NewsDamiano Cunego

Unbekannt

 · 28.06.2005

Damiano CunegoFoto: Ronny Kiaulehn

Giro-Sieger und Erster der Weltrangliste: Damiano Cunego ist der Shootingstar des vergangenen Jahres und nach Pantanis Tod das neue Radsport-Idol der Tifosi. Sind keine Rennen, tankt der 23-Jährige Ruhe und Kraft in seinem Heimatdorf in den Bergen über Verona.

Giro-Sieger und Erster der Weltrangliste: Damiano Cunego ist der Shootingstar des vergangenen Jahres und nach Pantanis Tod das neue Radsport-Idol der Tifosi. Sind keine Rennen, tankt der 23-Jährige Ruhe und Kraft in seinem Heimatdorf in den Bergen über Verona.

Es ist Mitte November, als wir uns von Verona auf den Weg in Cunegos Heimatdorf Cerro Veronese machen. 22 Kilometer Richtung Norden den Berg hinauf, geradewegs auf die bereits schneebedeckten Berggipfel zu. Mit jedem Kilometer wird es einsamer, die Orte werden kleiner und malerischer. „Io vivo a Cerro“, strahlt plötzlich Damiano Cunego, den Giropokal küssend, linker Hand von einem riesigen Plakat, das Bürgermeister Franco Carcereri auf einen Stahlträger am Ortseingang hat aufziehen lassen: „Ich lebe in Cerro.“

Für den berühmtesten Sohn des Dorfes hat der frische Ruhm aber auch Probleme gebracht. „Wir mussten uns eine Geheimnummer zulegen“, erzählt Damiano Cunego inmitten von Pokalen in seinem Arbeitszimmer, wo er schon über 500 Liebes- und Fanbriefe am Computer beantwortet hat. Selbst in Verona, wo seine 20-jährige Verlobte Margherita studiert, kann er sich nicht mehr frei bewegen. Wenn sie ungestört sein wollen, müssen sie sich verstecken. Und in Cerro Veronese reißt die Welle der Sonntagsradler nicht ab, die auf ihrem Weg ins Hochgebirge im Dorf herumirren und „Il Campione“ suchen.

Doch zu seinem Glück ist dieser Champion nicht einfach zu finden:  Auf den ersten Blick gibt es nur Autowerkstätten. Vater Enzo ist Automechaniker. Sein Haus hat er auf das Garagendach gebaut. Einen kleinen Bungalow, vielleicht 80 Quadratmeter groß. So bescheiden, dass niemand darin den „Superstar del Ciclismo“ – wie auf einem Transparent über dem Café zu lesen steht – vermutet.

Damiano Cunego lebt mit seinem 16-jährigen Bruder Donato noch bei den Eltern, weil er in Cerro Veronese das findet, was er braucht: „Ich habe hier alles: unzählige Berge“, so der Kletterspezialist, „Stille und keine Diskotheken, in denen man sich die Nächte um die Ohren haut. Ich gehe lieber früh schlafen.“ Zu Hause findet Cunego auch Halt und Geborgenheit, um als umjubelter Star nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. So, wie es seinem großen Vorbild Marco Pantani passierte, der sich vor einem Jahr mit einer Überdosis Drogen das Leben nahm. Bis jetzt fühlt sich der junge Mann trotz der schnellen Erfolge stabil. Mehr noch: Jetzt, wo Cunego die große Radsport-Hoffnung der Nation ist, fühlt er sich angespornt, noch mehr zu erreichen. Er will das wichtigste Radrennen der Welt gewinnen: die Tour de France. Noch nicht gleich bei seinem Debüt in diesem Jahr, aber in naher Zukunft. „Die Tour – und am liebsten nochmal den Giro“, sagt Cunego lachend, „aber da muss ich noch hart an mir arbeiten.“

