Rahmen

Rahmen Delta 7 Ascend (Einzeltest)

Manuel Jekel am 30.05.2009

Exot mit Durchblick? Beim Rennradrahmen ”Ascend” verwebt US-Hersteller Delta 7 Kohlefasern zu einer fachwerkartigen Rohrstruktur.

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Revolution oder Schnapsidee? Das fragen sich viele Betrachter, seit der bislang unbekannte amerikanische Radhersteller Delta 7 vor einem Jahr dieses spektakuläre Rad vorstellte. Das Konstruktionsprinzip des Rahmens: Die drei Hauptrohre bestehen aus einem Geflecht von unidirektional verlaufenden, mit Kevlar verstärkten Kohlefaserbündeln. Anders als sonst üblich, bilden die Fasern dabei kein geschlossenwandiges Rohr, sondern ein Geflecht. Genauer: ein dreidimensionales Raumfachwerk aus gleichschenkligen Dreiecken, die an der Oberfläche kleine Pyramiden ausbilden.

In Architektur und Maschinenbau sind Raumfachwerke weit verbreitet; man findet sie an Brücken, Hallendächern, bei Kränen und Strommasten. Ihr Vorteil: Steife und gleichzeitig leichte Konstruktionen. Noch jung ist dagegen die Idee, Carbonfasern für die Konstruktion solcher Fachwerke zu nutzen. Zu den Pionieren dieser Technik zählt die US-Firma IsoTruss, die in den 1990er Jahren aus einem Forschungsprojekt an der Brigham-Young-Universität in Provo im US-Staat Utah hervorging.

Leichtbau hoch zwei

Das Ziel der Forscher: Die leider nur in Zugrichtung extrem belastbaren Carbonfasern so zu bändigen, dass sich die Vorteile von leichter Konstruktion und leichtem Werkstoff kombinieren lassen – Leichtbau im Quadrat gewissermaßen. Dazu wurde ein inzwischen patentiertes Verfahren ersonnen: Mit Epoxydharz getränkte Kohlefaserstränge werden mit dünnen Aramid-Fäden – besser bekannt unter dem Markennamen Kevlar – umwickelt, dann über einem Metallkern in Rohrform verwoben und schließlich bei 124 Grad Celsius vier Stunden gebacken. Heraus kommen dabei leichte und zugleich extrem steife Konstruktionselemente, die sich wie Rohre kürzen lassen und für zahlreiche Anwendungen nutzbar sein sollen. Auf seiner Webseite nennt IsoTruss als Beispiele Strommasten, tragende Teile in Architektur, Fahrzeugbau und Luftfahrt sowie Verkehrsleitsysteme und vieles mehr.

Das große Problem: Bislang lassen sich IsoTruss-Elemente nur in extrem aufwendiger und damit teurer Handarbeit herstellen. Die Firma spricht von 300 Arbeitsstunden, die allein in einem Fahrradrahmen stecken sollen. Solange an der Automatisierung des Produktionsverfahrens noch gearbeitet wird, bleiben zumindest Anwendungen in großem Stil deshalb Utopie. Um die vielversprechende Technologie überhaupt schon kommerziell nutzen zu können, hat IsoTruss die Tochter - marke Delta 7 gegründet, die seit vergangenem Jahr Fahrradrahmen aus dem Flechtwerk fabriziert.

Nach einem Mountainbike-Rahmen, bei dem außer den Hauptrohren auch Sitz- und Kettenstreben aus IsoTruss bestehen, hat Delta 7 im vergangenen Herbst den Rennradrahmen “Ascend” vorgestellt. Aufsehen erregt dabei nicht nur das Rohrdesign, sondern auch das angebliche Gewicht. 817 Gramm soll ein Rahmen in mittlerer Größe wiegen, womit er auf Anhieb zu den leichtesten Modellen auf dem Markt zählen würde.

