Udo Bölts

Unbekannt

 · 13.12.2003

Udo Bölts

Nach 14 Jahren beendet Udo Bölts eine erfüllte und erfolgreiche Karriere als Radprofi. Ein Typ, ein unbeugsamer Kämpfer, ein Sympath. Für TOUR blickt er zurück: Ausgewählte Bilder illustrieren Stationen seiner Laufbahn, Udo Bölts erzählt von Anfängen, Höhepunkten und Weggefährten.

Nach 14 Jahren beendet Udo Bölts eine erfüllte und erfolgreiche Karriere als Radprofi. Ein Typ, ein unbeugsamer Kämpfer, ein Sympath. Für TOUR blickt er zurück: Ausgewählte Bilder illustrieren Stationen seiner Laufbahn, Udo Bölts erzählt von Anfängen, Höhepunkten und Weggefährten.

Erste, schwere Schritte

Das Bild stammt von meiner ersten und einzigen Junioren-WM. Wir waren zehn Sportler für alle Disziplinen, betreut von Wolfgang Oehme. Im Einerrennen bin ich Vierzehnter geworden, mit dem Vierer Zwölfter. 1984 war mein letztes Juniorenjahr. Ich ging in die Lehre als Werkzeugmacher. Das hieß: Arbeiten von sieben bis viertel nach vier, dann Training. Einmal war ich 30 Kilometer weg von zu Hause. Es fing an zu schneien, der Rollendynamo rutschte dauernd durch, ich hatte kein Licht mehr. Ich war total durchnässt und durchgefroren. Ich hab mich in den Graben gesetzt und geweint. Bin dann heim gefahren und hätte den Radsport beinahe hingeworfen. Der Stress mit Arbeit, Training und Rennen war mir zu viel. Zum Glück hatte mein Vater das richtige Fingerspitzengefühl für mich. Drei Tage später saß ich dann doch wieder auf dem Rad.

Radsport-Brüder

Wir haben bis heute ein sehr enges Verhältnis. Durch Hartmut bin ich erst zum Radsport gekommen. Er ist fünf Jahre älter als ich, wurde zuerst Profi, war zuerst im Ausland. Das war zu einer Zeit, als es noch sehr wenige deutsche Profis gab und kaum einer den Sprung in ein internationales Profiteam schaffte. Er wurde damals bei RMO auch ziemlich als Außenseiter behandelt und verheizt. Schade, dass sich mein Bruder als Profi nicht so durchsetzen konnte. Er hatte mehr Talent als ich, war ein sehr guter Zeitfahrer. Ich war robuster, konnte Belastungen besser wegstecken.

Professioneller Amateur

Das war in meinem zweiten von vier Jahren als Amateur, die ich alle bei Olympia Dortmund verbracht habe. Für mich war es ein riesiger Schritt, vom Junior in ein Amateurteam, das von Ex-Profi Hennes Junkermann geleitet wurde. Man kann schon sagen, dass Dortmund zu der Zeit das Team Telekom des Amateursports war.1985 waren wir das erste Team, dass zum Höhentraining in die USA nach Colorado reiste.

Die Lehrmeister

Rund um den Henninger Turm habe ich 1987 gewonnen, einer meiner wichtigsten Siege als Amateur. Hennes Junkermann war einer meiner ganz wichtigen Trainer. Von ihm habe ich viel gelernt über Disziplin, Ernährung, sportgerechtes Leben und professionelle Einstellung. Wolfgang Oehme, unser Junioren-Bundestrainer, war in Sachen Trainingsmethodik prägend. Peter Weibel, mein Amateur-Nationaltrainer, war Trainer und Freund zugleich. Der wichtigste Trainer für mich und meinen Bruder Hartmut war unser Vater Georg.

Lehrgeld im neuen Beruf

Der Flêche Wallone ist ein tolles Rennen, ich bin es 15-mal gefahren, immer gerne. Bei meinem ersten Start 1989 als Neuprofi war ich wahnsinnig motiviert und begeistert, mit den wirklich Großen am Start zu stehen. Damals gab es die Längenbeschränkung der UCI noch nicht, der Flêche Wallone ging über 252 Kilometer. An dem Tag habe ich den einzigen und schlimmsten Hungerast meiner ganzen Karriere bekommen. Wer denkt schon an Essen und Trinken, wenn er mit den Stars über die Mauer von Huy fährt. Aber ich bin das Rennen zu Ende gefahren. Meine beste Platzierung bei einem Flêche Wallone war Platz sechs.

