Marianne Vos

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Unbekannt

 5/22/2007, Lesezeit: 5 Minuten

In ihrem ersten Profi-Jahr (2006) wurde Marianne Vos Weltmeisterin im Cross und auf der Straße, übertraf alle Erwartungen – vor allem ihre eigenen. Jetzt will sie ihren Cross-Titel in Belgien verteidigen. TOUR hat die junge Niederländerin zu Hause besucht.

Auf dem kleinen Nachttisch von Marianne Vos liegt eine Autogrammkarte – geschützt unter Glas, mit persönlicher Widmung. „Von Hanka Kupfernagel“, sagt die 19-Jährige stolz. Sie schaut dabei so, wie Mädchen eben schauen, wenn sie jemanden bewundern und zieht noch ein Hanka-Poster hervor. Natürlich ebenfalls mit persönlicher Widmung versehen.

Dabei hatte die junge Niederländerin auf dem WM-Kurs im heimischen Zeddam keinerlei Respekt zu erkennen gegeben und Kupfernagel im Sprint um den Titel stehen lassen. „Das war schon komisch, Hanka zu schlagen, aber ich wollte eben gewinnen“, sagt sie fast entschuldigend. An ihrer Bewunderung der großen Konkurrentin aus Deutschland ändert ihr eigener Erfolg nichts: „Hanka fährt schon so viele Jahre in der Weltspitze mit, zeigt eine solche Konstanz, davon bin ich meilenweit entfernt.“

Eine Bescheidenheit, die andere an ihrer Stelle wohl nicht an den Tag legen würden. Denn Marianne Vos holte in ihrem ersten Profijahr nicht nur WM-Gold im Cross, sondern acht Monate später auch auf der Straße – ein Double, das vor ihr noch keine Fahrerin geschafft hatte. Dazu gewann sie die Europameisterschaften im Cross und auf der Straße sowie die Holländische Straßenmeisterschaft.  Marianne Vos selbst ist von ihrer Leistung im ersten Profijahr überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass es so gut läuft“, sagt sie. „Ich wollte Erfahrung sammeln und vielleicht mal vorne mit dabei sein. Jetzt habe ich fünf Titel gewonnen, die ich im nächsten Jahr natürlich verteidigen möchte.“ Trotz ihres Erstaunens ist sie auch stolz auf ihre Leistungen und weiß um ihre Begabung: „Ich habe mich auf dem Rad immer zu Hause gefühlt, ich denke, ich habe einfach Talent dafür.“

BEWEGUNGSTALENT

Dieses Talent ist erkennbar, sobald die 19-Jährige auf dem Rad sitzt. Auf dem Weg zur Cross-Trainingsrunde unweit ihres Heimatdorfes Babylonienbroëk begleitet Vater Henk sie mit dem Auto. Die Tachonadel pendelt knapp über der 40 Stundenkilometer-Marke – trotzdem kurbelt Marianne entspannt, sie atmet ruhig. Die Crossreifen an ihrem Weltmeisterrad – extra für sie in einer weißen Sonderlackierung mit regenbogenfarbigen Streifen angefertigt – hat sie nur auf 1,5 Bar aufgepumpt, um im Gelände genügend Grip zu haben. „Sie fährt alles mit Souplesse, das war schon von Anfang an so, große Gänge tritt sie nie“, erzählt Henk, der früher selbst Crossrennen gefahren ist. Ab und zu wartet seine Tochter an einer Kreuzung auf ihn – der Weg zum Crossparcours ist mit dem Fahrrad kürzer als mit dem Auto. Dann hüpft sie mit dem Rad ungeduldig auf der Stelle, vertreibt sich mit Kunststückchen wie Wheelies oder Nosestands die Zeit. Ihr Rad ist ihr Spielzeug, sie beherrscht es mit einer Perfektion, die ihr in die Wiege gelegt worden ist.

Neben ihrer außergewöhnlichen Radbeherrschung besitzt Vos mit 5,6 Watt pro Kilogramm Körpergewicht eine herausragende Leistungsfähigkeit. Doch trotz ihrer Begabung und des frühen Erfolges macht sich Marianne Vos keinen Druck: „Warum sollte ich? Ich habe mit 19 Jahren bereits so viel erreicht, da wäre es keine Schande, wenn ich aufhören würde – aber dazu habe ich viel zu viel Spaß am Radfahren“, sagt sie und lächelt dabei.

KEIN ERWARTUNGSDRUCK

Familie Vos lebt in einem bescheidenen kleinen Häuschen in Babylonienbroëk, einem Dorf mit gerade mal 400 Einwohnern und einer größeren Straße. Mariannes Pokale, Trophäen und Medaillen verteilen sich in der ganzen Wohnung, sie stehen auf dem Küchentisch, im Flur auf dem Boden und im Wohnzimmer neben dem Kamin. Viel wichtiger als die Pokale ist es ihm, seine Tochter nicht zu überfordern. Er kümmert sich gemeinsam mit Anton (Mariannes fünf Jahre älteren Bruder) um das größte Talent in dieser radbegeisterten Familie. Beide begleiten Marianne auf Trainingsfahrten – zu Wettkämpfen reist die ganze Familie mit dem Wohnmobil an. Anton ist außerdem für die Website seiner kleinen Schwester verantwortlich.

„Mir ist es sehr wichtig, neben dem Radsport auch noch andere Dinge zu machen und eine Zukunft aufzubauen“, lenkt sie das Gespräch auf ein anderes Thema. Seit September 2006 studiert sie Biomedizin und fährt unter der Woche mit ihrem roten Polo täglich die 70 Kilometer an die Universität Nijmegen. Trainiert wird abends – und zwar erstaunlich wenig und variabel. Momentan sind es etwa acht Stunden pro Woche, montags trainiert sie mit ihren Vereinskameraden vom Team Brabant 2000 im nahe gelegenen Ort Nieuwkuyk auf der Bahn, dienstags geht es auf den benachbarten Crossparcours. Besonderen Spaß macht es ihr, einmal pro Woche im 30 Kilometer entfernten Breda in der Kunsteishalle Eisschnellauf zu trainieren – mit Irene Wüst, der Olympiasiegerin über 3.000 Meter von Turin, ist sie befreundet. „Vielleicht ist das der Grund für Mariannes Erfolg: Dass wir sie nicht drängen, sondern langsam aufbauen“, sagt Vater Henk nachdenklich.

Dass sie das Zeug zum Siegen hat, davon ist auch ihr Idol Hanka Kupfernagel überzeugt: „Mittlerweile weiß jede Fahrerin, dass die eigenen Siegchancen dramatisch schwinden, wenn Marianne bis zum Ziel mit dabei ist. Sie hat eine unglaubliche Endschnelligkeit und auch ihre Raketenstarts faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Mit ihrem Ehrgeiz und Talent hat sie noch Großes vor sich.“ Ein schöneres Kompliment kann ein Fan von seinem Idol wohl kaum bekommen.

STECKBRIEF

Geburtstag: 13. Mai 1987
Geburtsort: s’Hertogenbosch (Niederlande)
Größe: 1,68 Meter
Gewicht: 55 Kilo
Profi seit: 2006;
Team: DSB-Bank
Wichtigste Erfolge:
2004: Junioren-Weltmeisterin Straße
2005: Cross-Europameisterin
2006: Holländische Meisterin Straße; Europameisterin Cross; Europameisterin Straße; Weltmeisterin Cross; Weltmeisterin Straße

(Text: Eva Stammberger, Fotos: Philipp Hympendahl)