Voilà, die Tour de France 2008: Direktor Christian Prudhomme präsentiert die neue Strecke und sich selbst als Türsteher, der Doper raushalten will. Voilà, die Tour de France 2008: Direktor Christian Prudhomme präsentiert die neue Strecke und sich selbst als Türsteher, der Doper raushalten will.
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Tour de France 2008

Andreas Kublik am 20.02.2008

Die Chefs der Tour de France präsentierten in Paris eine ungewöhnliche Strecke für 2008. Und sie betonten, bestärkt durch den Pariser Anti-Doping-Gipfel, künftig noch härter gegen Betrüger durchzugreifen.

Bühne frei für ein großes Spektakel: Auf Großleinwand, mit deftigem Kino-Sound unterlegt, sah man im Pariser Kongresszentrum noch einmal Szenen der Tour de France 2007: dramatische Massenstürze, hohe Berge, Begeisterung der Fans, ein Deutscher in Gelb. “Die Tour ist ein riesiges Volksfest”, durfte ein Zuschauerin am Streckenrand mitteilen. So sehen Franzosen und Mitarbeiter der Firma ASO ihr Rennen gerne.

Gezeigt wurden Augenblicke aus den ersten Tour-Tagen im Juli, als nach den Skandalen des Vorjahres alles gut werden sollte – und niemand ahnte, dass im Peloton immer noch ein gewaltiges Geschwür steckte. Die Radprofis Sinkewitz, Vinokourov, Rasmussen, Moreni, Mayo und Kashechkin, die dann rund um die Tour de France in Sachen Doping auffällig wurden, ritten den Radsport bei seinem wichtigsten Fest weiter ins Verderben. Der Film mit den Bildern der Tour 2007, mit denen die Tour-Bosse Lust aufs nächste Jahr machen wollten, endete ernüchternd: mit Manager Marc Biver, der nach Alexandre Vinokourovs Sündenfall den Rückzug seines Teams Astana ankündigte; mit dem Tour-Chef Christian Prudhomme, der allen Betrügern die Tür wies, und mit dem Fahrer-Streik gegen den anhaltenden Betrug unter den Kollegen. Wohin soll die Tour 2008 führen? “Ein großes Schauspiel. Aber mit welchen Darstellern? ”, titelte die französische Zeitung “L’Équipe” bereits. Wir machen die Helden – das war die klare Botschaft der Herren, die das wichtigste Radrennen der Welt vermarkten. Einige, die im Vorjahr tragende Rollen gespielt hatten, waren fein säuberlich aus der Retrospektive herausgeschnitten worden. Bilder vom Siegerpodium auf den Champs-Élysées gab’s nur für wenige Sekunden. Schließlich ist noch nicht geklärt, ob Sieger Alberto Contador nun “AC” auf der Liste des Doping-Doktors Fuentes ist oder nicht. “Wir wollen keine Bilder von Ausschlüssen mehr sehen”, betonte Patrice Clerc, Präsident des Tour-Veranstalters ASO, und blickte auf die Top-Fahrer wie Alberto Contador, Cadel Evans, Oscar Pereiro und Thomas Voeckler.

“Das wichtigste Kriterium wird Ethik sein”, rief Clerc ins Auditorium. “Keiner hat eine Garantie, im nächsten Jahr dabeizusein; kein Team, kein Fahrer.” Gemeinsam mit Giro-Veranstalter RCS und Vuelta-Veranstalter Unipublic hatten die Tour-Organisatoren sich aus dem Pro-Tour-System des internationalen Radsportverbandes UCI ausgeklinkt – zwar aus wirtschaftlichen Motiven, das hilft aber auch, eigene Moralvorstellungen durchzusetzen. Bisher durften und mussten die Teams mit Pro-Tour-Lizenz bei den wichtigsten Rennen inklusive Tour starten. Nun wollen die Tour-Bosse allein entscheiden, wer auf der Gästeliste steht und wer nicht.

Da kam es gerade recht, dass sich Politik und Radsport zwei Tage vor der Tour-Präsentation darauf einigten, ab 1. Januar 2008 den “biologischen Pass” einzuführen. Ein zusätzliches Druckmittel. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Rennfahrer ohne Blutpass am Start der Tour stehen wird”, betonte Clerc. Das neue Zeugnis, mit dem sich die Fahrer künftig als Saubermänner vorstellen müssen, ist das augenfälligste Ergebnis des Anti-Doping-Gipfels, zu dem sich Vertreter der französischen Regierung, der Rennveranstalter, der Teams, Verbände und der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA in Paris versammelt hatten. Der Radsport wollte in dem Treffen und seinen Ergebnissen ein Zeichen der Besserung sehen. “Das Gute ist der gemeinsame Wille”, meinte Thomas Voeckler, einer der wenigen Radprofis, die zu den Gesprächen geladen waren, und ergänzte: “Ich hoffe, es ist nicht nur Fassade. Ich habe den Eindruck, die Meinungsverschiedenheiten sind ausgeräumt.”

Die Fakten zur Strecke 2008

Tour-Direktor Prudhomme betonte, man habe kurze Etappen gewählt und die Bergetappen entschärft, um ein Zeichen im Kampf gegen Doping zu setzen. Die Tour will weg vom Mythos der übermenschlichen Belastungen. Erstmals seit 1966 gibt es keinen Prolog, es gibt keine Zeitgutschriften mehr, erst das 29 Kilometer lange Einzelzeitfahren am vierten Tag soll das Klassement entzerren, ehe es ins Zentralmassiv mit der ersten Bergankunft geht. Wie im Vorjahr wird es kein Teamzeitfahren geben und so wenige Kilometer im Kampf gegen die Uhr wie lange nicht mehr. “Von der Strecke bin ich positiv überrascht. Es wird deutlich angenehmer für Rennfahrer und Personal. Der Mythos geht so nicht verloren – es wird spannender als in den vergangenen Jahren. Auch Rennfahrer einer halben Gewichtsklasse höher können bei dieser Tour um den Sieg mitfahren”, meinte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer.

Ansonsten ging es in Paris jedoch weniger um Streckendetails als darum, dass der Radsport am Wendepunkt sei. Die Ergebnisse des Anti-Doping-Gipfels des Radsports seien begrüßenswert, war zu hören. “Die Ethik in den Vordergrund zu stellen, das ist der richtige Weg”, sagte Rolf Aldag. Aber was kann man auf solche Äußerungen noch geben? Wenig später machte die Nachricht die Runde, dass Patrik Sinkewitz vor dem deutschen Verbandsgericht ausgesagt habe, dass während der Tour de France 2006 im Team T-Mobile organisiert gedopt worden sei. Auch, nachdem man Jan Ullrich nach Hause geschickt hatte. Was bleibt von der Glaubwürdigkeit, wenn man sich vorstellt, dass TMobile- Sprecher Christian Frommert damals der Öffentlichkeit vom harten Anti-Doping-Kurs des Teams berichtete und gleichzeitig hinter den Kulissen die Radprofis von den Teamärzten weiter mit Blutkonserven versorgt wurden? Wunsch und Wirklichkeit klafften an diesem Tag wieder einmal weit auseinander.


Weitere Infos im Internet: www.letour.fr

* Die Farben bedeuten: grün = Flachetappe; gelb = Mittelgebirgsetappe; rot = Hochgebirgsetappe; blau = Zeitfahren; BA = Bergankunft

Andreas Kublik am 20.02.2008
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