Chrissie Wellington im Porträt

NewsChrissie Wellington im Porträt

Unbekannt

 10/20/2009, Lesezeit: 8 Minuten

Sie hat die Maßstäbe im Ironman-Triathlon verschoben: Chrissie Wellington, Spitzname ”Muppet”, strebt den dritten Erfolg auf Hawaii an und bleibt sich selbst ein Rätsel.

Ich muss mich noch immer kneifen, um zu realisieren, was ich erreicht habe”, sagt Chrissie Wellington am Tag danach. Am Tag, nach dem sie die Maßstäbe in der Triathlon-Welt verschoben hat. Sie sitzt in dem kleinen Ferienappartement im mittelfränkischen Dorf Pfaffenhofen, nur wenige Kilometer von Roth entfernt. Dort hat sie den Langdistanz-Triathlon gewonnen – 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen – und zwar in inoffizieller Weltrekordzeit von 8:31:59 Stunden. So schnell hat noch keine Frau die klassische Langdistanz absolviert. Und wenn nun jemand einwendet, dass es aufgrund der Bedingungen, Beschaffenheit und genauen Abmessungen der verschiedenen Wettkampfstrecken viele Fragezeichen ob der Vergleichbarkeit solcher Marken gibt, dann kann man nur entgegnen, dass Paula Newby-Fraser, die achtmal den Ironman auf Hawaii gewonnen hatte, die Strecke in Roth einst in 8:50 Stunden absolvierte – fast 20 Minuten langsamer.

Nun ist Christine Ann Wellington, die schlanke, muskulöse Britin, der Shootingstar unter den Ironwomen, die in den vergangenen Monaten mit einer wahren Leistungsexplosion erstaunten. Im vergangenen Jahr blieben die Holländerin Yvonne Van Vlerken in Roth und die Hannoveranerin Sandra Wallenhorst beim Ironman Austria unter der alten Bestmarke von Newby-Fraser. Dazu der Leistungssprung von Rebekah Keat: Die Australierin erreichte in Roth nach 8:39 Stunden das Ziel – sie lag wie Wellington vor Ex-Radprofi Kai Hundertmarck.

Niemals müde, immer gut gelaunt

Was ist das Geheimnis dieses plötzlichen Erfolgs? “Ich habe das Glück, dass ich sehr schnell regeniere”, sagt Wellington selbst. Nur ein bisschen langsamer scheint sich die sonst so aufgedrehte Athletin mit dem Spitz namen “Muppet” am Tag nach der großen Show zu bewegen. Bessere Erholungsfähigkeit heißt mehr Training, mehr Wettkämpfe. Und so eilt Wellington übers Jahr von Sieg zu Sieg. Auf der Ironman-Distanz ist sie ungeschlagen. “Mein Körper ist okay, aber mein Gehirn muss ruhen”, sagt die 32-Jährige keine 24 Stunden nach ihrem Rekord. Als wollte sie sagen: Ihr Körper habe sich schneller bewegt, sie schneller über alle Limits getragen, als der Kopf folgen konnte – als mache ihr Körper Dinge, die eigentlich gar nicht menschenmöglich sind.

Wohl selten ist eine Athletin mit Anfang 30 und ohne langen Anlauf in die Weltklasse durchgestartet – mit 27 bestritt Wellington ihren ersten Triathlon, mit 30 wurde sie Profi, gewann in der Saison 2007 gleich bei ihrem ersten Ironman-Start in Korea und wenige Monate später auch den wichtigsten Wettkampf des Sports, die Weltmeisterschaft auf Hawaii – kaum einer hatte zuvor ihren Namen gekannt. In überlegener Manier gewann sie im Vorjahr Ironman-Wettbewerbe in Australien und Deutschland, die Langstrecken-WM des Weltverbandes ITU (die mit der Ironman-Serie des kommerziellen Veranstalters WTC konkurriert) und erneut den Ironman Hawaii. Dabei hatte sie auf Hawaii durch eine Reifenpanne und Probleme mit der Druckluftpatrone sogar rund zehn Minuten verloren. “Sie ist bis zum letzten Moment ruhig geblieben”, sagte der Fotograf Michael Rauschendorfer als staunender Augenzeuge. Während der Vorsprung auf die Konkurrenz dahinschmolz, lächelte Wellington über das Malheur hinweg: “Bei ihr passt das, bei anderen ist das reine Maske”, meint Rauschendorfer.

