Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo

Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo

Hydraulische Scheibenbremse von Campagnolo im Test

Jens Klötzer am 13.02.2018

Als Letzter der großen Komponentenhersteller bringt Campagonolo eine hydraulische Scheibenbremse für Rennräder. Das System kann vieles besser als die Konkurrenz – zeigt jedoch auch Schwächen.

Wenn sich ein italienischer Traditionshersteller von Rennrad-Komponenten und ein deutscher Spezialist für ­Hydraulik-Bremsen zusammenfinden, um eine Rennrad-Scheibenbremse zu entwickeln, sollte Gutes dabei herauskommen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die erste Scheibenbremse von Campagnolo, an deren Entwicklung das schwäbische Unternehmen Magura maßgeblich beteiligt ist. Nach mehrjähriger Entwicklungs- und Erprobungsphase kommt das System nun in den Handel.

Als H11 ist sie den mechanischen und elektronischen Versionen der Gruppen Chorus, Record und Super Record zugeordnet, für die günstigeren Gruppen wird es eine preiswertere Variante ­geben, deren wesentliche Teile – Brems­sattel, Scheibe, Beläge und das Innenleben der Hebel – baugleich sind. ­Lediglich die Schaltbremshebel unterscheiden sich in den verwendeten ­Materialien und der Schalttechnik: So bestehen die Bremshebel der günstigeren Potenza-­Gruppe aus Aluminium statt aus Carbon; der "Power Shift" genannte Mechanismus ermöglicht schrittweises Schalten auf kleinere Ritzel, während bei der teureren H11 bis zu sechs Gänge mit einem Hebeldruck geschaltet werden können.

Davon abgesehen ist die Griff-Form identisch und orientiert sich an den bisherigen Komponenten. Wer die bequemen Handauflagen der Campagnolo-Hebel bisher schätzte, wird sich auch auf den Disc-Versionen auf Anhieb wohlfühlen. Um die Hydraulikzylinder ­unterzubringen, sind die Höcker etwa acht Millimeter höher als die der Felgenbremsen, was optisch kaum auffällt, sich nach unserem Empfinden aber sogar besser anfühlt: Am Griffhöcker hat man eine zusätzliche Griffposition, an der man auch ordentlich zu­packen kann. Die Griffweite der Hebel ist jetzt – wie bei Shimano schon üblich – stufen­los einstellbar; bei den Hebeln für Felgenbremsen gibt es diese Möglichkeit bislang nicht. Bemerkenswertes neues Feature der Italiener: Während man bei Shimano und SRAM den jeweiligen Charakter der Bremse akzeptieren muss, lässt sich das Ansprechverhalten der Campa-Bremse variieren. Entweder ein harter Druckpunkt mit kurzem Hebelweg oder bessere Dosierbarkeit mit längerem Hebelweg. Beide Varianten sind angenehm in der Handhabung, keine Einstellung empfanden wir als Fehlgriff. Welche man wählt, ist eher Geschmackssache.

Kraftvoll und leise

Die ersten Kilometer hinterlassen zunächst einen hervorragenden Eindruck. Die Federspannung im Leerweg der Hebel liegt zwischen den sehr leichtgängigen, aber auf ­ruppigen Passagen mitunter klappernden Shimano-Hebeln und den etwas schwerer zu betätigenden SRAM-Hebeln. Die Bremskraft setzt weich ein, dann fühlen sich die Campa-­Stopper bissig an, aber stets sehr gut kontrollierbar. Kein Klingeln, Kratzen oder Quietschen stört die Ausfahrt. Auf der Rückseite gummierte Belagsträger sollen Vibrationen dämpfen, was offensichtlich gut funktioniert. Den guten ersten Fahreindruck bestätigen auch unsere Messungen auf dem Bremsenprüfstand, bei denen die H11 ordentliche Leistungen zeigt: Bei moderaten 50 Newton Handkraft baut sie 270 Newton Bremskraft auf, was etwa der Leistung aktueller SRAM-Scheibenbremsen (und den besten verfüg­baren Felgenbremsen) entspricht. Die neueste Shimano-Generation schafft auf diese Weise 320 Newton an der Scheibe, ist dabei aber ­etwas schlechter zu dosieren. Eine Stärke zeigt die Campa-Bremse bei Dauerbremsungen: Sogenanntes Fading, also ein Abfall der Bremskraft bei heiß werdenden Belägen, ist für die H11 kaum ein Thema. Der Leistungsverlust beträgt maximal 15 Prozent und ist in der Praxis kaum spürbar; zudem erholt sich die Bremse schnell wieder, auch wenn weiter hart gebremst wird. Mit diesem Problem hat die Konkurrenz stärker zu kämpfen: Bei Shimano und SRAM muss man bei neuen Belägen im Ernstfall mit bis zu 40 Prozent weniger Leistung rechnen, wenn die Beläge wegen der entstehenden Hitze ausgasen und beginnen, auf der Bremsscheibe zu "schwimmen".

So weit, so gut. Bei weiteren Tests zeigt sich jedoch, dass das Campagnolo-­System mit der Bremshitze an anderer Stelle ein Problem hat. Schon nach dem Fading-Test auf dem TOUR-Prüfstand, der an sich noch keine große Herausforderung darstellt, ist die Bremsscheibe leicht ­verzogen und muss neu ausgerichtet werden. Das Problem tritt auch bei einer Testfahrt in der Praxis auf:

Am Ende einer nur 300 Meter langen, 12 Prozent steilen Gefällstrecke mit normalen Bremsungen, um das Tempo zu kontrollieren, taumelt die neue Bremsscheibe und schleift an den ­Belägen. Mit einem Richtwerkzeug lässt sich die Disc noch einmal gerade biegen. Anders nach unserem obligatorischen Härtetest im Inntal. Der Versuch reprä­sentiert ein extremes, aber nicht ­un­realistisches Szenario: Mit 100 Kilo­gramm Systemgewicht (Fahrer in­klusive Rad) befahren wir eine zwei Kilometer lange, steile und kurvenreiche Abfahrt mit abschließender Notbremsung – nur mit der Vorderradbremse, die nach den Gesetzen der Physik ohnehin die meiste Arbeit übernehmen muss. Die Campa-­Bremse schafft das, wir ­kommen sicher zum Stehen, und sie bremst auch danach noch. Doch die Bremsscheibe ist schrottreif: Teller­förmig verbogen läuft sie mehrere Millimeter neben der Spur, das Laufrad lässt sich so kaum noch durch den Bremssattel drehen. Eine Ausfahrt wäre an dieser Stelle zu Ende. Das ist umso erstaunlicher, weil selbst die Carbonfelgen von Campagnolo von diesem Test unbeeindruckt bleiben.

Unser Fazit: Campagnolos erste Scheibenbremse kann manches ­besser als die Konkurrenz, frei von Kinderkrankheiten ist sie aber auch nicht. Die Hitzefestigkeit der Scheiben müssen die Italiener definitiv noch verbessern. 

Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo

Campagnolo Scheibenbremse – Ohne Adapter: Der vordere Bremssattel lässt sich nur mit 160-Millimeter-Scheiben verwenden

Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo

Campagnolo Scheibenbremse – Spezielle Kurbeln: Wegen des breiteren Hinterbaus bei Disc-Rennern sitzen die Kettenblätter wenige Millimeter weiter außen.

Einzeltest 2018: Rennrad Scheibenbremse von Campagnolo

Campagnolo Scheibenbremse – Größere Hebel: Trotz der geänderten Form sind die Hebel gewohnt bequem.


TOUR Titel 12/2017

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Jens Klötzer am 13.02.2018