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Reportage: Innenansichten aus der Spitze beim Jedermann-Radsport

Jedermann-Rennen der Deutschland-Tour 2021

Joscha Weber am 28.10.2021

Fast zwei Jahre lang fand in Deutschland pandemiebedingt kein großes Jedermann-Rennen mehr statt. Die Deutschland-Tour in Nürnberg war auch für viele ambitionierte Radsportler die erste Chance, sich wieder mit anderen zu messen. Innenansichten aus der Spitze.

Fast hatte ich sie vergessen, diese Blicke. Scheinbar unauffällig, doch zugleich analytisch und durchdringend. Von Kopf bis Fuß werde ich gemustert, als ich in den Startblock rolle. Wer dort bereits steht, scheint mich einem Ganz-körper-Scan zu unterziehen. Rad, Kleidung, Beine, vermutlich sogar Körperfett – alles wird gecheckt. Ich kann die Gedanken in ihren Köpfen förmlich hören: „Hat der was drauf?“ „Ist der ’ne Gefahr?“ Es ist der zweifelhafte Versuch, von äußeren Merkmalen auf mutmaßlich getretene Watt zu schließen. Eine eigenartige Prozedur, die praktisch zu jedem Radrennen gehört wie Rückennummer und Startschuss. Das zeigt auch die Tatsache, dass ich mich kurz darauf selbst beim Taxieren der anderen ertappe. „Wer sieht trainiert aus? Und wer ist der junge Typ da vorne im Nationalmannschafts-Dress?“ Ich bin genauso neugierig wie die anderen.

Deutschlandtour 347

Fast zwei Jahre sind seit dem letzten großen Jedermann-Rennen vergangen: Der Münsterland-Giro 2019 beendete die letzte normale Radsaison in Deutschland. Dann kam Corona und mit dem Virus die Absagenflut. Kaum ein Rennen fand statt, manche wurden verschoben und später doch abgesagt. Für mich, mein Team Strassacker und all die Gleichgesinnten eine lange Durststrecke. Lockdown folgte auf Lockdown, Trainingslager fielen aus, phasenweise durfte man nicht einmal miteinander trainieren oder allerhöchstens zu zweit.

Eine ätzende Zeit – auch für alle, die den Wettkampf lieben. Für kurze Zeit waren die KOM-Jagd auf Strava, das spontane Gravel-Wochenende in Belgien oder diese Everesting-, 200-Kilometer- oder 300-Kilometer-Challenges auch ganz cool. Aber auf Dauer? Alles nur Ersatzdrogen. Der wahre Kick ist das Rennen. Nicht diese Digitalversionen mit Avataren und Pixel-Landschaften. Nein, die echten, unter freiem Himmel und mit realen Gegnern. Deswegen stehen wir alle wieder hier, am Start mitten in Nürnberg.

Weiß und gerade verläuft die Startlinie über das bucklige Kopfsteinpflaster des Hauptmarkts. Der ist gut gefüllt mit Radsportlern. Die Deutschland-Tour hat zum Jedermann-Rennen geladen, und gut 2.300 Starter sind gekommen, alle geimpft, getestet oder genesen. Während der Streckensprecher seinen Countdown runterzählt, stecke ich meine FFP2-Maske in die Trikottasche und schnaufe noch einmal durch. Peng! Endlich, wir rollen los. Ein Führungsfahrzeug leitet uns neutralisiert aus der Stadt hinaus. Eine gute Idee, denn die Straßen sind nass und alle an der Spitze ziemlich motiviert. Als aus dem Dach des Wagens die Fahne geschwenkt wird, klicken sofort Schaltungen, und das Gespringe geht los. 50, 52, 55 km/h ... Einerreihe.

Die Startphase an der Spitze von Jedermann-Rennen verläuft eigentlich immer so. Ein paar Fahrer wissen nicht, wohin mit ihrer Kraft, und glauben, sie könnten das Ding schon auf den ersten Kilometern entscheiden. Klappt nie, aber das haben alle schnell wieder vergessen. Als sich die erste Aufregung legt, ist Zeit für den einen oder anderen Plausch wie „lange nicht gesehen“ oder „fit?“. Einer fragt mich grinsend: „Haste heute was vor?“ Ein anderer Fahrer ist nicht ganz so locker. „Strassacker! Was macht ihr hier?“, schnaubt er mich an. „Fahrt’s halt Lizenz-Rennen, aber nicht hier!“ Offenbar hat er vergessen, dass er selbst sowohl Lizenz-Rennen als auch Jedermann-Rennen wie dieses hier fährt.

Deutschlandtour 324

Der ewige Streit

Die Diskussion, die mein Nebenmann hier bei knapp 50 Sachen aufmacht, ist fast so alt wie die Jedermann-Rennen selbst. Die boomenden Events lockten im Sog der Team-Telekom-Euphorie in den 2000er-Jahren immer mehr Radsportler an, und schon bald bildeten sich Mannschaften wie unsere. Zunächst unabhängig von gewachsenen Radsportvereinen, aber inzwischen zum Teil eng mit diesen verbunden und mit eigenen Lizenz-Teams. Die attraktiven Rennkurse der Jedermann-Rennen locken viele ambitionierte Fahrer an – und auch die Aussicht, in einer starken Mannschaft zu fahren. Zusammen macht es doch mehr Spaß. Und erfolgreicher ist man gemeinsam auch.

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Joscha Weber am 28.10.2021
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