Giro d'Italia 2007

NewsGiro d'Italia 2007

Unbekannt

 7/11/2007, Lesezeit: 6 Minuten

In Italien wurden der Giro und seine Helden gefeiert wie eh und je – völlig unbeeindruckt von den Dopinggeständnissen andernorts. Der Italiener Danilo Di Luca ist der Sieger des Giro – das Rosa Trikot trug er bis zum Finale nach Mailand.

Ende Mai, nördlich des Gardasees. Regen schnürt vom Himmel. Ein Linienbus hat eine Motorpanne. Der Fahrer macht sich an den Eingeweiden seines betagten Arbeitsgeräts zu schaffen. Einige Passagiere sind ausgestiegen, sie rauchen und starren finster auf den geplagten Chauffeur. Ein Begleitfahrzeug des Giro d’Italia fährt vorbei, auf dem Weg zum Nachtquartier. Kaum sehen die Wartenden das Giro-Gefährt, hellen sich ihre Gesichter auf. Sie winken. Einer ruft: „Es lebe der Giro.“ Ein anderer skandiert: „Viva Danilo Di Luca.“ Der Busfahrer krabbelt unter dem Fahrzeug hervor und applaudiert mit ölverschmierten Händen. Der rosa Spuk ist da längst schon weiter gezogen. Doch auf den Gesichtern der Zurückgebliebenen hat sich hartnäckig ein Lächeln festgesetzt.

Die Episode ist charakteristisch für Italien im Mai. Die Zuneigung zum Giro d’Italia ist unzerstörbar. Noch vor einem Jahr hätten dieselben Menschen auch „Viva Ivan Basso“ gerufen. Im Mai 2007 ist der Name des Mannes aus Varese gelöscht, als hätte es ihn nie gegeben. An seine Stelle als Projektionsobjekt aller radsportbegeisterten Italiener ist Danilo Di Luca getreten. Doch wer denkt, der aktuelle Giro-Sieger sei der Star, der irrt. Zwar wird er gefeiert als „Gigant Danilo“. Dem 31-Jährigen werden Lorbeerkränze geflochten, weil er es allen gezeigt hat. Weil er den Zweiflern bewiesen hat, dass es trotz aller Spezialisierung im Radsport noch immer möglich ist, große Klassiker und dreiwöchige Rundfahrten in einem Jahr zu gewinnen. Di Lucas mentale Stärke wird gelobt, seine Angewohnheit, auf den „Knopf im Ohr“ zu verzichten und seine Entscheidungen ohne die Einflüsterungen aus dem Mannschaftswagen zu treffen. Aber trotz all dieser Hymnen ist der eigentliche Star – der Giro d’Italia selbst.

DAS EVENT IST FEIN RAUS

Die Farbe des Monats Mai ist Rosa. Die gelben oder lindgrünen Tupfer der Werbeartikel der führenden Teams Saunier Duval und Liquigas sind im rosa Meer kaum auszumachen. Das Blau von Gerolsteiner und Milram oder das Magenta des T-Mobile-Teams hätten ohnehin keine Chance. Rosa dominiert optisch – und strukturell. In Zeiten, in denen der Dopingverdacht sich wie eine zweite Haut um jedes Rennfahrertrikot schmiegt, ist ein Rennen fein raus: Die Fahrer sind die Bösen, denn die können dopen – und haben das nachweislich getan. Ein Event jedoch kann nicht dopen. Eine Veranstaltung wie der Giro d’Italia ist eine Präsentationsplattform, die zwar immer neue Helden braucht, sie aber auch produziert, und die über den Mechanismus verfügt, gestürzte Heroen in die Abstellkammer zu verbannen.

Giro-Direktor Alfredo Zomegnan hatte das Peloton bereits vor dem Auftakt in Sardinien von den schwärzesten Dopingschafen gesäubert. Diese Prophylaxe zeigte Wirkung. Die Verteiler der rosa Hemden konnten suggerieren, die Avantgarde im Kampf gegen Doping zu sein.

ROSA FREUDENLANDSCHAFT
Direktor Zomegnan etwa lobte sein Team wegen der Bewältigung des Giro-Starts auf La Maddalena, einer kleinen Inselgruppe vor Sardinien, und den Leistungen beim Erklimmen des Zoncolan. Die Begeisterung übertrug sich auch auf andere: Selbst T-Mobiles Manager Bob Stapleton, mit seiner Forderung nach der kompletten Aufdeckung der Dopingvergangenheit des gesamten Radsports ein einsamer Rufer in der rosa Freudenlandschaft, lobte den Giro insgesamt.

Eines muss man dem Giro 2007 lassen: Sportlich war es die wohl spannendste große Rundfahrt seit langem. Di Luca, der zu seiner Form des Jahres 2005 zurückgefunden hatte, wurde von der schlagkräftigen Saunier-Duval-Truppe um Altmeister Gilberto Simoni voll gefordert. Di Luca hatte sich weiter des Überraschungszweiten Andy Schleck zu erwehren und musste immer ein Auge auf den vom Helfer zum Klassementfahrer gewachsenen Eddy Mazzoleni haben. Weiterhin bereicherten die Rückmeldung von Stefano Garzelli und die erfolgreiche Wiedergeburt des Super-Sprinters Alessandro Petacchi den Wettbewerb. Aus deutscher Rennstallsicht steht neben dem fünffachen Erfolg des Milram-Kapitäns – mit insgesamt 24 Giro-Etappen zieht er nun gleich mit dem legendären Beppe Saronni – vor allem der mit Rosa gekrönte Ausreißversuch des T-Mobile-Neuzugangs Marco Pinotti. Für Gerolsteiner holte Robert Förster einen Etappensieg – und sorgte damit für den einzigen Lichtblick in einem von Stürzen und Malaisen geprägten Auftritt des Teams.

