Danilo Hondo – Typ mit Charisma

Unbekannt

 · 02.02.2005

Danilo Hondo – Typ mit Charisma

Mangel an Selbstbewusstsein war nie das Problem von Danilo Hondo. Der 30-jährige Sprinter posiert schon mal als Fashion-Model und ist dafür bekannt, dass er nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt. TOUR besuchte Hondo in Ascona im Tessin, wo er mit Freundin Sandra und Tochter Lara seit einem Jahr lebt.

Mangel an Selbstbewusstsein war nie das Problem von Danilo Hondo. Der 30-jährige Sprinter posiert schon mal als Fashion-Model und ist dafür bekannt, dass er nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Nach zwei Etappensiegen beim Giro d’Italia 2001 galt der Mann aus Guben in der Lausitz als legitimer Nachfolger von Erik Zabel. Im Team Telekom gelang es ihm aber nicht, aus Zabels Schatten herauszufahren. Erst der Wechsel vor einem Jahr zu Gerolsteiner brachte seine Karriere zurück aufs Gleis: Seither etablierte er sich als einer der besten Allrounder im Peloton. Lohn der Mühen: Neun Siege 2004 und Rang zwölf in der Weltrangliste. TOUR besuchte Hondo in Ascona im Tessin, wo er mit Freundin Sandra und Tochter Lara seit einem Jahr lebt.

Verlagssonderveröffentlichung


TOUR: Ihr Sportlicher Leiter Hans Holczer hat einmal gesagt, Fahrer, die vom Team Telekom kämen, hätten überhaupt kein Selbstvertrauen mehr und müssten erst mal aufgebaut werden. Wissen Sie, was er damit meint?
Danilo Hondo: Nach meinem Wechsel zu Gerolsteiner fiel es mir anfangs schwer, die Mannschaft für mich zu fordern. Ich habe mich oft gefragt: „Bin ich wirklich nicht so stark wie ein Erik Zabel, Alessandro Petacchi oder Robbie McEwen?“ Weil ich selbst nicht sicher war, ob ich das umsetzen kann, was das Team von mir erwartet. Bei Telekom stand die Rollenverteilung vor jedem Rennen von vornherein fest, egal wie die Form der Fahrer war. Ullrich und Zabel – das sind die Fahrer, für die dort gefahren wird. Wobei man zugeben muss: Das Team ist mit dieser Strategie in den letzten Jahren gut gefahren. Wenn man so in taktischen Zwängen gefangen ist, entwickelt man sich als Fahrer nicht weiter. Man muss Fahrern auch Freiräume geben, und das ist bei Gerolsteiner der Fall.


Seit Mario Cipollini für Saeco fuhr, kennt man den so genannten „Zug“: Wenn sich die ganze Mannschaft vor einen Sprinter spannt, um ihn optimal ins Finale zu lancieren. Auch Erik Zabel hatte einen Zug mit den Anfahrern Fagnini und Lombardi. Ist das immer noch das Erfolgsmodell für Sprinter?
Ja. Wenn die ganze Mannschaft für den Sprinter fährt, hat er im Finale einfach weniger Stress.


Fühlen Sie sich als Sprinter bei Gerolsteiner so unterstützt wie Zabel früher bei Telekom?
Ja. Die Mannschaft war immer bereit, sich für mich zu opfern. Natürlich mussten die Fahrer erst lernen, mit dieser für sie neuen Rolle umzugehen. Aber speziell mit René Haselbacher und Peter Wrolich haben wir zwei Männer, die wissen, wie sich ein Sprint auf den letzten Metern anfühlt. Auch Sebastian Lang und Ronny Scholz sind sehr tempofest, ebenso Peschel und Rich. Wir haben die fahrerische Bandbreite, einen Sprint zu organisieren, vielleicht nicht so wie Fassa Bortolo für Petacchi, aber eine reine Sprintformation ist auch nicht das Ziel von Gerolsteiner.


