Jens Fiedler

Unbekannt

 · 01.01.2005

Jens FiedlerFoto: Dirk Deckbar

Drei Olympiasiege, fünf Weltmeistertitel: Hinter Bahn-Sprinter Jens Fiedler liegt eine strahlende Karriere. Jetzt steht er an der Schwelle zum neuen Leben nach dem Sport – und ist wie eh und je bestens vorbereitet. Beim Besuch in Chemnitz hat er TOUR von seinen Ideen und Plänen erzählt.

Nein, Leonie will nicht, dass ihr Papa so traurig ist. Und deshalb schließt das kleine blonde Mädchen den Papa in die Arme, drückt ihm einen dicken Schmatz auf die Backe und sagt: „Papi, du sollst nicht weinen.“ Da lacht der Papa schon wieder – und so wird es Ende Januar wohl noch einmal sein: Dass bei Jens Fiedler, dem erfolgreichen Bahnradprofi, die „eine oder andere Träne fließt“, wie er sagt. Weil es nicht so einfach ist, eine lange und erfolgreiche Karriere plötzlich zu beenden. Aber dass er dann doch lachen und froh darüber sein wird, alles so gut hinter sich gebracht zu haben – schließlich war seine Laufbahn nicht nur lang und erfolgreich, sondern auch mit Mühen und Entbehrungen gespickt, jede gute Sportlerkarriere ist das. Jetzt freut sich der 34-Jährige darauf, dass bald die Tage kommen, an denen er morgens nicht mehr zum Training muss, um sich und seinen Körper zu schinden. Dass stattdessen ein neues Leben beginnen wird, kaum weniger aufregend als das des Rennfahrers.

Es gibt genügend Beispiele, dass es auch anders kommen kann: Dass ein großer Sportler aufhört – und danach plötzlich sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt, weil es darin nie viel mehr gegeben hat als Sport. Bei Jens Fiedler scheint diese Gefahr nicht zu bestehen. Er selbst hat vorgesorgt und schon vor acht Jahren zusammen mit seinem Freund Bernhard Bock die Vermarktungs-GmbH XXL gegründet. Und was zunächst zum Zweck der Eigenvermarktung ins Leben gerufen wurde, sollte bald, so Fiedler, “zu einer Art Auffangbecken für Bahnradsportler” heranwachsen. Heute fahren Profis wie Stefan Nimke und Jan Van Eijden für das “XXL Erdgas Team”. Die Vermarktung der Sprinter ist nur eine Sparte von XXL, eine weitere besteht in der Organisation von Radreisen und Trainingslagern.

Fest steht: Fiedler muss sich seine Aufgaben für das Leben nach dem Sport nicht erst noch mühsam zusammensuchen, er hat sie längst gefunden. Und es ist auch ganz bestimmt nicht schlecht für den 34-Jährigen, dass der Übergang vom Sport ins so genannte normale Berufsleben nicht abrupt vonstatten geht. XXL schuf zum Beispiel das “Verbundnetz für den Sport”, ein privates Förderprogramm, das seit dem Jahr 2003 an acht ostdeutschen Olympia-Stützpunkten läuft. “Wir wollen damit nicht die Sporthilfe ablösen”, sagt Fiedler, “aber wir wollen es den Athleten einfacher machen, sich ihrem Sport zu widmen.”

Doch die Idee des “Verbundnetz für den Sport” beschränkt sich keineswegs nur auf finanzielle Unterstützung. Jedem Nachwuchssportler steht ein Ehemaliger als Pate mit Rat und Tat zur Seite. Die Liste derer, die dabei mitwirken, verzeichnet klangvolle Namen. Skisprung-Legende Jens Weißflog ist ebenso unter ihnen wie die Olympiasieger Frank-Peter Roetsch (Biathlon), Hartwig Gauder (Gehen), Uwe-Jens May (Eisschnellauf) – und natürlich Fiedler selbst.

Die Frage sei, so Fiedler: “Was hat man gelernt von seinem Sport? Und was kann man davon weitergeben?” Der gelernte Elektronik-Fachmann sagt auch: “Ich weiß, was ich kann. Und ich weiß, was ich nicht kann.” Was “Fiedel” schon als Sportler besonders gut konnte, war: mit den Zuschauern zu kommunizieren, sie zu unterhalten. “Sprinter sind Entertainer”, sagt Fiedler, der auch bei der Show auf der Rennbahn immer einer der besten und fröhlichsten war. “Das Kommunikative liegt mir einfach.” Diese Gabe will er nun in seinem neuen Berufsleben nutzen – wenn möglich auch für den krisengeschüttelten Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Als Präsident oder Sportdirektor sieht er sich zwar nicht, sagt aber: “Die Fußballer haben da etwas sehr Schönes erfunden und es Teammanager genannt.” Also: Teammanager, das könnte gehen, gerade für die Bahnsprinter – entsprechende Gespräche habe es auch schon gegeben. “Ich gehe davon aus, dass mein Engagement im BDR eher größer denn kleiner wird”, sagt Fiedler jedenfalls.

Und Fiedler wäre nicht Fiedler, wenn er nicht auch für den Bahnsprint Ideen parat hätte, sein ureigenstes Metier. Zum Beispiel: “Die Zuschauer müssen nicht zu uns kommen, wir gehen zu den Zuschauern.” Und siehe da: Schon hat Fiedlers Agentur eine “Bädertour” entlang der Ostsee geplant. Wie bei Seifenkistenrennen sollen Schüler gegeneinander fahren – nur eben nicht in Seifenkisten, sondern auf Sprinträdern und aus der Startmaschine. Und vielleicht findet der eine oder andere so großen Gefallen am schnellen Radeln, dass er hängen bleibt und irgendwann einmal selbst Medaillen gewinnt, so wie Jens Fiedler, der einst als Steppke ähnlich begann.

Damals, zu DDR-Zeiten, kamen die Trainer noch in die Schulen, um Talente zu sichten. Und so haben sie auch den kleinen Jens aufs Ergometer gesetzt und ihn strampeln lassen, so schnell er konnte. Zehn Jahre alt war Jens damals, 34 ist er heute, dazwischen liegt ein langes Rennfahrerleben, das nun sein Ende findet. Doch bevor er so richtig traurig darüber werden kann, sagt er: “Es kommt jetzt sehr viel Arbeit auf mich zu, die mir sehr viel Spaß machen wird.” Leonie braucht sich um ihren Papa also keine großen Sorgen machen.