Campagnolo wagt einen neuen Vorstoß mit elektrischer Schalttechnik Campagnolo wagt einen neuen Vorstoß mit elektrischer Schalttechnik
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Campagnolos Elektro-Schaltung

Robert Kühnen am 02.02.2005

Campagnolo arbeitet seit Jahren an einer elektrischen Schaltung fürs Rennrad. TOUR konnte exklusiv erste Fahreindrücke mit dem Prototypen sammeln. (TOUR 1/2005)

Elektronik am Rennrad? Puh. Gut, in der Peripherie von Höhen-, Puls- und Tempo-Messern ist Strom als treibende Kraft des Datenaustauschs akzeptiert. Aber sonst? Bemühungen, vor allem die Rennradschaltung unter Strom zu setzen, waren bislang nicht sehr erfolgreich.

Doch der Eindruck täuscht. Campagnolo beweist bei diesem Thema langen Atem: Erste Gerüchte über eine Elektro- Schaltung der Italiener tauchten Ende der 90er Jahre auf. Nach den geheimen Anfängen testen seit 2003 Radprofis Campagnolos Elektroschaltung: Drei Fahrer des Saeco-Teams – Giosuè Bonomi, Juan Fuentes Angullo und Paolo Fornaciari – bestritten damit viele Renn- und Trainingskilometer, darunter die komplette Spanien-Rundfahrt.

Strom für fünf Vuelta-Tage Bei Campagnolos E-Werk sitzt an der kaum veränderten Schaltung statt einer Feder der Zylinder eines Stellmotors. Ähnlich beim Umwerfer, wo der Stellmotor für das Parallelogramm hinter dem Sitzrohr Platz findet. Schaltwerk und Umwerfer bestehen zu großen Teilen aus Carbon und beziehen Arbeitsstrom sowie Schaltsignale über Kabel, die zu einem speziellen Flaschenhalter führen. In dessen Boden ist der sehr kompakte Akku eingelassen – eine Änderung gegenüber dem Prototyp des vergangenen Jahres, als der Akku noch in Form eines Zylinders neben dem Flaschenhalter platziert war. Laut Saecos Chefmechaniker Guiseppe Archetti hält der Akku locker fünf Rundfahrt-Tage, also 20 bis 30 Stunden. Während der gesamten Vuelta, so Archetti, habe er die Akkus nur zweimal zum Laden ans Netz gehängt.

Das „Hirn“ der Elektroschaltung ist eine Variante von Campas Ergobrain-Computer, etwas größer als das bekannte Modell und über Kabel mit den Bremsschaltgriffen sowie dem Akku verbunden. In der Summe sollen die Elektro-Komponenten das Gleiche wiegen wie die Top-Gruppe Record, sagt Archetti. Vermutlich kompensieren die leichten Werkstoffe und der Wegfall der Schaltmechanik in den Griffen das Gewicht des Akkus.

Für die exklusive Testfahrt stand uns für kurze Zeit das Rad von Saeco-Profi Goisuè Bonomi zur Verfügung. Der erste Eindruck: eine normale Record: Daumen- und Fingerschalter, also die Bedienelemente, sitzen dort, wo man sie erwartet, sind jedoch etwas zierlicher als bei der mechanischen Ausführung. Das ist keine Überraschung, denn die Hebel müssen schließlich keine Kräfte mehr übertragen, sondern nur noch Schaltimpulse. Ein Druck mit dem Zeigefinger auf den Hebel hinter dem Bremsgriff, und die Kette wandert schnell und geschmeidig aufs größere Ritzel. Runter geht’s genauso zügig via Daumentaste. Das Schaltgefühl? Präzise, extrem leichtgängig, die Schalter mit gutem Druckpunkt. Längeres Drücken auf einen der Schalter löst den Wechsel mehrerer Gänge auf einmal aus, was geringfügig länger dauert als beim herzhaften Griff zur mechanischen Schaltung.

Überraschender als die Funktion des Schaltwerks ist die des vorderen Umwerfers. Dort, wo man stets mehr Kraft benötigte, um die Kette von einem Blatt aufs nächste zu zwingen, ist es noch eindrucksvoller, wenn plötzlich ein leichter Fingertipp ausreicht – perfekter Schaltkomfort. Das liegt vor allem an den Tricks, die der elektrische Umwerfer beherrscht und die bisher menschliches Geschick erforderten. So überschaltet der Umwerfer beim Blattwechsel automatisch, um die Kette sicher aufs größere Blatt zu heben, und er korrigiert danach seine Spur, damit sie nicht schleift. Der Umwerfer korrigiert auch seine Stellung, wenn man am Hinterrad den Gang wechselt, sodass die Kette nicht am Leitblech des Umwerfers schabt – extremen Kettenschräglauf ausgenommen.

Eine Technik mit Potenzial: Theoretisch eröffnet dies die Möglichkeit, Umwerfer und hinteres Schaltwerk so anzusteuern, dass die Kettenschaltung automatisch vorne und hinten schaltet und Gangüberschneidungen vermeidet. Ein 1999 erteiltes US-Patent genau diesen Inhalts dokumentiert, dass man sich bei Campagnolo dazu frühzeitig Gedanken gemacht hat. Diese Technik wird jedoch nicht zuerst im Profisport erprobt – die Gefahr ist zu groß, dass im falschen Moment ein „Knoten“ in die Kette kommt. Campagnolo lehnt die Funktion der Elektroschaltung zunächst sehr nahe an das mechanische Pendant an. Sicherlich der richtige Weg, um die Rennfahrer zu überzeugen. Die Profis, die mit den Elektro-Komponenten ausgestattet sind, lieben sie jedenfalls – sagen zumindest ihre Mechaniker.

Der erste Fahrtest zeigt, dass in der elektrischen Kettenschaltung Potenzial steckt. Bleibt zu hoffen, dass die Technik bald ihren Weg auf den Markt findet. Die Anzeichen dafür verdichten sich, auch wenn Campagnolo offiziell noch keinen Termin nennt.

 
Elektroschaltung – Pro und Contra

+ gleichbleibend niedrige Schaltkräfte
+ gleichbleibend präzise Schaltschritte
+ automatische Korrektur des Umwerfers
- ohne Strom läuft gar nichts

Robert Kühnen am 02.02.2005
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