Der erste von drei

Mein erster von drei Titeln als Deutscher Meister – und mein schönster, weil weder ich noch sonst jemand damit gerechnet hatte. Das war bei der Drei-Nationen- Meisterschaft in Altenkirchen. Team Stuttgart stand enorm unter Druck. Damals gab es noch nicht genug deutsche Profis, um eine eigene Meisterschaft durchzuführen, also fuhren wir zusammen mit den Schweizern und Luxemburgern. Zum ersten Mal waren auch die ehemaligen Amateure und Neuprofis aus der DDR dabei wie Olaf Ludwig, Mario Kummer und Uwe Ampler. Sie fuhren aber noch für eine eigene Wertung. Genau genommen wurden also vier Meistertitel vergeben. Ich habe das Rennen nach einer Flucht in der letzten Runde gewonnen, Olaf Ludwig gewann den Sprint um Platz zwei und damit die einzige DDR-Profi-Meisterschaft.

Die Szene wird aufmerksam

Der erste herausragende Erfolg meiner Karriere als Profi. Es war die Königsetappe des Giro d’Italia über 260 Kilometer von Saluzzo nach Pila. Ich war den ganzen Tag in einer Ausreißergruppe, die sich kurz nach dem Start gebildet hatte. Am letzten Berg war noch ein Spanier alleine vorne, Ramon Arrieta. Ab und zu konnte ich ihn ein paar Kurven vor mir sehen und habe gekämpft, um nochmal an ihn ran zu kommen. Und als ich dann dran und vorbei war, kam auch schon der Zielstrich. Das war der absolute Wahnsinn. Walter Godefroot hat mir gratuliert und von Telekom kamen auch Glückwünsche. Damals war der Sponsor noch nicht so nah dran an der Mannschaft und es wurde von Jahr zu Jahr entschieden, ob sie überhaupt weitermachen. Aber an dem Tag saßen die Verantwortlichen zusammen und haben die Übertragung in einem dritten TV-Programm geschaut. Da haben sie gesehen, dass Radsport doch beachtet wird.

Irisches Vorbild

Man kann schon sagen, dass Sean Kelly mein Vorbild war, fast ein Idol. Ein harter, cooler Typ, der sich nie ums Wetter scherte. Ein toller Rennfahrer, der in seiner Karriere alles gewonnen hat, Rundfahrten, Klassiker, das Grüne Trikot der Tour. Als ich zu den Profis kam, habe ich ihn angesprochen, um ihn kennen zu lernen, er war offen und zugänglich. Am Ende seiner Laufbahn wollte ich ihm sein letztes Rad abkaufen. Er hat ein bisschen erstaunt, geguckt, aber dann seine Mechaniker gefragt und zugesagt. 1.200 Mark habe ich bezahlt, mit Laufrädern. Ein signiertes Festina-Trikot habe ich auch noch. Wenn wir uns heute treffen, fragt er mich jedesmal, ob ich das Rad noch habe.

Auf Augenhöhe mit den Großen

San Sebastian war mein erster und einziger Sieg in einem Weltcup-Rennen. Es war das Jahr, in dem Bjarne Riis die Tour gewann, die Mannschaft hatte einen Lauf. Für den Sieg in San Sebastian hatte ich mich selbst nicht auf dem Plan. Ich war in der Ausreißergruppe, hab’ überlegt, wen ich schlagen kann und dachte mir: “Gut, wirst Du mindestens Vierter”. Ich hatte überhaupt keine Erfahrung, wie man sich in so einem Sprint verhält. Auf der Zielgeraden bin ich halt losgefahren, um wenigstens meinen vierten Platz zu sichern, aber dann hatte ich den großen Gang in Schwung und die anderen kamen nicht mehr heran. Das war für mich ziemlich überraschend.

