Hanka Kupfernagel

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Unbekannt

 3/17/2006, Lesezeit: 4 Minuten

Nach ihrem Sieg bei der Cross-WM vor einem Jahr verschwand Hanka Kupfernagel für mehrere Monate von der Bildfläche. Was nur wenige Vertraute der dreifachen Cross-Weltmeisterin wussten: Die 31-Jährige litt unter einem Burn-out-Syndrom, einem körperlichen und geistigen Erschöpfungszustand, verursacht durch überhöhte Ansprüche, Misserfolge und Überlastung. Mit TOUR sprach Hanka Kupfernagel, die seit eineinhalb Jahren mit dem dreifachen Cross-Weltmeister Mike Kluge liiert ist, im Januar 2006 über ihre Probleme, den Weg aus der Krise und ihre Pläne für die Zukunft.

TOUR: Nach dem Sieg in Sankt Wendel verlief Ihr Arbeitsjahr vollkommen anders als ursprünglich geplant. Sie brachen die Straßensaison nach nur einem Rennen, der Flandern-Rundfahrt, ab und nahmen sich mehrere Wochen Auszeit. Was war los?
Hanka Kupfernagel: Nach der anstrengenden Cross-Saison kamen die Straßenrennen für mich einfach zu früh. Erst dachte ich noch, ich schaffe das, nachdem mich auch die Leitung meines belgischen Teams (Vlaanderen-T-Interim-Capri-Sonne; Anm. d. Red.) gedrängt hatte, die Klassiker in Belgien zu fahren. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.


Gab es einen konkreten Anlass, die Saison abzubrechen?
Eigentlich waren nach der Flandern-Rundfahrt alle mit mir zufrieden, weil ich einen ganz guten Job gemacht und mich in den Dienst der Mannschaft gestellt hatte. Ich war aber von der Form, die ich sonst Anfang April habe, Welten entfernt. Da habe ich überlegt, dass ich eigentlich drei Wochen ins Trainingslager müsste. Deshalb schlug mein Teamchef vor, Rennen als Training zu fahren. Doch das habe ich nie gelernt, das fällt mir schwer. Im Rennen will ich immer so gut wie möglich abschneiden, das steckt einfach in mir drin. So geriet ich in einen Teufelskreis: Ich brauchte mehr Zeit, die mir mein Team nicht geben konnte. Und gleichzeitig konnte ich keine Rennen fahren, weil mich das zu sehr unter Druck gesetzt hätte.


Das hört sich nach einer richtigen Krise an.
Ja. Und ich merkte, dass ich da ohne professionelle Hilfe nicht rauskomme. Deshalb bin ich zur Uniklinik Freiburg gegangen, zu deren Ärzten ich viel Vertrauen habe. Dort sagte man mir im Prinzip das Gleiche, was Mike schon gesagt hatte: dass es so kommen musste, wenn man sich über mehrere Jahre unter hohen Erfolgsdruck setzt und Rückschläge nicht richtig verarbeitet.


Welche Rückschläge waren das?
Vor allem hingen mir der dritte Platz bei der Cross-WM in Frankreich 2004 und die Enttäuschung über die verpasste Olympia-Qualifikation für Athen nach. Jedenfalls gab es von den Ärzten dann einen klinischen Befund: Burn-out-Syndrom. Je mehr ich dann darüber erfuhr, desto mehr konnte ich mir erklären, wie das entstanden ist. Ich hatte mir umsonst vorgeworfen, dass ich mich nicht richtig quäle.


Wie bewerten Sie Ihre „Auszeit“ im Rückblick?
Das Positive, das ich aus dieser Phase für mich ziehe, ist die Erfahrung, dass ich ganz unten war und trotzdem da rausgekommen bin. Das konnte ich mir zwischenzeitlich gar nicht vorstellen. Und ich habe gesehen, dass ich Leute und Sponsoren um mich habe, die in jeder Situation zu mir stehen und mir helfen. Wichtig war für mich auch, dass das Burn-out-Syndrom als Krankheit akzeptiert wurde, von der ich mich erholen musste. Und dass ich nicht grundlos faul in der Sonne gelegen bin.


Wie wollen Sie vermeiden, wieder so unter Druck zu geraten?
Ich will versuchen, nicht mehr alles so verbissen zu sehen. Ruhephasen, Funsportarten, mal was Neues ausprobieren – das gehört einfach zum Leben. Wer nicht rausgeht, kann keine Höchstleistungen vollbringen.


Im Rennzirkus ist die Gefahr groß, dass man schnell wieder in den üblichen Stress verfällt.
Im Cross ist das nicht so, weil ich da genau mit den Leuten unterwegs bin, die mir aus meinem Loch herausgeholfen haben. Sie helfen mir, Spaß an der Sache zu haben und zum Beispiel jede Fahrt zu einem Rennen auch als tolle Reise zu sehen. Ich hoffe, ich kann das auf den Sommer übertragen.


Halten Sie ein Comeback auf der Straße für möglich?
Unbedingt. Wenn ich das jetzt richtig angehe mit der nächsten Saison, sehe ich auch die Chance, wieder richtig mitfahren zu können. Leider ist es im Frauenradsport aber so, dass man ohne gutes Team nicht mehr gewinnen kann.


Sie sind 31. Denken Sie gelegentlich an das Ende Ihrer Karriere?
Man muss sehen, wie es in den nächsten Jahren läuft. Ich kann mir durchaus vorstellen, noch mal für ein deutsches Team zu fahren. 2007 ist die Straßen-WM in Stuttgart, 2008 die Olympiade in Peking. Das könnte ein guter Zeitpunkt sein, aufzuhören. Dann bin ich 34, so alt wie Leontien van Moorsel, als sie in Sydney dreifache Olympiasiegerin wurde. Das wird ihr zwar keiner so schnell nachmachen, aber wer weiß. Und vielleicht mache ich auch noch mal etwas ganz anderes. Ich habe vergangenen Sommer an einem Kurztriathlon teilgenommen. Vielleicht starte ich mal bei einem Ironman-Triathlon. Nur aus Spaß.

(Interview: Manuel Jekel, Fotos: Phiipp Hympendal)