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Jens Lehmann

Unbekannt

 · 01.02.2004

Jens LehmannFoto: Dirk Deckbar

Er ist einer der erfolgreichsten Radsportler Deutschlands: Jens Lehmann besitzt immerhin acht Goldmedaillen. Doch die Folgen des Skandals bei der Bahn-WM 2003 schweben wie ein Damoklesschwert über seiner Olympia-Teilnahme in diesem Jahr – und damit über dem glanzvollen Abschluss seiner Karriere. Ein Porträt...

Es surrt. Unaufhörlich. Gleichförmig. Selbst draußen vor der schweren Garagen-Tür ist das monotone Brummen zu hören, das auch die sanft aus dem Autoradio rieselnde Unterhaltungmusik nicht zu übertönen vermag. Dann hebt sich das Tor und gibt den Blick frei aufs Innere. Zum Vorschein kommen: Ein blauer Van – und ein Olympiasieger bei der Arbeit. Ganz hinten in der Garage, zwischen Auto, Langlaufskiern, Leiter, Grill und allerlei an der Wand hängenden Fahrrädern sitzt Jens Lehmann auf dem Fahrradergometer und kurbelt vor sich hin. Drei Stunden Training stehen am frühen Vormittag an, ein Programm, das knapp 110 Kilometern mit meist über zehn Prozent Steigung entspricht. Schweiß rinnt an Armen und Beinen hinab, der drahtige Körper dampft vor Hitze. Jens Lehmann keucht, in seinen Mundwinkeln hat sich Schaum gesammelt. Er sagt: „Ich fahre nach wie vor gerne Rad. Ich sehe das nicht als Arbeit.“

Ersteres darf man dem 36-Jährigen getrost glauben. Letzteres hingegen ist nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich ist das Radfahren Arbeit für Jens Lehmann, sein Job. Seit fast zehn Jahren fährt er nun schon als Profi ums Holzoval, auf dem er es zum erfolgreichsten deutschen Bahnrad-Fahrer gebracht hat. Zweimal Gold bei Olympia, 1992 und 2000, im Vierer, zweimal Olympiasilber in der Einerverfolgung, zudem sechs WM-Titel plus weitere sieben WM-Medaillen. Jens Lehmann ist einer der Großen im deutschen Radsport, auch wenn das im Lande Jan Ullrichs bisweilen in den Hintergrund gerät.

Lehmann stört das nicht. Er sagt: „Man kann die Bahn nicht mit der Straße vergleichen. Das ist wie Äpfel und Birnen.“ –  „Wenn man gut ist, kann man auch auf der Bahn Geld verdienen“, erzählt Lehmann, für einen Profi ist das ja nicht unwichtig. „Ich habe immer gutes Geld verdient“, sagt Lehmann, er ist schließlich einer der Besten. Man kann das sogar sehen: am schmucken Einfamilienhäuschen, das er vor ein paar Jahren im Leipziger Stadtteil Engelsdorf gebaut hat.


Privilegiert als Radsportler
Hier wohnt Jens Lehmann zusammen mit Ehefrau und Kindern. Jens Lehmann ist eine Art Handlungsreisender in Sachen Bahnradsport, den er ein bisschen auch als Familienunternehmen betreibt. Er fährt Rad, Gattin Gabi, die zu DDR-Zeiten eine erfolgreiche Radsportlerin war, besorgt „zu 95 Prozent das, was sonst noch so anfällt“, Managementaufgaben inbegriffen. Die Familie Lehmann hat ihr Geschäft gut geregelt. „Ich sehe es nach wie vor als Privileg an, so zu leben, wie ich lebe“, sagt Jens Lehmann.

Dabei war das Leben als Jens Lehmann in der jüngsten Vergangenheit nicht eben leicht. Als „Rebell“ geisterte der Mann aus Leipzig zuletzt durch die Medien. Eingebrockt haben ihm dies jene Vorkommnisse, die bei der Bahnrad-WM im Juli 2003 in Stuttgart dazu geführt hatten, dass erstmals seit 1962 kein deutscher Bahnvierer am Start stand. Seinen Beginn nahm der Eklat freilich schon ein paar Tage zuvor, bei der Auswahl, wer die Einerverfolgung fahren sollte. Lehmann, sportlich längst qualifiziert, galt als gesetzt – und wurde zwei Tage vor dem Wettbewerb ohne ersichtlichen Grund durch den Potsdamer Olympiasieger Robert Bartko ersetzt. Dass Bartko im Einzelrennen Sechster wurde, macht die Angelegenheit nur noch peinlicher für den BDR. Lehmann sagt noch heute: „Ich fühle mich um eine mögliche Medaille betrogen.“  Im Vierer wollte er dennoch starten. Bis es auch hier zu Ungereimtheiten bei der Nominierung kam: Bartko und der für den Vierer nicht qualifizierte Berliner Guido Fulst sollten nach Angabe von BDR-Sportdirektor Burckhard Bremer kurzfristig ins Team rücken. Das Fass war endgültig übergelaufen. Kurz darauf meldete der BDR seinen Vierer ab.


