Lieferprobleme und Preiskarussell: Rad-Branche kämpft mit RohstoffknappheitFoto: dadgrafik

NewsLieferprobleme und Preiskarussell: Rad-Branche kämpft mit Rohstoffknappheit

Alisa Rathke

 4/8/2022, Lesezeit: 7 Minuten

Produktionsausfälle und Lieferengpässe: In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Corona-Pandemie stark auf die Fahrradbranche ausgewirkt. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts hatten sich die Lieferprobleme im Januar etwas entspannt. Die Hersteller und Händler spüren jedoch kaum eine Verbesserung. Hinzu kommt der Rohstoffmangel, der Preiserhöhungen unvermeidbar macht.

Während der Pandemie hat die Fahrradbranche einen Boom erlebt und dem Handel zuletzt hohe Umsätze beschert. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) wurden 2020 mehr als fünf Millionen Fahrräder und Pedelecs in Deutschland verkauft, was einen Anstieg von fast 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Die Verkaufszahl ging zwar 2021 auf 4,7 Millionen zurück, dennoch liegt sie deutlich über dem Niveau vor der Pandemie und ist damit als Erfolg zu verbuchen. Die anhaltend hohe Nachfrage hatte aber zur Folge, dass die Hersteller kaum mit der Produktion hinterherkamen. Die Preise stiegen, und Lieferungen benötigten mehrere Monate bis hin zu einem Jahr. Das ist vor allem auf Unterbrechungen in den Produktionen und folglich auch in den Lieferketten zurückzuführen. So musste Komponentenhersteller Shimano seine Produktion in Malaysia aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen im Juni 2021 sogar komplett einstellen. Trotz des Produktionsausfalls nahm die Fahrradsparte bei Shimano 3,36 Milliarden Euro ein, wodurch 2021 als bestes Jahr in die Firmengeschichte des japanischen Unternehmens einging.

Verfügbarkeit im Einzelhandel

Nach den schwierigen zwei Jahren entspannte sich die Lage Anfang dieses Jahres etwas. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) erhob in den vergangenen Monaten Umfragen über die Lieferprobleme im Einzelhandel. Demnach bekamen noch im Dezember 2021 81,6 Prozent der Einzelhändler nicht alle bestellten Waren geliefert. Im Januar 2022 sah es schon besser aus: Da waren es nur noch 57,1 Prozent. „Die Entspannung im Januar war nicht nachhaltig“, sagt aber der Leiter der ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe, nachdem die Zahl im Februar wieder auf 76,3 Prozent stieg.

Rohstoffknappheit bereitet Probleme

Laut ifo sind aktuell knapp 96 Prozent des Fahrradhandels von Lieferproblemen betroffen. Die eingebrochenen Lieferketten sind vor allem dem Rohstoffmangel geschuldet. Die Probleme bei der Materialbeschaffung kann Frank Schraivogel, Einkäufer für Räder und Zubehör bei Reischmann, bestätigen. Das Unternehmen betreibt Sport- und Modehäuser an vier süddeutschen Standorten .

Komponenten wie eine Ultegra-Gruppe sind besonders rar.Foto: Matthias Borchers
Komponenten wie eine Ultegra-Gruppe sind besonders rar.

Da Stahl knapper und teurer wurde, weshalb es unter anderem bei Shimano-Komponenten zu Verzögerungen kommt, sieht Schraivogel kaum eine Veränderung zu 2020 und 2021. Aktuell sei Reischmann im Rückstand mit der Ware, da noch immer nicht alle Fahrräder aus dem vergangenen Jahr geliefert wurden. Auch mit den Rädern für 2022 sei man im Verzug. Auf Januar veranschlagte Lieferungen ziehen sich bis in die Mitte, teilweise sogar bis Ende des Jahres. „Manche Räder wurden gecancelt, das liegt aber nicht an den Herstellern, sondern an den Zubehörteilen wie Ketten, Bremsen und Kassetten. Gerade die Verschleißteile sind ein riesiges Problem“, so Schraivogel. Es komme aber vor allem auch darauf an, wo das Rad fertig gestellt werde. Wenn Teile aus Asien kommen, das Rad aber in Europa zusammengebaut wird, sei das besser, als wenn alles in Asien gemacht wird.