DI LUCA GANZ COOL
In diesem bunten Treiben erwies sich Danilo Di Luca als der herausragende Akteur. Ausschlaggebend für seinen ersten Erfolg bei einer großen Rundfahrt sei die mentale Stärke, so Di Luca: „Mit den Beinen leistet man die Basisarbeit. Den Unterschied macht der Kopf.“ Der Italiener folgte konzentriert seinem Masterplan. Im Mannschaftszeitfahren von Caprera nach La Maddalena hatte er wertvolle Sekunden auf seine Konkurrenz herausgeholt und das Zeitpolster auf der frühen ersten Bergetappe nach Montevergine sowie dem Schlussanstieg zur Wallfahrtskirche Santa Signora della Guardia noch vergrößert. Hauptrivale Simoni hatte sich auf die schwere dritte Woche des Giro verlassen – und sich damit verzockt. Auf der Alpenetappe nach Briançon kam er zeitgleich hinter Di Luca als Zweiter über die Ziellinie. „Hier habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich den Giro gewinnen kann. Ich habe mich als der stärkste Fahrer gefühlt“, beschrieb Di Luca später diesen Schlüsselmoment. Im Bergzeitfahren zur Wallfahrtskirche Oropa mussten Simoni und Schleck weiteren Rückstand in Kauf nehmen. Den ersten Erfolg seiner Aufholjagd konnte Simoni ausgerechnet an einem eher für Di Luca typischen Hügel, dem Anstieg nach Bergamo, erringen.

Auf der Königsetappe nach Tre Cime tat Simoni dem Mann in Rosa allerdings den vorentscheidenden Gefallen, seine beiden Edelhelfer Piepoli und Ricco vorzuschicken. Di Luca ließ sich davon nicht verunsichern und konzentrierte sich ganz auf Simoni, dem er auf der steilen Schlussrampe weitere Zeit abknöpfte. Er konnte auch den Schaden durch einen Vorstoß Mazzolenis, der zeitweilig ins virtuelle Rosa Trikot gefahren war, wieder begrenzen. Erst der Monte Zoncolan erstrahlte dann im Lichte der Männerfreundschaft zwischen Piepoli und Simoni. Die Oldies von Saunier Duval konnten Di Luca endlich einmal abschütteln. Piepoli zog Simoni – dazwischen noch „Baby Schleck“ – wie ein Skilift den steilsten Radsportberg (maximal 22 Prozent) hinauf. Simoni gewann die Etappe und bedankte sich bei dem „außerordentlichen“ Leo. Der flachste: „Zwei Jahre gebe ich jetzt alles für Gibo. Ich tue es gern. Doch 2008 sollten sich die Rollen verkehren. Dann fährt er für mich. Ich bin schließlich einen Monat jünger.“

ERGEBNISSE

Etappensieger:
1. Liquigas (Teamzeitfahren)
2. Robbie McEwen (AUS, Predictor-Lotto)
3., 7., 11., 18.+21. Alessandro Petacchi (ITA, Milram)
4.+12. Danilo Di Luca (ITA, Liquigas)
5. Robert Förster (GER, Gerolsteiner)
6. Luis Laverde (COL, Panaria)
8. Kurt-Asle Arvesen (NOR, CSC)
9. Danilo Napolitano (ITA, Lampre)
10. Leonardo Piepoli (ITA, Saunier Duval)
13. Marzio Bruseghin (ITA, Lampre)
14.+16. Stefano Garzelli (ITA, Acqua e Sapone)
15. Riccardo Ricco (ITA, Saunier Duval)
17. Gilberto Simoni (ITA, Saunier Duval)
19. Iban Mayo (ESP, Saunier Duval)
20. Paolo Savoldelli (ITA, Astana)

Gesamtwertung:
1. Danilo Di Luca (ITA, Liquigas), 92:59:39 Stunden
2. Andy Schleck (LUX, CSC), 1:55 Min. zur.
3. Eddy Mazzoleni (ITA, Astana), 2:25 Min. zur.
4. Gilberto Simoni (ITA, Saunier Duval), 3:15 Min. zur.
5. Damiano Cunego (ITA, Lampre), 3:49 Min. zur.
6. Riccardo Ricco (ITA, Saunier Duval), 7:00 Min. zur.
7. Evgeni Petrov (RUS, Tinkoff), 8:34 Min. zur.
8. Marzio Bruseghin (ITA, Lampre), 10:14 Min. zur.
9. Franco Pellizotti (ITA, Liquigas), 10:44 Min. zur.
10. David Arroyo (ESP, Caisse d‘Epargne), 11:58 Min. zur.

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