Marco Pantani

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Unbekannt

 7/21/2004, Lesezeit: 5 Minuten

Am 14. Februar 2004 endete das Leben des Marco Pantani nach nur 34 Jahren. Als charismatischer Rennfahrer begeisterte er die Massen, als Mensch zerbrach er am System des Profiradsports und starb verlassen von Freunden und Familie.

Angenommen, Helden würden schon als Helden geboren: Vielleicht hätte Marco Pantani seinen tiefen Fall dann überlebt. Geborene Helden wären vermutlich nicht unterzukriegen. Doch Pantani wurde erst von den Medien zum Helden gemacht. Er siegte und wurde gefeiert. Das ist so im Sport. Als er in den Verdacht geriet, sich mit Doping zum Erfolg geputscht zu haben, als er den Erwartungen, dem eigenen Ehrgeiz nicht mehr gerecht wurde, strauchelte er. Geborene Helden fangen sich und gehen aufrecht weiter. Doch Pantanis Weg führte in die Hölle: Tabletten, Alkohol, Drogen. Und von dort gab es kein Zurück. Marco Pantani starb am 14. Februar 2004, einen Monat nach seinem 34. Geburtstag. Und es spielt keine Rolle mehr, ob er sich exakt an jenem Samstagnachmittag in einem unscheinbaren kleinen Adria-Hotel das Leben genommen hat, ob er sich über die Jahre sukzessive vergiftete oder ob sein Herz versagt hat, ein gequältes, misshandeltes Sportlerherz, das nicht mehr konnte. Jenseits aller Spekulationen ist Pantani letztlich zerbrochen, weil sein Helden-Epos zur Tragödie verkam, die vom traurigen Ende eines langen, einsamen Irrwegs erzählt.


STATIONEN EINER KARRIERE
Große Siege, kapitale Stürze, bittere Niederlagen und Gerichtsprozesse ziehen sich durch die Profikarriere des Kletterspezialisten Marco Pantani wie die Anstiege und Abfahrten einer Bergetappe.

1970: Marco Pantani wird am 13. Januar in Cesena, nahe der Adriaküste bei Rimini, geboren.

1992: Gesamtsieg beim Giro d’Italia der Amateure und Profivertrag bei Carrera.

1994: Zwei Etappensiege und Platz zwei beim Giro, Dritter der Tour de France. Pantani begeistert die Fans als Kletterspezialist.

1995: Ein Trainingsunfall mit Gehirnerschütterung vereitelt den Giro- Start. Bei der Tour de France gelingen ihm Etappensiege in L’Alpe d’Huez und Guzet-Neige. Bei der Weltmeisterschaft in Kolumbien gewinnt er im Straßenrennen Bronze hinter Abraham Olano und Miguel Indurain. Im Herbst bricht er sich die Beine, als er beim Rennen Mailand-Turin mit einem entgegenkommenden Auto kollidiert. Bei der anschließenden Operation wird ein erhöhter Hämatokritwert von 60 festgestellt.

1996: Die Heilung der Beinbrüche dauert fast eineinhalb Jahre.

1997: Nach Streckenrekord im Schlussanstieg der Etappe nach L’Alpe d’Huez und Etappensieg in Morzine wird er Gesamtdritter der Tour de France.

1998: Nach dem Giro d’Italia gewinnt Pantani auch die Tour de France, bei der er die Bergetappen nach Plateau de Beille und Les-Deux-Alpes für sich entscheidet.

1999: Nach Blutkontrolle beim Giro und erhöhtem Hämatokritwert folgen – einen Tag vor seinem möglichen zweiten Sieg – die Disqualifikation und eine zweiwöchige Zwangspause.

2000: Im Frühjahr wird Pantani wegen Sportbetrugs angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm aufgrund des 1995 festgestellten erhöhten Hämatokritwerts die Einnahme von EPO vor. Im März fährt Pantani seinen Porsche zu Schrott, als er wegen überhöhter Geschwindigkeit eine Straßenlaterne rammt. Pantani startet beim Giro, bricht in den Bergen ein und fährt danach als Helfer seines Teamkollegen Stefano Garzelli das Rennen zu Ende. Bei der Tour siegt er in Courchevel und auf dem Mont Ventoux. Im November rast er mit seinem Mercedes gegen die Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße und verursacht eine Massenkarambolage. Im Dezember wird das neue Gesetz gegen Sportbetrug in Italien erstmals angewandt: Pantani wird in einem Prozess zu einer dreimonatigen Bewährungsstrafe und einer Wettkampfsperre von sechs Monaten verurteilt.

2001: Aufgrund des erhöhten Hämatokritwerts beim Giro ‘99 wird Pantani erneut wegen Sportbetrugs angeklagt. Beim Giro findet eine groß angelegte Razzia statt: In Pantanis Hotelzimmer wird eine gebrauchte Insulinspritze gefunden.

2002: Pantani startet beim Giro, gibt aber in den Dolomiten auf. Er wird erneut wegen Sportbetrugs verurteilt und für sechs Monate gesperrt, in der Revision aber freigesprochen. Das Gericht begründet den Freispruch damit, dass das Gesetz zum Zeitpunkt des Vergehens noch nicht in Kraft war.

2003: Pantani belegt Platz 14 beim Giro. Im Sommer begibt er sich für zwei Wochen zur Behandlung in eine Nerven- und Suchtklinik bei Padua. Im Oktober wird Pantani in zweiter Instanz vom Vorwurf des Sportbetrugs im Jahr ‘95 freigesprochen.

2004: Der Strafrechts-Prozess wegen der gefundenen Insulinspritze steht noch aus. Am 14. Februar stirbt Marco Pantani in einem Hotelzimmer in Rimini.

Nachtrag aus TOUR 5/2004:

TODESURSACHE GEKLÄRT
Marco Pantani hat keinen Selbstmord begangen. Er starb an einer Überdosis Kokain. Zu diesem Schluss kam der für den Fall zuständige Gerichtsmediziner Giuseppe Fortuni in seinem Gutachten. Damit der Name Marco Pantani auch nach dem Tod des italienischen Radstars nicht aus den Köpfen der Menschen verschwindet, wurde zum Gedenken an den ehemaligen Tour-de-France-Sieger eine Stiftung „Marco Pantani“ gegründet, die Kinder in Not finanziell unterstützt. „Marco wollte Kindern immer ein Beispiel sein, an dem sie sich orientieren können“, begründete Pantanis Managerin Manuela Ronchi den Entschluss. Unter Leitung von Pantanis Mutter, die der Stiftung als Präsidentin vorsteht, soll bei verschiedenen Veranstaltungen Geld für Kinderhilfs-Projekte gesammelt werden – zum Beispiel beim Granfondo Marco Pantani, der am 6. Juni 2004 erstmals in Forte dei Marmi stattfindet.