Optisch ist das Delta 7 hinreißend. Ob Rennradler oder Fahrradlaie, an der luftigen Erscheinung geht kein Betrachter kommentarlos vorbei. Aus der Nähe betrachtet, übt das Geflecht einen ganz eigenen Reiz aus, die Netzrohre sind bis ins Detail makellos. Die gelben Kevlarfäden lassen das Material je nach Lichteinfall geradezu funkeln. Wenn auf ungläubige Blicke der Griff zum Rohr folgt, überrascht das Material erneut: Wo die Rohre selbst steifster Carbonrahmen auf Daumendruck sicht- und fühlbar nachgeben, rührt sich beim IsoTruss-Geflecht gar nichts – das Netz ist starr und steif.

Entsprechend gespannt waren wir auf eine Probefahrt mit einem der ersten Serienexemplare, das Mitte März in unsere Redaktion rollte. Das Ergebnis des Tests fiel allerdings ernüchternd aus. Von der versprochenen überlegenen Steifigkeit war nichts zu spüren – im Gegenteil. Auf einer ausgiebigen Testrunde brachte uns der extrem verwindungsanfällige Rahmen mehrfach arg ins Schwitzen. Besonders bei schnellen Abfahrten neigt das Fahrwerk bedenklich zum Aufschaukeln. Auch bei der Kraftübertragung hapert es. Bei kraftvollem Antritt weicht der Rahmen im Tretlager trotz steifer Kurbeln so deutlich aus, dass man kein Sprinter sein muss, um zu merken, dass hier etwas nicht stimmt. Die Messergebnisse aus dem TOUR-Labor bestätigen die Fahreindrücke. Lenkkopfund Tretlagersteifigkeit bleiben weit unter dem, was heute Stand der Technik ist. Immerhin bietet der Rahmen spürbaren Komfort. Als zu optimistisch erwies sich auch die Gewichtsprognose. Exakt 1.080 Gramm wog der Testrahmen in Größe 56 – leicht, aber nicht sensationell.

Nicht nur die konstruktiven Schwächen dürften ein herber Dämpfer für die Marktchancen des Ascend sein. Kaum vermittelbar erscheint auch der Preis. Alleine der Rahmen soll 6.000 Euro kosten, mit der guten Vollcarbon- Gabel des US-Herstellers Edge Composites werden sogar 6.650 Euro fällig. Den Kaufpreis des kompletten Rades mit “Red”-Gruppe von SRAM und Carbon-Felgen von Edge taxiert der deutsche Importeur auf 11.850 Euro.

Konzept mit Zukunft?

Wo genau die Probleme der Konstruktion liegen, können wir nur vermuten. Eine mögliche Schwachstelle: Die Muffenverbindungen zwischen Ober-, Sitz- und Unterrohr. Hauptrohre und Rohrverbinder sind jeweils an nur acht Kontaktpunkten miteinander verbunden, zudem haben die Rohre einen größeren Querschnitt als die Muffen – ein denkbarer Grund für die extreme Torsionsanfälligkeit. Voreilig abschreiben würden wir die Möglichkeit dennoch nicht, dass sich aus IsoTruss irgendwann fahrbare, leichte Rennradrahmen bauen lassen. Vielleicht fällt dem Hersteller bis dahin auch noch ein, wie man den Rahmen, der Staub und Straßendreck wie ein grobmaschiges Sieb einsammelt, wieder sauber bekommt.

* Testrad-Rahmengröße gefettet; ** projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/Sattel- Steuer rohrüber höhung bei 75 cm Sitzhöhe (Mitte Sattelgestell–Oberkante Steuersatzdeckel); *** bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; **** in die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können.

Den gesamten Artikel finden Sie unten als PDF-Download.

Handmade in USA: Jedes IsoTruss-Element – hier das Unterrohr mit den Flaschenhaltergewinden – besteht laut Hersteller aus einem einzigen Kohlefaserstrang, der von einem Kevlarfaden umwickelt wird.

Neuer Fertigungsansatz, klassische Geometrie

Manuel Jekel am 30.05.2009
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