Etwas ganz besonders

Das war ein Meilenstein für den gesamten deutschen Sport. Dass ich da dabei sein durfte, war etwas Besonderes. Jan hat als Rennfahrer unglaublich souverän agiert, vielleicht, weil er noch so wenig Erfahrung hatte und keinen wirklichen Druck. Man kann als Helfer mit 90 kalkulierten Prozent seiner Leistung fahren oder mit 110 enthusiastischen Prozent. Bei mir waren es für ihn immer 110 enthusiastische Prozent. Für Bjarne Riis war es in dem Jahr schwierig. Als Vorjahressieger hoffte er bis zum Schluss auf seine eigenen Chancen. Die anderen aus der Mannschaft haben für Jans Erfolg mehr gearbeitet. Das schönste Erlebnis dieser Tour war die Ehrenrunde mit dem Gelben Trikot auf den Champs-Elysées.

Den Horizont erweitern

Ein absolutes Highlight meiner Karriere. Lothar Leder hatte die Idee dazu, und es hat mich sofort interessiert. In einer Saison die Tour de France und den Ironman Hawaii, ich glaube, das hat außer mir noch keiner geschafft. Ich finde es wichtig für einen Profisportler, sich zu öffnen, sich für andere Dinge zu interessieren. Haiwaii zu finishen, hat mein Selbstbewusstsein enorm gefördert und mich in meiner Grundhaltung bestärkt: Wenn man etwas will, kann man viel erreichen. Und man darf keine Angst haben vor neuen Dingen. Viel Vorbereitungszeit hatte ich damals nicht. Nach der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt war ich in vier Wochen sechsmal im Schwimmbad und bin neunmal gelaufen. Da hat mir meine Erfahrung als Leistungssportler schon sehr geholfen. Übrigens war es ganz schön mühsam, einen Startplatz zu ergattern. Der Radprofi Udo Bölts war den Veranstaltern nicht wirklich ein Begriff.

Stellenprofil: Wasserträger

Der Radsport zeigt einem extrem deutlich Fähigkeiten und Grenzen. Man erkennt seine Klasse, kann und muss sich einordnen. Und wer seinen Platz nicht findet, bleibt nicht lange Profi. Ich hatte das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, der Erfolg von Jan Ullrich hat auch meiner Arbeit in der Öffentlichkeit mehr Wert verliehen. Davon habe ich mehr profitiert, als wenn ich selbst beispielsweise Dritter beim Giro geworden wäre. Zur Zeit entwickelt sich der Radsport allerdings extrem: Der finanzielle Druck macht Profis zu Helfern, die selbst wichtige Rennen gewinnen könnten. Fahrer von meiner Qualität können da auf der Strecke bleiben.

Respekt muss man sich erarbeiten

Attacken vermeiden, das Tempo halten, Ausreißer zurückholen – das ist der größte Teil der Arbeit eines Radprofis, von der die Öffentlichkeit in der Regel nichts sieht. Dafür braucht man Stehvermögen und Erfahrung, um auch von den Gegnern akzeptiert zu werden. Ich sage immer: Wenn man zum Pinkeln anhält und hundert Mann nehmen in dem Moment die Füße von den Pedalen, dann wird man respektiert. Ein Manko bei vielen jungen Fahrern ist, dass sie zu wenig wissen über die anderen. Als Profi muss man beobachten, Zeitungen lesen, hinhören, was andere Fahrer sagen, sich für alles interessieren: Die Vorgeschichte eines Teams ist wichtig, die Vertragssituation eines Fahrers, sein Punktekonto, seine Ergebnisse der letzten Zeit. Wenn im Frühjahr Jungprofis ins Feld kommen, kenne ich die vielleicht noch nicht; aber im Laufe der Saison kenne ich 99 Prozent des Pelotons.

Getrennte Wege

Jan und ich in verschiedenen Teams, das war eine neue Situation, aber wir haben das Beste daraus gemacht. Jan hat dieses Übergangsjahr viel gebracht, die Erfahrungen werden ihm helfen. Für mich war es bei Gerolsteiner ein schönes Jahr, erfolgreich für die Mannschaft. Die Atmosphäre ist sehr kameradschaftlich. Ich bin froh, über das Ende meiner aktiven Laufbahn selbst bestimmen zu können, die Entscheidung war schon vor der Tour de France gefallen. Dort hatte ich mir mehr erhofft, ich war in Form und hab’s immer wieder versucht. Aber mehr war nicht drin. Jetzt bin ich gespannt auf die Arbeit als Sportlicher Leiter. Und ich freue mich drauf, mit meiner Frau Elke und den Kindern Helena und Jan mehr Zeit verbringen zu können.

(Aufgezeichnet von Thomas Musch, Fotos: Hans A. Roth)