Schweigend zur Goldmedaille
Ein halbes Jahr später sitzt Lehmann an einem seiner seltenen freien Tage in seinem schönen Haus in Leipzig- Engelsdorf, schüttelt den Kopf und sagt: „Das hat uns alle überrascht. Das hat keiner gewollt." Für nette Sozialromantik findet sich in Lehmanns Verständnis von Leistungssport jedenfalls kein Platz; mit dem Bild der vier um die Bahn radelnden Freunde räumt er ziemlich emotionslos auf: „In Sydney“, sagt Lehmann, wo er mit Becke, Bartko und Fulst Gold gewonnen hat, „haben wir in drei Wochen fast kein Wort miteinander geredet. Aber wir sind Weltrekord gefahren.“

Sydney ist vorbei, Athen steht vor der Tür. Olympia 2004 sollte der Schlusspunkt sein unter seiner großen Karriere, so jedenfalls hat es Lehmanns Lebensplan bis zum vergangenen Sommer vorgesehen, bis zum Eklat in Stuttgart. Zwar hat der BDR die Sperre mittlerweile um acht Monate bis zum Jahresende verkürzt und kurz vor Redaktionsschluss auch zur Bewährung ausgesetzt. Doch die Bewährungsfrist schwebt wie ein Damoklesschwert über Lehmann. Er darf sich wie Becke sportlich für die Einzelverfolgung qualifizieren. Für die Nominierung im Vierer, dem Lehmann seine olympischen Goldmedaillen verdankt, behält sich der BDR jedoch weiterhin vor, kurzfristig die Teamfähigkeit zu prüfen.

Jens Lehmann hat sich dennoch vorbereitet wie immer, vielleicht sogar noch ein wenig akribischer und konzentrierter. „Meine Aufgabe ist es in dieser Situation, mich in eine Top-Form zu bringen“, sagt er. Aber so einfach, wie das aus seinem Mund klingt, ist es bestimmt nicht: Sich täglich zu schinden im Training, und doch über viele Monate nicht sicher zu wissen wofür. Jens Lehmann weigerte sich schlicht, das so zu sehen.

„Ich will mich rehabilitieren." – „Ich will mich auch beim Publikum rehabilitieren“, sagt Lehmann. Und mit Leistung jenen danken, die auch in schwerer Zeit zu ihm gestanden haben. Seinem Verein zum Beispiel, dem Team Köstritzer, das ihn immer unterstützt habe, auch wenn in den Medien bisweilen anderes zu lesen war. „Das rechne ich denen hoch an. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Lehmann.


Gesucht: Eine faire Chance
Und dann? Was wird dann wohl passieren mit Lehmann und mit Olympia? Nun, nach der vom BDR eingeräumten Bewährungschance, will sich Lehmann aber in Einzel- und Mannschaftsverfolgung versuchen, getreu seiner Maxime: Die Besten sollen fahren. Ob sich Lehmann seinen Traum vom letzten Gold in Athen erfüllen kann, liegt nun nicht allein in seinen Händen. Aber daran will er nicht denken. Er schweigt, wenn man ihm die Frage stellt. Und beginnt zu erzählen, was er nach Athen, nach Olympia, nach seiner Karriere machen möchte. Wahlkampf zum Beispiel. Im Herbst wird ein neuer Landtag gewählt in Sachsen, dann will er sich auf der Liste der CDU aufstellen lassen. „Ich möchte dem Sport eine Lobby verschaffen“, sagt der 36-Jährige über seine politischen Ziele. Und er kann sich vorstellen, bei Radrennen als Sportlicher Leiter zu fungieren, zum Beispiel beim Paar-Zeitfahren seines Freundes Eugen Rösinger. Ja, das würde ihm Spaß machen. Wieder schweigt Lehmann. Dann sagt er: „Egal, wie es ausgeht: Meine 18 Medaillen kann mir keiner mehr nehmen. Die hab’ ich sicher.“