Der Einkäufer Frank Schraivogel hat nicht nur beruflich mit Fahrrädern zu tun, sondern ist auch privat begeisterter Radfahrer.Foto: privat
Der Einkäufer Frank Schraivogel hat nicht nur beruflich mit Fahrrädern zu tun, sondern ist auch privat begeisterter Radfahrer.

Ein Beispiel dafür ist Hersteller und Versender Canyon. Die Produktion von Rahmen und anderen Einzelteilen erfolgt in Asien, Montage und Versand in Deutschland. Durch den Direktversand steht Canyon im direkten Austausch mit den Kunden und konnte die Situation in Deutschland aus nächster Nähe betrachten. Ben Hillsdon, Global Communications Manager bei Canyon, sieht das als großen Vorteil. „Wir hatten frühzeitig Hinweise auf die sich verschlechternden Covid-Bedingungen und konnten die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Produktion durch schnelles Handeln auf ein Mindestmaß begrenzen.”

Die Lieferungen würden durch eine Kombination aus hoher Nachfrage und Einschränkungen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken entlang der Lieferketten beeinträchtigt. Jedoch könne die Produktionsplanung von Canyon sehr schnell auf Veränderungen in der Lieferkette reagieren: „Das Fabrik- und Logistikteam hat große Flexibilität darin bewiesen, sich auf diese Herausforderungen einzustellen”, sagt Hillsdon. Die Produktion sei nicht zum Stillstand gekommen, und durch eine zweite Schicht in der Canyon Factory habe man flexibel auf die eingehende Nachfrage reagieren können.

Canyon arbeite mit den Lieferanten zusammen, um vorauszuplanen. „In den letzten Monaten haben wir auch in die Prozesse des Ersatzteilmanagements investiert”, sagt der Sprecher. Beispielsweise sei eine Ersatzteilsuche für markeneigenen Produkte und eine ‚Bike Garage‘ eingerichtet worden. „In der können sich Kunden mit der Seriennummer ihres Fahrrads anmelden, um die Ersatz- und Verschleißteile zu sehen, die wir für ihr Fahrrad auf Lager haben”, erklärt Hillsdon.

Wie geht es weiter?

Aussicht auf Besserungen sieht Reischmann-Einkäufer Schraivogel für die Zubehörthematik 2023. Die Liefersituation der Kompletträder bessere sich bereits, eine Sicherheit habe man dadurch aber noch nicht. „Die Orderabgaben für 2023 und 2024 wurden schon jetzt getätigt, obwohl wir noch nicht genau wissen, was lieferbar ist“, sagt er. Auch die genauen Preise seien noch nicht klar, weshalb ein sogenanntes Vertrauenslimit notwendig sei. Reischmann kommuniziert den Herstellern eine Summe, die bei den Gesamtkosten letztendlich nicht überstiegen werden darf. Das ist vor allem den Preiserhöhungen geschuldet. 2021 haben sich die Preise sowohl im Einkauf als auch im Verkauf bereits um 10 Prozent erhöht, jetzt im Schnitt nochmal 10 bis 20 Prozent, weiß Frank Schraivogel. Im Zubehörbereich sei es aber nicht ganz so schlimm wie bei den Rädern. „Bremsbeläge kosteten mal 19, dann 20 und jetzt 24 Euro. Da wird das nicht so widergespiegelt. Stark ersichtlich ist es bei den Rädern, die erst 3.300, dann 3.500 gekostet haben und jetzt zwischen 3.700 und 3.800 Euro liegen.“

Die Preissteigerungen bei Kompletträdern spüren vor allem auch die Käufer. So hatte der deutsche Fahrradhersteller Rose Bikes in einer Pressemitteilung eine Steigerung der Rad-Preise ab Ende März um 10 Prozent angekündigt. „Zum letzten Jahr hat sich bei der Beschaffung unserer Bike-Komponenten nichts geändert. Im Gegenteil: Die Preise nahezu aller Zulieferer haben sich weiter erhöht, der Transport zu uns ist ebenfalls teuer“, sagt Rose-Bikes-Geschäftsführer Thorsten Heckrath-Rose. Durch die Erweiterung von Lagerflächen und mehr Bestellvorlauf konnte der Rückstand größtenteils aufgeholt werden. Doch neben den hohen Frachtkosten ist auch hier der Rohstoffmangel ein großes Problem.