Cunegos Schwachpunkt ist das Zeitfahren. Diesen Winter hat er mit dem neuen Team Lampre-Cafitta, einer Mannschaft, die aus der Fusion der bisherigen Teams Saeco und Lampre entstanden ist, das erste Mal im Windkanal gearbeitet. Vor allem an der Sitzhaltung. Cunegos Fans können hoffen, dass er seine Zeitfahrschwäche bis zum Sommer ausmerzt. Am Willen wird es jedenfalls nicht scheitern. Mit 14, 15 Jahren hat er in der Dorfbäckerei jede freie Minute Mehlsäcke geschleppt, Brot in den Ofen geschoben und jede Lira gespart, um sich sein erstes Rennrad zu kaufen. Als Damiano Cunego mit fünfzehneinhalb Jahren begann, sich für Rennen zu interessieren, wollte ihn kein Radclub aufnehmen. Zu alt, hieß es. Er fühlte sich jung genug, hatte gerade den Giro im Fernsehen bewundert, sich in Pantanis stakkatoähnlichen Kletterstil verliebt und sagte sich: „Das will ich auch!“

Drei Jahre später, 1999, wurde er Juniorenweltmeister in Verona. Mit 19 Jahren. Giuseppe Martinelli, damals Teamchef von Pantani bei Mercatone Uno, förderte das Talent und gab Cunego 2001 einen Profivertrag bei Saeco, wohin Martinelli inzwischen gewechselt war. Martinelli wusste, welchen Rohdiamanten er in die Hände bekommen hatte. Er gab Cunego auch die Möglichkeit, aus dem Schatten des langjährigen Saeco-Kapitäns Gilberto Simoni zu treten: Als sich Cunego auf der siebenten Giro-Etappe in Montevergine erstmals das Rosa Trikot holte, wusste er, dass er um den Gesamtsieg mitfahren konnte. Auf der ersten schweren Dolomitenetappe nach Falzes entthronte er Simoni mit einem Vorsprung von 2:39 Minuten und eroberte das zwischenzeitlich verlorene Leadertrikot wieder zurück.

Cunego hat einen ärztlich attestierten natürlichen Hämatokritwert von 52 der über dem umstrittenen Grenzwert von 50 des Radsportweltverbands UCI liegt. „Meine ganze Familie hat diesen Wert, da ist nichts erschlichen“, sagt Cunego gelassen: „Ich habe einfach viel Glück gehabt in meinem Leben. Und ich arbeite hart.“ Urlaub gibt es nur im November. Zwei Wochen, dann wird wieder trainiert. Wenn es in den Veroneser Bergen zu kalt wird, vor allem Ausdauer. Nur manchmal trainiert er mit seinem Freund und Teamkollegen Eddy Mazzoleni, der in der Nähe von Bergamo lebt und mit dem er während der Rennen das Hotelzimmer teilt.

So wie er am liebsten vieles teilen würde. Damiano Cunego ist viel gereist, und es hat ihn oft erschüttert, Menschen zu sehen, die in Armut und Misere leben. Zu Hause in seinem Kinderzimmer, unter dem Poster des Popstars Jim Morrison philosophiert er über globale Ungerechtigkeiten. Da passt es vielleicht ins Bild, dass ihm ein Fan die italienische Übersetzung des Buchs „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry geschenkt hat, weil sie Cunego in Italien jetzt den „kleinen Prinz“ nennen. Zumindest ist der Jungstar sehr bescheiden geblieben. „Und wenn alles so gut weiter läuft“, sinniert Cunego, „baue ich bald ein Haus und gründe eine Familie.“ Zum Abschied lädt Damiano Cunego noch auf einen Espresso in die Dorfbar „Delsassi“ ein, wo die Wände voll sind mit Zeitungsartikeln, in denen der Radstar gefeiert wird. Auch Cunegos Fanclub hat hier seinen Stammtisch. Ein Zettel an der Wand ist im Dialekt der Region geschrieben: „E Damiano disse: Simoni – se te ein te ein, se no mi ao!“ Das heißt so viel wie: „Und Damiano sagt: Simoni – wenn du fährst, fährst du, wenn nicht, greife ich an!“ Das ist Geschichte. Cunego ist bereits auf der Überholspur.