Danilo Di LucaFoto: Timm Kölln

NewsDanilo Di Luca

Unbekannt

 2/1/2006, Lesezeit: 6 Minuten

Charisma ist ihm wurscht – der erste Pro-Tour-Gewinner Danilo Di Luca will erfolgreich sein und Karriere machen. TOUR hat ihn in seiner italienischen Heimat besucht.

Eigentlich nicht – und doch haben die Radsport-Fans ihrem Idol Danilo Di Luca mit dem für erfolgreiche Rennfahrer unvermeidlichen Spitznamen dieses mörderische Etikett angeheftet: der Killer. Di Luca selbst hat damit kein Problem: „Im Radrennen verwandle ich mich“, sagt er, „ich werde aggressiv.“ Aggressiv für den Erfolg. Die Saison 2005 war die bislang erfolgreichste in der Karriere des 29 Jahre alten Italieners; er beendet sie als erster Gesamtsieger der neu geschaffenen Pro-Tour, gewann drei Rennen der Serie, trug das Rosa Trikot des Giro d’Italia und gewann zwei Etappen.

Mutter Maria und Vater Alfredo Di Luca haben das irgendwie kommen sehen. „Er ist ein dickschädeliger Einzelkämpfer“, sagt seine Mutter. Acht Jahre war Danilo alt, da schenkte ihm sein Vater das erste Rennrad. Gebraucht, aber frisch goldfarben lackiert, und Danilo fuhr los. Von den ersten 18 Schülerrennen gewann er 15, auf die gleiche Art wie heute, 21 Jahre später: Mutter Maria kramt ein Bild aus jenen Tagen hervor, es zeigt den kleinen, schmächtigen Danilo, wie er über dem Lenker beinahe zusammenbricht und vor Erschöpfung kotzt. Gekämpft, gewonnen. Wenn er einmal nicht gewann, war die Kette gerissen oder sonst ein Malheur passiert.

DER DRANG NACH OBEN
Lebensläufe wie der von Di Luca sind selten geworden im wohlhabenden Europa. Junge Menschen, für die eine Karriere im Leistungssport den sozialen Aufstieg ermöglicht, stammen zunehmend aus Osteuropa. Doch Danilo Di Luca ist auch so. Ehrgeizig bis zur Aggressivität, ein schlechter Verlierer. Von Spoltore, einem kleinen Ort am Fuße der Abruzzen, ist er immerhin bis ins acht Kilometer entfernte Pescara gekommen, eine Hafenstadt an der mittelitalienischen Adria. Die Insignien des Aufstiegs sind ebenso unübersehbar wie der Versuch, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. In Pescara residiert Di Luca demnächst mit seiner Frau Valentina auf 350 durchgestylten Quadratmetern in einer Luxuswohnung über den Dächern der Stadt. Entworfen gemeinsam mit seinem zehn Jahre älteren Bruder Alto-Brando, einem Architekten. Vor der Tür des „Palazzo“ (so nennt es seine Mutter) parkt ein nagelneuer Audi A6, ein Mercedes ist bestellt. Die Wohnung mit Blick aufs Meer wird allerdings oft leer stehen. Wann immer es geht, sitzt Danilo zum Mittagessen am Tisch seiner Eltern, um mit seinen Brüdern zu plaudern, die gleich um die Ecke wohnen.

Familie ist wichtig, sagt Danilo Di Luca, aber „am wichtigsten für mich ist Valentina. Mit ihr kann ich über alles reden.“ Vor zwei Jahren haben die beiden geheiratet. Valentina versteht ihn, weil sie das Milieu kennt, sie ist eine Rennfahrertochter. Ihr Vater Stefano Giuliani fuhr in den achtziger Jahren Rennen mit Francesco Moser. 2003 geriet er als Teammanager des GS2-Rennstalls Formaggi Pinzolo in die Schlagzeilen, als einer seiner Profis und der Sportliche Leiter bei Tirreno-Adriatico beim Vertauschen von Urinproben erwischt wurden und Giuliani bei der Pressekonferenz dubiose Erklärungen abgab.

Sein Schwiegersohn ist mit dem Thema auch schon in Berührung gekommen, in der an Tiefschlägen ohnehin nicht armen Saison 2004. Damals hatten die Veranstalter der Tour de France Danilo Di Luca zur unerwünschten Person erklärt, weil er als Patient des umstrittenen Sportmediziners Carlo Santuccione in dessen Dopingaffären verwickelt war. Gefunden wurde bei Danilo nie etwas, die Proben waren negativ. Zu allem Überfluss ging es bei Saeco zunehmend drunter und drüber im Verlauf der Saison 2004.  „Es war das schlimmste Jahr meines Lebens“, sagt Di Luca heute. Valentina und ihr Vater haben ihm über die schwere Krise hinweggeholfen.