Ihr Selbstbewusstsein erinnert an einen anderen Sprinter, mit dem Sie oft verglichen werden. Empfinden Sie den Spitznamen „Lausitz-Cipollini“, den man Ihnen nach den Etappensiegen beim Giro 2001 gab, als Kompliment oder als Bürde?
Am Anfang habe ich darüber gelacht, war stolz, mit einer Persönlichkeit wie Cipollini verglichen zu werden. Aber ich habe bald gesehen, dass es wichtiger ist, sportlich erfolgreich zu sein. Wenn der Name nur auf das Auftreten in der Öffentlichkeit abzielt, die sportliche Leistung aber ausbleibt, wird er schnell zur Lachnummer. Deshalb habe ich immer wieder betont: Okay, es gibt Parallelen zu Cipollini, aber vor allem bin ich Danilo Hondo.


Worin liegen die Parallelen?
Ich glaube, ich bin ein Typ mit gewissen charismatischen Eigenschaften. Ich bin mir meiner Wirkung nach außen bewusst. Deshalb habe ich in diesem Jahr ein Projekt begonnen, um meine Person in anderem Licht zu zeigen. Ich habe Fashion-Aufnahmen gemacht, ein paar Fotoserien. So wie es auch Mario Cipollini schon tat. Cipollini hat ein eigenes Mode-Label, etwas ähnliches kann ich mir für die Zeit nach der sportlichen Karriere auch vorstellen.


Ist Mode für Sie wichtig?
Ich habe schon immer viel Geld für Klamotten ausgegeben, viel zu viel. Es macht mir Spaß, ein bunter Vogel zu sein. Das kann man sicher auch auf den Sport projizieren. Man muss ein gewisses Selbstvertrauen haben, wenn man sich so präsentiert. Ich will aber noch mal auf das Thema Charisma zurückkommen: Wenn man die Fähigkeit besitzt, Leute an sich zu binden, sollte man sie nicht nur eigennützig einsetzen, sondern vor allem für gute Zwecke. Zusammen mit Andreas Klöden, Olaf Pollack und Ronny Scholz engagiere ich mich in der Nachwuchsförderung. Wir sind alle Kinder der DDR-Sportförderung und profitieren noch heute davon.


Was ist das für ein Projekt?
Das Projekt nennt sich „Pro Olympia Team 2008“. Die geltenden Richtlinien führen dazu, dass Vereine bevorzugt Bahnfahrer fördern, weil auf der Bahn die Chancen für WM- und Olympia-Teilnahmen und Medaillengewinne am größten sind – danach richtet sich die Höhe der Fördergelder durch die Landesverbände und die Sporthilfe. Nun weiß aber jeder junge Fahrer, dass man Geld nur als Straßenprofi verdient. Wir wollen deshalb versuchen, Sponsoren ins Boot zu holen, die das Team unterstützen.


Sie haben vorhin das Stichwort „Karriereende“ angesprochen. Wie lange wollen Sie noch als Profi fahren?
Noch mindestens acht Jahre. Ich bin noch sehr motiviert, weil ich das Gefühl habe, dass ich einen Tick zu spät dran bin. Und ich muss einfach sagen, dass es nicht so dramatisch ist, dass ich denke: „Oh Gott, bloß noch zwei Jahre, und dann ist Schluss!“


Was sind Ihre sportlichen Ziele?
2005 liegt mein Hauptaugenmerk auf Mailand–San Remo. Dann die Tour de France, dort muss ich auf jeden Fall eine Etappe gewinnen – und das Grüne Trikot: mit der Konstanz, die ich habe, ist das sicher möglich. Dann möchte ich in der nächsten Saison mindestens 15 Rennen gewinnen, einfach, um als potenzieller Siegfahrer zu gelten. Und auf jeden Fall die WM in Madrid, das ist ein ganz klares Ziel. Ich habe die Vision, dass ein deutscher Fahrer mal wieder das Regenbogentrikot holt. Wenn ich das sein kann – das wäre ein Traum.

(Interview: Manuel Jekel, Fotos: Olaf Unverzart)