“Sehr aufgeräumt, sehr freundlich”, so beschreibt Kurt Denk, Veranstalter des Ironman Frankfurt, die Athletin, obwohl ihm die Geldforderung von Wellingtons Management für den Start 2009 zu hoch war. Unangenehme Dinge lässt sie ihren Manager Ben Mansford erledigen.

“Ich möchte zeigen, dass Sport Spaß ist”, sagt die weltbeste Langstrecken-Triathletin. Sie verkörpert die gute Laune, die Begeisterung für den Sport, die viele mitreißt. Während sich manche Konkurrentinnen Hörer ins Ohr stecken, um sich mit Musik über die Strecke treiben zu lassen, sagt Wellington: “Ich trainiere mit Musik. Aber im Rennen will ich die Zuschauer hören, es gibt mir Motivation. Das Publikum in Roth war fantastisch, da kann nicht mal Hawaii mithalten.” Sie hat das Lebensgefühl des Triathlons verinnerlicht: finishen, die eigenen Grenzen ausloten; ehrgeiziges Leistungsdenken gepaart mit demonstrativem Miteinander – Triathlon als große Leidensgemeinschaft.

Windschattenfahren mag sie nicht. Der Kampf mit sich und den Elementen, der jedes Jahr Mitte Oktober im Showdown in der Lava-Wüste von Hawaii gipfelt – das ist ihr Metier. Dafür ist sie bereit, für den Sport 24 Stunden an sieben Tagen der Woche zu leben – “trainieren, ausruhen, essen, schlafen”, das ist ihr Rhythmus. Vorbei die Zeiten, als sie sich nach einer durchzechten Nacht die Hand in einer Londoner Bustür einklemmte – davon ist nur noch eine Erinnerung und eine Narbe übrig. Und als sie sich im Vorjahr nach dem Triumph von Kona sechs Wochen Urlaub gönnte, flog sie nach Argentinien und radelte durch die Anden. Jeden Tag Sport, das ist ihr Leben. “Radfahren ist fantastisch, um Landschaften und Kulturen zu erkunden”, sagt die Ironman-Weltmeisterin. Wirklich ruhen, das ist der Eindruck, kann sie nicht.

Entdeckung im Himalaya

Aber woher kommt diese Frau? Sie ist keine ehemalige Weltklasse-Schwimmerin und hat keine erfolgreiche Vergangenheit auf der Olympischen Distanz. Immerhin: Ihr Debüt als Marathonläuferin 2002 war mit 3:08 Stunden flott. Sie ist eine Spätberufene. In einem Alter, in dem sich Weltklassesportler sonst durch Kader und Trainingslager an die Spitze arbeiten, reiste Wellington durch die Welt, studierte und arbeitete als Beraterin im britischen Umweltministerium. Erst während eines Sabbatjahres als Entwicklungshelferin in Nepal habe sie 2005 auf einer 1.400 Kilometer langen Mountainbike-Tour durch den Himalaya entdeckt, welches Ausdauer-Talent in ihr schlummert: Sie maß sich mit nepalesischen Sherpas. Im Herbst 2006 gewann sie die Altersklassen-WM auf der Olympischen Distanz in Lausanne. Die Entscheidung, mit dem Sport Geld verdienen zu wollen, war gefallen.

Und dann ging alles ganz schnell. So schnell, dass die Experten stutzen: “Es bewegt sich im Triathlon alles auf einem anderen Niveau – für mich ist die Entwicklung nicht mehr nachvollziehbar: Technisch hat sich nicht so viel weiterentwickelt. Und in der Trainingslehre hat sich nichts verändert”, meint die Triathlon-Trainerin Katja Mayer, ehemalige Ironman-Siegerin mit einer Bestzeit von 9:20 Stunden. Sie glaubt, der Triathlon habe ein ernstes Dopingproblem – nicht ganz neu, nun aber besonders gut sichtbar. Aber Beweise hat niemand. Die Enthüllungen im Radsport haben allerdings misstrauisch gemacht. Andererseits hatte der Frauen-Triathlon noch Entwicklungspotenzial. Wellingtons Zeit liegt rund 40 Minuten über der Rekordmarke der Männer, die der Belgier Luc Van Lierde 1997 in Roth aufstellte.

