein Rennen zu verlieren wegen technischer Probleme. Oder Ungerechtigkeit. Aber eigentlich kann mich gar nichts richtig ärgern. Man muss schon wirklich was ganz Schlimmes machen (lacht).

Es ist dank Mathieu van der Poel und Wout Van Aert wieder sehr populär und angesagt, Straßenradsport und Cross zu verbinden. Ist das auch Ihr Plan?

Im Moment liegt mein Fokus auf den Olympischen Spielen 2024 – mit dem Mountainbike. Aber natürlich hätte ich gerne eine Karriere wie Mathieu oder Wout Van Aert auf der Straße. Doch das muss ich erst noch ausprobieren, da brauche ich mehr Erfahrung. Mit dem Team, das ich jetzt habe, bekomme ich das vielleicht hin. Ich möchte mich nicht nur auf eine oder zwei Disziplinen konzentrieren, ich will sie früher oder später alle ausprobieren.

Wie unterscheiden sich Mountainbiking und Cyclocross?

Ich find es sehr unterschiedlich. Mountainbiking ist viel technischer mit den Felsen, Wurzeln, den sehr steilen Anstiegen – man benutzt eine ganz andere Technik. Cyclocross ist ein harter Sport, aber es ist einfacher als Mountainbiking – im physischen Teil, aber auch im technischen Teil. Man hat nicht die großen Hindernisse. Ich mag die Herausforderung, die mir das Mountainbiken stellt. Ich kann mich da wirklich ans Limit pushen, manchmal sogar darüber hinaus. Und beim Cross mag ich die Vielfalt; aber auch, dass es ein familiärer Sport mit Menschenmassen ist.

Wäre bei den Straßenrennen Paris-Roubaix nicht ein interessantes Ziel für Sie?

Natürlich würde ich dort gerne fahren. Es ist ein sehr spezielles Rennen. Wie ich schon sagte: Ich will nicht starten und dann unter ‚ferner liefen‘ landen. Ich denke, ich bin zu jung und zu leicht für diese Art Rennen auf Pflastersteinen.

2020 stand auch im Zeichen der „Black lives matter“-Bewegung – wie haben Sie als farbige Radsportlerin diese Diskussion erlebt?

Natürlich, in bestimmter Hinsicht betrifft es mich. Aber ich hatte selbst nie Probleme, ich habe nie erlebt, das jemand wie ein Rassist zu mir war. Ich möchte mit dem Thema auch lieber zurückhaltend umgehen. Ich habe natürlich eine Meinung dazu, aber ich möchte nicht meine Stimme erheben, um etwas zu verändern oder mich zu engagieren. Wenn, dann eher im Kleinen. Ich denke, dass ich Weltmeisterin wurde, hat schon eine große Wirkung.

Sie leben mit dem belgischen Radprofi Roy Jans aus Ihrem Team Alpecin-Fenix zusammen. Dreht sich zu Hause alles um Radsport?

Es geht viel um Radsport, aber nicht nur. Darüber bin ich auch froh. Wir haben ein Berufsleben im Sport, aber natürlich gibt’s auch ein Leben außerhalb mit Freunden, Ausgehen, Ausflügen, Reisen, Spaß haben. Das ist für ihn und mich wichtig, auch mal was anderes zu tun.

Wer von Ihnen beiden ist denn besser beim Verdauen von Niederlagen?

(lacht) Ähm... das ist schwierig zu vergleichen – die Art der Rennen in unseren Disziplinen ist ja sehr unterschiedlich. Auf der Straße sind die Rennen mehr ein Spiel, es geht mehr um Taktik. Er ist recht gut darin zu verlieren. Aber es kommt natürlich darauf an, was im Rennen passiert ist.

Sie haben Ihren Vertrag mit dem Team bis einschließlich 2024 verlängert. Eine lange Zeit. Sie sind eher Planerin als spontan?

Es ist gut, wenn die Zukunft gesichert ist. Aber der Vertrag ist – natürlich mit Einverständnis des Teams – spielerisch in diesen vier Jahren. Ich muss nicht immer dasselbe tun. Man kann von Jahr zu Jahr etwas verändern.

Was meinen Sie mit spielerisch? Was haben Sie mit Teamchef Christoph Roodhoft vereinbart?

Ich meine damit, dass ich alle drei Disziplinen machen kann, die ich mag – ein bisschen so wie es Mathieu (van der Poel; Anm. d. Red.) jetzt macht. Natürlich fälle ich meine eigenen Entscheidungen. Aber es ist schon sehr ähnlich, was wir machen. Christoph gibt uns Rennfahrern genug Freiheiten – er ist sehr offen, Dinge mit den Rennfahrern zu diskutieren. Das ist gut.

Was wollen Sie erreicht haben bis 2024?

Ich hoffe: mehr Regenbogentrikots – eigentlich egal, in welcher Disziplin. Solange ich glücklich bin mit dem, was ich tue. Und ich möchte, dass mein Name im Sport, als Frau bekannt wird. Ich möchte jemand sein, den andere Leute bewundern – nicht nur wegen Titeln und Erfolgen, sondern im Sinne eines Vorbilds für junge Rennfahrer, für Rennfahrerinnen, vor allem für farbige Rennfahrerinnen.

Steckbrief Ceylin del Carmen Alvarado

Nationalität niederländisch

Geboren 6.8.1998 in Cabrera (Dominikanische Republik)

Wohnort Hoeselt (Belgien)

Liiert mit Roy Jans (Radprofi bei Alpecin-Fenix)

Teams Ciclismo Mundial/Alpecin-Fenix (seit 2019)

Wichtige Erfolge:

  • 2018 Cross-Europameisterin U23
  • 2019 Gesamtwertung Cross-Weltcup U23, WM-Dritte Mountainbike U23; Cross-Europameisterin U23
  • 2020 Cross-Weltmeisterin, Cross-Europameisterin, ein Weltcupsieg und Gesamtzweite im Cross-Weltcup, Gesamtwertung DVV Trophy und Superprestige, Gesamtwertung Mountainbike-Weltcup U23, WM-Dritte Mountainbike U23
Andreas Kublik am 14.12.2020
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