Daniel Unger

Unbekannt

 · 19.02.2008

Daniel UngerFoto: Michael Kunst

Als erster Deutscher gewann Daniel Unger im September den Weltmeister-Titel auf der Olympischen Distanz im Triathlon. Jetzt arbeitet der bodenständige Oberschwabe an seinem nächsten großen Ziel: Olympia 2008 in Peking.

Es ist wieder ruhiger geworden im oberschwäbischen Bad Saulgau. Das kann man schon daran erkennen, dass Daniel Unger seit mehr als einer halben Stunde in der “Kostbar” sitzt – seinem Stammcafé gleich am malerischen Marktplatz –, und noch nicht ein Passant hat ein Auto gramm verlangt. Eigentlich kein gutes Zeichen für einen Weltmeister, wenn er so wenig begehrt ist, aber Unger, darauf angesprochen, riecht den Braten sofort, grinst breit und kontert auf Schwäbisch: “Die henn älle scho oins.”

Unger hat da mal wieder einen echten Unger rausgehauen. Die pure Wahrheit war es vermutlich obendrein. Man kann sich wirklich nicht vorstellen, dass es noch einen Mengener oder Bad Saulgauer gibt, der Ungers Signatur nicht irgendwo verewigt hat. Zwei komplette Dörfer – in Mengen ist er aufgewachsen, in Bad Saulgau wohnt er – hatten mobil gemacht, nachdem Unger am ersten Septembersonntag in Hamburg in einem Wahnsinns-Schlussspurt den Spanier Javier Gomez überholt hatte und Triathlon-Weltmeister geworden war – als erster Deutscher überhaupt. Als Unger einen Tag später nach Hause kam, waren Mengen und Bad Saulgau gepflastert mit Glückwunschplakaten, es gab einen richtigen Autokorso, die heimische Blaskapelle spielte auf, und vor der Kirche hatten sie eine kleine Bühne aufgebaut, damit alle ihren Daniel sehen konnten. Ihren Weltmeister!

“Hier kennt jeder jeden”, sagt der 29-Jährige, und er sagt zudem, dass er das irgendwie braucht: dieses Heimelige, diese Nestwärme, die Heimat einfach. Unter der Woche trainiert Unger seit gut einem Jahr wieder am Olympiastützpunkt in Saarbrücken, einer Art Headquarter der deutschen Kurzstrecken-Triathleten. Sein Leben dort besteht aus Schwimmen, Radfahren und Laufen, fünf Tage die Woche. “Die Trainingsbedingungen in Saarbrücken sind einfach optimal”, sagt Unger. Vor allem: Es ist die Konzentration aufs Wesentliche, durch nichts gestört, auch nicht durch Freunde, Bekannte oder Verwandte.

HEIM ZUR SEELENMASSAGE

Am Wochenende aber, wenn keine Wettkämpfe anstehen, muss er raus aus dieser Triathlonwelt, Abstand gewinnen, hinein ins wirkliche Leben. Zu Freundin, Freunden und zu den Eltern. Vater und Mutter wohnen in Mengen, Unger mit Freundin Tina, einer Designerin für Kindermoden, mit der er seit 13 Jahren zusammen ist, im benachbarten Bad Saulgau. Dort hat er zusammen mit Michael Traub, sei nem Freund und Co-Trainer, vor einem halben Jahr ein Sportgeschäft eröffnet, das auch seinen Namen trägt. “Die Familie ist mein Rückhalt, meine Ruheinsel”, sagt Daniel Unger. “Ich brauche das für den Kopf”, fügt er an.

Es ist seine Erdung, der “rote Faden”, der sich durch sein Leben zieht, und von dem Unger sagt, dass er ohne ihn nicht leben könnte – zumindest nicht so gut. “Man muss wissen, wo man herkommt und wo man zu Hause ist”, sagt Unger. Das ist bei ihm, der in Sachen Triathlon schon durch die ganze Welt gejettet ist, kein dummer Spruch für Medien oder Sponsoren, und schon gar nicht wirkt es altbacken oder gar provinziell. Es ist einfach nur authentisch und wahr. Vielleicht kann man es ja so beschreiben, dass Daniel Unger, der Weltmeister, seinen Körper am Olympiastützpunkt in Saarbrücken trainiert, die Seele aber anschließend zu Hause massieren lässt, in Oberschwaben, “dem schönsten Bundesland der Welt”, wie Unger grinsend erklärt.

Für einen Sportler ist es wichtig, dass Körper und Seele im Einklang sind, nur dann kann er Höchstleistung erbringen und am Ende vielleicht Weltmeister werden. Er muss aber auch einen Prozess der Reife durchlaufen, um an diesen Punkt zu kommen. Auch bei Daniel Unger hat es eine Zeit gedauert, bis er die Dinge so geregelt hatte wie sie jetzt geregelt sind. Und auch er musste erst aus Niederlagen lernen, um zum Sieger zu werden. Die größte Niederlage hat Unger vor etwas mehr als drei Jahren erlitten – gegen den eigenen Körper. Der streikte ausgerechnet vor den Olympischen Spielen von Athen: Ein ganzes Jahr setzte das Pfeiffersche Drüsenfieber den 29-Jährigen außer Gefecht. Es war ein schlimmes Jahr für Unger, Triathleten sind Müßig gang nicht gewohnt. Aber noch schlimmer für ihn war, dass die Viruserkrankung seinen großen Traum zerplatzen ließ – den Traum von Olympia.

RUHM ALS LOHN FÜR DIE MÜHEN

Daniel Unger hat damals beschlossen, seinen Traum weiterzuverfolgen, die Krankheit wurde also zur Chance. “Es hat mich bewusster gemacht und sensibler”, sagt Unger heute. Höhentrainingslager sind seitdem tabu, dafür arbeitet er mit einem Ernährungsexperten zusammen. Und im Sommer 2006 hat er wieder ein Zimmer am Olympiastützpunkt in Saarbrücken gemietet – wegen der letzten Konzentration aufs Wesentliche. Daniel Unger, das weiß er heute, hat alles richtig gemacht. Er ist schließlich Weltmeister. Dass er damit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, zumindest zeitweise, stört ihn nicht. Er hat vielmehr Spaß daran. “Im Moment find’ ich das cool”, sagt Unger, er wertet die Aufmerksamkeit als Lohn für seine Mühen. “Als Sportler hat man ja immer auf so etwas hingearbeitet”, verrät er.

Daniel Unger freut sich aber auch schon wieder aufs erste Trainingslager. Erst kürzlich hat er sich mit Rolf Ebeling getroffen, dem Sportdirektor der Deutschen Triathlon Union, um übers kommende Jahr zu reden und wie man es prinzipiell angehen könnte. Der 29-Jährige startet schließlich als Weltmeister in die kommende Saison. Aber Druck, sagt er, verspüre er deswegen keinen. “Was ich habe, kann mir ja keiner mehr nehmen”, weiß Unger. Nur hinzukommen könnte noch das ein oder andere. Nächsten Sommer, in Peking, finden schließlich wieder Olympische Spiele statt. Und noch immer sind sie Daniel Ungers großer Traum.