“Frauen haben eine besondere Leidensfähigkeit”, sagt Trainingswissenschaftler Markus De Marées von der Sporthochschule Köln. Das bedeutet: Auf extremen Ausdauer-Distanzen kommen Frauen mit ihrer Leistung näher an die Männer als auf Sprintdistanzen. Aber: “Steile Karrieren aus dem Nichts haben immer auch etwas Anrüchiges”, warnt De Marées. Es gibt aber solche Karrieren: “Andreas Niedrig ist sicher ein extremes Beispiel – aber es zeigt, dass man auch in hohem Alter noch erfolgreich in den Leistungssport einsteigen und in die Weltspitze vorstoßen kann”, verweist De Marées auf den Werdegang des einstigen Drogenjunkies, der später zu den weltbesten Triathleten gehörte. Kein Experte will Spitzenleistungen unkritisch zur Kenntnis nehmen – auch wenn Wellington 2008 zum Pool des Dopingkontrollprogramms “Eiserne Transparenz” beim Ironman Germany zählte. Wer wann getestet wurde, verraten jedoch weder Veranstalter noch die NADA.

Irritierend für viele ist auch, dass Chrissie Wellington ausgerechnet von einem Mann für die Weltspitze fit gemacht wurde, der keinen guten Ruf hat: Brett Sutton ist in der Szene berüchtigt: Der Australier gilt als Vertreter eines Trainingssytems, in dem nur die Härtesten die Übungseinheiten dauerhaft überstehen. Seine Athleten, meist öfter am Start als gemeinhin als gesund gilt, seien stets gerne dort, wo Dopingkontrolleure besonders schwer hinkommen, raunt man in der Szene. Zudem hat der übel beleumundete Coach in seiner Heimat Australien Berufsverbot – wegen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Athletinnen.

Vermutlich war es für die Karriereplanung also nicht schlecht, dass Wellington sich 2008 von Sutton getrennt hat. Im Ohr geblieben sind ihr Lehrsätze wie: “Du musst mir vertrauen und mich entscheiden lassen, was das Beste für dich ist.” Wer die selbstbewusste drahtige Britin trifft, kann sich gut vorstellen, dass diese Verbindung nicht lange halten konnte. Wellington wirkt nicht wie jemand, der sich gerne bevormunden lässt. Inzwischen hat sie zwei weitere Trainer verschlissen, zuletzt den mehrmaligen Weltmeister der Kurzdistanz, Simon Lessing. “Ich möchte mein Trainingsprogramm ganz alleine bestimmen”, kommentiert sie die Trennung.

Sie hat inzwischen gelernt, wie Erfolg im Triathlon funktioniert. Und geht jetzt ihren eigenen Weg. “Ich bin aufgeregt, wie es in Kona laufen wird”, sagt sie mit Blick auf den wichtigsten Wettbewerb des Jahres. Während bei den Männern eine Prognose für das Siegerfinish am 10. Oktober schwerfällt, wäre es keine Überraschung, wenn diese energiegeladene, stets scherzende Engländerin mit Sommersprossengesicht und Lockenkopf zum dritten Mal in Folge gewinnen und schließlich mit einem Tänzchen um Mitternacht die letzten Finisher auf dem Alii Drive empfangen würde – nach 20 Stunden auf den Beinen. Gut möglich, dass sie dabei auch die Bestzeit von Paula Newby-Fraser, die seit 1992 bei 8:55:28 Stunden steht, unterbieten wird. Trotzdem bliebe die Frau ein Rätsel. Das findet Chrissie Wellington selbst: “Es ist alles ein bisschen unwirklich.”

ZUR PERSON:

Geboren: 18. Februar 1977 in Bury St. Edmunds (GBR)

Wohnort: Boulder/Colorado (USA)

Größe: 1,73 Meter

Gewicht: 60 Kilo

Triathlon seit: 2004

Triathlon-Profi seit: 2007

Wichtige Erfolge: Weltmeisterin Altersklasse 2006; Ironman Korea, Alpe d’Huez- Triathlon, Ironman Hawaii 2007; Weltmeisterin Lang-Distanz, Ironman Australia, Ironman Europe, Alpe d’Huez-Triathlon, Ironman Hawaii 2008; Ironman Australia, Challenge Roth 2009

Rad-Sponsor: Cannondale

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  Chrissie Wellington im Interview mit TOUR-Redakteur Andreas Kublik
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  Favoritin beim Ironman 2009 in Hawaii: Vorjahressiegerin Chrissie Wellington
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  Sie liebt zu scherzen: Chrissie Wellington erzählt gerne mit britischem Sinn für Humor.
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