Rahmen

Einzeltest: Dedacciai Strada Temerario

Jens Klötzer am 20.06.2010

Dedacciai ist in der Fahrradbranche als Lieferant von Rohrsätzen für Stahl-, Alu- und Carbonrahmen bekannt. Mit der ”Strada”-Linie steigt das italienische Unternehmen nun mit einer eigenen Marke in den Rahmenbau ein – und das Carbon-Topmodell ”Temerario” ist dabei alles andere als gewöhnlich.

Bei Fragen der Technik sind wir uns in der Redaktion meistens einig, beim Design schon weniger. Als wir das Rahmen-Set “Temerario” von Dedacciai Strada auspackten, brach allerdings ein Tumult aus. Oder jedenfalls fast. Der gewagte Auftritt dieses Carbonrahmens bricht mit etlichen Sehgewohnheiten und signalisiert schon auf den ersten Blick: Ich ... bin ... anders. Und zwar gründlich. Der Name des Boliden könnte daher kaum passender gewählt sein – “Draufgänger” lautet die deutsche Übersetzung für “Temerario”.

Keine Frage, dass ein solcher Eyecatcher nach einem standesgemäßen Aufbau verlangt. Dedacciai bietet keine Kompletträder an, und so bleiben dafür eigentlich alle Freiheiten. Eigentlich. Aber gehört zu einem rassigen Italiener nicht zwingend auch das Beste aus italienischen Komponentenschmieden? Ein weiß lackierter Lenker samt passendem Vorbau der hauseigenen Komponentenlinie Deda Elementi zählt zum Rahmen-Set, auch Reifen und Flaschenhalter kann Deda liefern. Campagnolos “Super Record”-Gruppe, “Bora”-Carbonlaufräder sowie ein farblich perfekt passender Sattel von Prologo komplettieren den Rahmen zu einem Rad, das italienischer kaum sein könnte, und zudem anmutet wie eine Skulptur.

Beim Anblick des schwarz-weißroten Renners bleibt das Auge gleich mehrfach an markanten Details hängen. Am voluminösen Unterrohr etwa, wenn man bei den kantigen Querschnitten noch von einem Rohr sprechen kann. Oder an den gewaltigen, asymmetrisch geformten Kettenstreben, die im vorderen Bereich schmaler ausfallen mussten, damit die Kurbeln Platz haben. Das taillierte Oberrohr mit viereckigem und der integrierte Sitzdom mit tropfenförmigem Querschnitt sind nicht minder auffällige Merkmale der durchweg spektakulären Form. Eines der ungewöhnlichsten Details des Rahmens aber sind die tief am Sitzrohr angesetzten Sitzstreben. Sie bestehen im Gegensatz zum Hauptrahmen aus Titan und sind wohl maßgeblich daran beteiligt, dass der Rahmen auf dem Prüfstand einen erstaunlich guten Komfort-Wert erzielt. Der integrierte Sitzdom ließ das nach unseren Erfahrungen zunächst nämlich nicht erwarten.

Der “Temerario” überzeugt auch in Aktion. Das neutrale Fahrverhalten birgt keine unangenehmen Überraschungen, die Sitzposition ist sportlich, auf dem Dedacciai fühlt man sich auf Anhieb wohl. Der Steuerrohrdurchmesser wächst von 1-1/8 Zoll oben auf 1-1/2 Zoll unten, der großzügige Materialeinsatz soll den Rahmen ordentlich steif machen. Das gelingt: Fahrstabilität (89 Newtonmeter pro Grad) und Kraft übertragung (58 Newton pro Milli meter) liegen auf hohem Niveau. Die seitensteife Gabel (45 Newton pro Millimeter) trägt ebenfalls dazu bei, dass das Rad auch bei hohen Geschwindigkeiten sicher auf Kurs bleibt. Man könnte vermuten, dass die imposante Erscheinung etwas an Übergewicht leidet, jedoch sind 1.320 Gramm für den nackten Rahmen in der Testgröße XL und größenbereinigte 1.789 Gramm für das Set mit Gabel und Steuerlager ordentlich, angesichts der ausladenden Formen sogar gut. Mit 160 Gramm relativ schwer wiegt der Klemmaufsatz für die integrierte Stütze, zudem gibt es technisch bessere Lösungen als die Sattelklemmung mit nur einer Schraube. Hochfrequente Vibrationen werden vom Materialmix des Hinterbaus geschluckt; sie äußern sich nur in einem stetigen, sonoren Summen, das – verstärkt durch die Hohlräume des Monocoque-Rahmens – den Piloten auf seiner Fahrt begleitet.

Die Verarbeitung des Rahmen-Sets ist gut, lediglich die Lackübergänge am Hinterbau könnten etwas sauberer sein. Mit nur vier Größen ist die Auswahl etwas eingeschränkt, vor allem groß gewachsene Interessenten werden das bedauern. Insgesamt gelingt dem “Temerario” ein beeindruckender Auftritt, was nicht nur an der Optik liegt. Für 2.450 Euro gibt es zwar leichtere Rahmen-Sets, aber wohl kaum individuellere. Auch wenn die Werte des Rahmens nicht rekordverdächtig sind: konkurrenzfähig sind sie allemal – und dank des unverwechselbaren Designs wird der “Draufgänger” seine Liebhaber finden.

Wer so ausgeprägte Extravaganz scheut, wird in der Produkt palette dennoch fündig: Drei weitere Carbonrahmen und einen Titanrahmen bietet Dedacciai Strada 2010 an. Vertrieben werden die Rahmen-Sets in Deutschland von Il Diavolo in Bad Honnef.

Preis Rahmen-Set: 2.450 Euro

Bezug/Info: www.dedacciaistrada.com; www.ildiavolo.de

Telefon: 02224/900 190

Rahmengrößen*: S, M, L, XL Sitz-/Lenkwinkel: 72,5/72,5°

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 530/580/180 mm plus 20 mm Steuersatzkappe Radstand/Nachlauf: 1.015/59 mm Rahmenhöhe/STR**: 600 mm/1,54

AUSSTATTUNG:

Gabel: Dedacciai Strada “EDG”

Lenklager: Cane Creek, oben 1-1/8, unten 1,5 Zoll

Lenker/Vorbau: Deda Elementi “Presa”/”Zero 100 Team”;

Sattelstütze: integriert mit Deda Klemmaufsatz

MESSWERTE & EINZELNOTEN

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager: 1.320/407/81 g

Normiertes Gewicht Rahmen-Set***: 1.789 g ... 3,0 Lenkkopfsteifigkeit: 89 Nm/° ... 2,0

Seitensteifigkeit Gabel: 45 N/mm ... 2,3

Tretlagersteifigkeit: 58 N/mm .. 1,3

Komfort Rahmen: 250 N/mm ... 2,0

Komfort Gabel: 94 N/mm .. 4,3

*Herstellerangabe; getestete Rahmengröße gefettet; **projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/STR (Stack to Reach); Werte zwischen 1,45 und 1,55 bezeichnen eine 57 und Gabelschaftlänge 225 mm.

Fläche trifft Kante: Das Design ist aus allen Perspektiven avantgardistisch

Carbon trifft Titan: Sitz- und Kettenstreben bilden einen spannenden Kontrast, Titanrohre dämpfen Vibrationen

Jens Klötzer am 20.06.2010
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