Matthias Kessler

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Unbekannt

 6/28/2005, Lesezeit: 4 Minuten

Nach seinem schweren Sturz bei der Tour de France 2004 startete Matthias Kessler ein eindrucksvolles Comeback. Und zeigte, warum er sich als einziger junger deutscher Profi im Team T-Mobile durchsetzen konnte.

Am 14. Juli 2004, auf der ersten Bergetappe der Tour de France im Zentralmassiv, bekam Matthias Kessler unerwartet und völlig unerwünscht die volle Aufmerksamkeit von Millionen Fernsehzuschauern: In der Abfahrt vom Col de Pas de Peyrol schoss er mit Tempo 70 aus der Gruppe mit Ullrich und Armstrong von der Straße in den Graben und prallte gegen den Holzpflock eines Weidezauns. Für ein paar bange Momente musste man fürchten, der reglose T-Mobile-Profi habe sich Kreuz oder Genick gebrochen. Doch wenig später schleppte er sich gestützt von den Teamchefs Walter Godefroot und Mario Kummer aus dem Straßengraben, hielt sich kurz den Rücken, stieg wieder aufs Rad und erreichte mit 25 Minuten Rückstand auf Sieger Virenque das Ziel. Doch die Quälerei über 50 Kilometer war umsonst. Innere Blutungen, ein kollabierender Lungenflügel, ein Rippenbruch, Prellungen und Blutergüsse am ganzen Körper – so lautete die Diagnose im Krankenhaus; weiterfahren am nächsten Tag sei unmöglich, erklärten die Ärzte.

Nichts wurde aus Kesslers großem Ziel, als Helfer in den Pyrenäen und Alpen möglichst lange an der Seite seines Freundes und Kapitäns Jan Ullrich zu bleiben. Doch Kessler hielt sich nicht lange mit der Enttäuschung auf, organisierte in seiner Wahlheimat, dem Städtchen Kreuzlingen in der Schweiz, seine Reha und saß nach sechs Wochen Pause im Sattel, als sei nichts gewesen. Die Art und Weise, wie sich Kessler nach seinem Sturz auf der 10. Tour-Etappe wieder aufgerappelt hat, zeugt von Willensstärke und Härte gegen sich selbst. Qualitäten, die dem 25-jährigen Franken dabei geholfen haben, dass er sich als einziger deutscher Profi seiner Generation beim Weltranglisten-Ersten Team T-Mobile durchsetzen konnte.

Kessler hat die harte Auslese überstanden. Der 1,72 Meter große und 67 Kilo schwere Franke ist fleißig im Training, mit dem Gefühl für die Grenzen seines Körpers, robust und daher stets in den wichtigen Rennen auch fit. Seine Kraft kommt scheinbar nicht nur aus den Beinen, sondern auch aus dem Kopf. „Sein Selbstbewusstsein sucht unter den deutschen Radprofis seinesgleichen“, sagt Bölts und betont: „Aber er erkennt Hierarchien an und macht sich bei den Rennen keine Gedanken, ob das Hotel nun gut oder schlecht ist. Er ist einfach nur besessen, ein gutes Rennen zu fahren.“ Und das wurde wohlwollend registriert. Es ist eine schwierige Gratwanderung für junge, ehrgeizige Profis: nicht zu schnell nach vorne zu preschen, sich aber auch nicht gleich in den Hintergrund drängen zu lassen.

Während andere sich über weite Strecken als Helfer mächtig ins Zeug legen müssen, hat sich Kessler frühzeitig Freiräume erarbeitet, sich in eine verantwortliche Rolle gedrängt und Forderungen gestellt. Der kämpferische Franke hat den Vorteil, dass er sein großes Talent bei den bergigen Frühjahrsklassikern auch ausspielen darf. Er muss sich nicht wie die Sprinter Baumann oder Hondo dem zuverlässig schnellen Sprint-Star Zabel unterordnen, und er muss nicht wie Andreas Klöden Jan Ullrich die Rolle des Kapitäns bei der Tour überlassen. An den giftigen Anstiegen der Frühjahrsklassiker haben nämlich die Teams die besten Chancen, die auf den letzten Kilometern wechselweise mit mehreren Fahrern angreifen können; für Kessler war es eine glückliche Fügung, dass er Talent für die einzig freie Hauptrolle im Team T-Mobile hatte.

Seit Kessler im Alter von zehn Jahren beim Nürnberger Radsportclub RC Herpersdorf aufs Rennrad stieg, weil er seinem drei Jahre älteren Bruder Andreas nacheifern wollte, hat er viele abgehängt, jedoch selbst nie den Anschluss verloren. „Andreas war der Talentiertere, aber Matthias war ehrgeiziger“, betont Vater Karlheinz Kessler, dessen älterer Sohn den Sprung zu den Profis nicht schaffte.

Und wie geht es mit Matthias Kessler weiter? Er will endlich einen der schweren Klassiker im Frühjahr gewinnen, am liebsten Lüttich-Bastogne-Lüttich. Dann hätte er eines seiner Ziele verwirklicht. Und das andere? „Noch einmal Jan Ullrich dabei helfen, die Tour de France zu gewinnen“, sagt er, während er mit Ullrich im Dezember in Südafrika trainiert. Ob das brave Unterordnung ist oder einmal mehr die Besessenheit, ein schwieriges Karriereziel zu verwirklichen? Sportdirektor Mario Kummer sagt, Kessler formuliere fast immer realistische Ziele.