Rad-WM 2009

Unbekannt

 · 30.11.2009

Rad-WM 2009

Trotz Radsportkrise zeigte sich bei der Rad-WM eine vielversprechende und selbstbewusste neue Generation von deutschen Radtalenten. In Mendrisio waren sie noch Zaungäste bei den Siegen von Cadel Evans und Fabian Cancellara, aber bald wollen sie bei den Besten mitmischen.

Paul Martens kann sich noch gut erinnern an den 21. September 2005. Es war der Tag, an dem all seine Träume zu platzen drohten. “Für einen U23-Fahrer ist die Weltmeisterschaft der absolute Saisonhöhepunkt”, erinnert sich Martens an die Titelkämpfe in Madrid. Es sollte sein großer Auftritt werden, der Start in die Profikarriere. Doch am Ende der Plackerei in der spanischen Hitze blieb Rang 17 im WM-Zeitfahren der Nachwuchsklasse. Abends nach dem WM-Rennen erklärte Mario Kummer, Sportchef des T-Mobile-Teams, dem damals fast 22-jährigen Rennfahrer, man habe entschieden, ihm keinen Profivertrag zu geben. “Ich war am Boden zerstört und dachte, ich muss meine Radsport-Karriere beenden, bevor es überhaupt eine Karriere war”, sagt Martens, der fest mit der Unterschrift gerechnet hatte.

Verlagssonderveröffentlichung

Der Weg zum Profi war auch früher nicht immer leicht – obwohl man sich damals noch für eines von drei deutschen Weltklasse- Teams empfehlen konnte. Paul Martens hat es dann doch geschafft, dank gutem Zureden seiner Eltern und über den Umweg zum kleinen holländischen Team Skil-Shimano. Ende September fuhr er in Mendrisio erstmals als Profi eine WM für die deutsche Mannschaft.

Doch nach etlichen Dopingskandalen und einer tiefen Radsportkrise in Deutschland liegt eine neue Generation deutscher Talente am Boden, wie einst Martens nach seinem WM-Rennen. Aber es ist nur eine Momentaufnahme. Als sich im Rennen der Klasse bis 23 Jahre der Franzose Romain Sicard vorne auf den Weg ins Regenbogen trikot macht, gibt John Degenkolb als Verfolger in der Abfahrt von Castel San Pietro noch einmal alles. “Ich bin volles Risiko gegangen, da ist das Vorderrad weggerutscht”, sagt der 20-jährige Geraer, noch zittrig und mit zerrissener Hose. Als der WM-Dritte des Vorjahres mit der Nachhut ins Ziel rollte, lag der gleichaltrige Dominik Nerz noch schwer pumpend auf dem Asphalt. Völlig verausgabt. Platz 20, bester Deutscher. Am Abend vor dem Rennen hat der Allgäuer einen Vertrag bei Team Milram unterschrieben “Wer in diesen Zeiten einen Vertrag angeboten kriegt, wäre blöd, wenn er nicht zuschlagen würde”, sagt der Allgäuer.

Degenkolb und Nerz gelten als vielversprechendste Talente der nächsten Rennfahrer-Generation in Deutschland, die Anlauf nimmt aufs Berufsleben als Radsportler. In schwierigen Zeiten. Aber davon merkt man im spätsommerlichen Tessin wenig. “Eine schöne Veranstaltung. Die Stimmung gerade an den Bergen war riesig – besser als vor einem Jahr in Varese”, meint Degenkolb in seiner WM-Bilanz. Er weiß, er ist auf dem richtigen Weg. Beim Team Columbia hat man auf den bulligen Athleten ein Auge geworfen, der einmal ein guter Spezialist für Frühjahrsklassiker auf Kopfsteinpflaster werden könnte.

Staunen über Cancellara

Und doch wirken die jungen Männer zwischen 20 und 22, als seien sie noch ganz weit weg vom routinierten Profi- Business. “Sie waren schon sehr beeindruckt, wie schnell die Profis nach 250 Kilometern noch den Berg hochfahren konnten”, stellt Bundestrainer Patrick Moster fest. Und als Cadel Evans, der ewige Zweite, verspottet als Zauderer, Bruchpilot, ewiger Mitfavorit, sein Herz in beide Hände nimmt und im langen Anstieg nach Novazzano alle Konkurrenten stehen lässt, sitzt Degenkolb überrascht vor dem Fernseher: “Man muss schon was draufhaben, wenn man Cancellara oder den Italienern ein Schnippchen schlagen will.”

Den gesamten Bericht finden Sie unten als PDF-Download. 

Die Rennen in Kürze:

• Männer, Straßenrennen, 262,2 km:

1. Cadel Evans (AUS), 6:56:26 Std. (37,77 km/h)

2. Alexander Kolobnev (RUS), 27 Sek. zur.

3. Joaquim Rodríguez (ESP), gleiche Zeit

• Männer, Einzelzeitfahren, 49,8 km:

1. Fabian Cancellara (ITA), 57:55 Min. (51,58 km/h)

2. Gustav Erik Larsson (SWE), 1:27 Min. zur.

3. Tony Martin (GER), 2:30 Min.

• Frauen, Straßenrennen, 124,2 km:

1. Tatiana Guderzo (ITA), 3:33:25 Std. (34,91 km/h)

2. Marianne Vos (NED), 19 Sekunden zurück

3. Noemi Cantele (ITA), gleiche Zeit

• Frauen, Einzelzeitfahren, 26,8 km:

1. Kristin Armstrong (USA), 35:26 Min. (45,37 km/h)

2. Noemi Cantele (ITA), 55 Sek. zur.

3. Linda Villumsen (DEN), 58 Sek.

• Männer U23, Straßenrennen, 179,4 km: 

1. Romain Sicard (FRA), 4:41:54 Std. (38,18 km/h)

2. Carlos Alberto Betancur (COL), 27 Sek. zur.

3. Igor Silin (RUS), gleiche Zeit

• Männer U23, Einzelzeitfahren, 33,2 km: 

1. Jack Bobridge (AUS), 40:44 Min. (48,88 km/h)

2. Nelson Oliveira (POR), 18 Sek. zur.

3. Patrick Gretsch (GER), 27 Sek. zur

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