Seit 2021 sind die Preise bei vielen Radherstellern gestiegen.Foto: Lydia Eylert
Seit 2021 sind die Preise bei vielen Radherstellern gestiegen.

Weniger Ausfälle bei Bekleidung

Die Bekleidungssparte leidet offenbar weniger unter den Auswirkungen von Corona. Die Firma Löffler beispielsweise wurde laut eigener Aussage in den vergangenen Jahren nicht mit Produktionsausfällen konfrontiert. Aufgrund von Krankheitsfällen sei es zu Kapazitätseinbußen gekommen, die zu Verzögerungen, nicht jedoch zu Ausfällen führten. Das ist vor allem auf die eigene Produktion und interne Prozessabwicklung von Löffler zurückzuführen. Die Marke unterscheidet sich damit stark von ihren Mitbewerbern. „Aufgrund unserer hohen Fertigungstiefe bilden wir sehr viele Prozesse bei uns intern ab und haben damit die Produktionsschritte selbst in der Hand. Von der Produktentwicklung und Design, Strickerei, Zuschnitt und Konfektion über Näharbeiten bis hin zur Endkontrolle, Lager und Versand erfolgen nach wie vor in Österreich“, erklärt Peter Tiepoldt, Head of Supply-Chain-Management (SCM). Tiepoldt ist seit 31 Jahren bei Löffler tätig und als Logistik-Manager für die Lieferketten im Unternehmen zuständig. Im Zuge der Covid-19-Pandemie wurden die Beschaffungsszenarien um acht Wochen vorverlegt, um eventuellen Ausfällen entgegenzuwirken. Mit dieser längeren Vorlaufzeit verlängert sich folglich auch die Planung. Für die hauseigene Strickerei am Firmensitz in Ried im Innkreis, in der 70 Prozent der Stoffe selbst gestrickt werden, wurden die Bestände an Strickgarn erhöht. „Eine signifikante Veränderung nehmen wir, wie auch alle anderen, bei den Transportkosten wahr. Diese sind in den letzten zwei Jahren wesentlich gestiegen“, sagt Tiepoldt.

Peter Tiepoldt, Head of SCM, in der hauseigenen Stickerei von Löffler in Ried im Innkreis.Foto: Löffler
Peter Tiepoldt, Head of SCM, in der hauseigenen Stickerei von Löffler in Ried im Innkreis.

Eine Normalisierung der Situation ist erst einmal nicht in Sicht. Fachhändler Schraivogel sieht bis nächstes Jahr zwar eine Verbesserung, aber „erst 2024 wird es wieder normal sein“. Auswirkungen des Ukraine-Kriegs seien laut Schraivogel bisher noch nicht zu spüren. „Nachlagernd bemerken wir vielleicht Veränderungen. Das schlägt dann nicht jetzt, sondern erst in einem halben Jahr ein”, vermutet er. Canyon-Sprecher Hillsdon glaubt, dass durch die Abnahme der Covid-Beschränkungen in diesem Jahr die Belegschaft in kritischen Bereichen wie der Produktion und Planung stabiler sein werde und Canyon in seinen Prognosen zuversichtlicher sein könne. Eine komplette Normalisierung der Verfügbarkeit hänge aber von einer Reihe politischer und globaler Faktoren in der Lieferkette ab. „Es ist schwierig, hier Vorhersagen über die Zukunft zu treffen”, sagt Ben Hillsdon.

Kunden müssen also weiterhin mit Einschränkungen beim Kauf von Ersatzteilen oder Kompletträdern rechnen. Da ist es sinnvoll, seine Suche breiter anzulegen und sich alternative Modelle zum Wunschrad zu überlegen. Und wenn das gewünschte Rad online ausverkauft ist, hat man durchaus die Chance, es noch bei manchem Fachhändler zu finden.