2005 folgte dann der Neubeginn bei Liquigas-Bianchi. Der Killer-Instinkt erwacht wieder, der Ehrgeiz bricht sich Bahn.  Der Radsport-Karrierist schafft sich zielstrebig ein neues Umfeld, Bevormundung kann er nicht leiden. Bei Liquigas-Bianchi ist er der Star, alles ist auf ihn zugeschnitten.

ERFOLG IM NEUEN TEAM
In der Saison 2005 rechtfertigt Di Luca seine Privilegien durch Leistung. Er ist vom Frühjahr bis in den Herbst präsent, zeigt sich, wo er auch startet, in siegfähiger Form. Er gewinnt die Baskenland-Rundfahrt, das Amstel Gold Race und den Flèche Wallone. An fünf Tagen führt er den Giro d’Italia an, gewinnt zwei Etappen und wird am Ende Vierter. Er holt weitere Etappensiege bei wichtigen Rennen und 18 vordere Platzierungen in anderen Pro-Tour-Rennen. Er ist der konstanteste Fahrer der Saison.

Di Luca will aus der Saison 2006 noch mehr herausholen. „Ich bin Italiener. Schon als Kind war für mich klar: Wenn ich groß bin, gewinne ich den Giro d’Italia“, sagt er. Jetzt scheint die Zeit gekommen. Bei Maria und Alfredo Di Luca in Spoltore wird der Platz für die Pokale allerdings langsam knapp. Die stolzen Eltern haben die Wände der engen, plüschigen Zimmer mit überdimensionalen Fotos ihres Jüngsten zugehängt. Eine Galerie für den Champion, um das Häkelbild von Pater Pio herum, dem Heiligen aller streng katholischen Süditaliener.

NOCH MEHR GROSSE ZIELE
Würde Danilo in seinem Design-Palazzo noch Poster seiner Idole aufhängen, blickten wohl Gianni Bugno und Miguel Induraín von den Wänden. Vor allem der Spanier Induraín war und ist seine absolute Nummer eins: „Induraín hatte Größe. Er hat immer gewusst, wann es für ihn wichtig war, zu gewinnen. Wenn nicht, hat er auch Etappen verschenkt, ohne damit anzugeben. Er wusste, was er gewinnen
will, hat es gewonnen und dann war gut.“ Als Di Luca von seinem zweiten Vorbild, Gianni Bugno, schwärmt, rutscht ihm ein Versprecher heraus. „Bugno war mein Held, als er 1990 den Giro gewann. Es wäre so toll für mich, auch die Tour de France, ähm, den Giro zu gewinnen.“ Und dann gibt Di Luca zu, dass auch für ihn, den Italiener, vor zwei Jahren noch abgewiesen von der Frankreich-Rundfahrt, die Tour de France das wichtigste Rennen der Welt ist. „Ich bin überzeugt davon, dass ich sie gewinnen kann, wenn es mir auch beim Giro gelungen ist.“ Der zeitliche Rahmen für das Karriere-Projekt Tour-Sieg, für die größtmögliche Rendite aus dem Unternehmen Radsport, ist bereits abgesteckt. „Ich bin nicht mit dem Rad verwachsen“, sagt Danilo Di Luca. Mit 35 muss alles erreicht sein.“ Dann geht der Killer in Rente.

STECKBRIEF
Alter: 29 (geb. 2. Januar 1976)
Größe: 1,69 Meter
Gewicht: 61 Kilo
Geburtsort: Spoltore (Italien)
Wohnort: Pescara
Homepage:www.danilodiluca.com
Profi seit: 1998
Teams: Riso Scotti (1998), Cantina Tollo (1999-2001), Saeco (2002-2004), Liquigas (2005 bis voraussichtl. 2007)
wichtigste Erfolge:
Etappensieg Baskenland-Rundfahrt 2000
je ein Etappensieg Giro d’Italia 2000 und 2001
Lombardei-Rundfahrt 2001
Coppa Placci 2003
Tre Valle Varesine 2003
Brixia-Tour 2004
Gesamtsieg und eine Etappe Baskenland-Rundfahrt 2005
Amstel Gold Race 2005
Flèche Wallonne 2005
zwei Etappensiege und Gesamtvierter Giro d’Italia 2005
Gesamtsieger Pro-Tour 2005