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Leistungsvergleich im Internet: Strava und Co.

Andreas Kublik am 14.04.2014

Smartphone und GPS-Geräte erlauben einen himmlischen Leistungsvergleich: Die Gegner trifft man dank Satellitensignalen später im Internet. Programme wie Strava rufen zum virtuellen Kräftemessen. Ein Selbstversuch

Bin ich denn noch ganz bei Sinnen? Bei gefühlten sechs Millimol Laktat im Blut ist die Frage sicher nicht abwegig – die Beine sind schwer, die Lunge pumpt, die Sinne sind vernebelt von der Sauerstoffnot. Zum Glück hat es keiner gesehen, wie ich mich mit strengem Zug am Lenkerbogen im schnell schaukelnden Wiegetritt und mit Puls jenseits der 190 eine Asphaltrampe hinaufgekämpft habe. Mit einem Einsatz, als würde ich gegen die weltbesten Profis an der Mauer von Huy im Kampf um den Sieg beim Wallonischen Pfeil sprinten. Aber es ist niemand weit und breit zu sehen – keine Gegner. Nur ich, das Rad, der Berg – und viel Laktakt. Es war ein einsamer Kampf mit mir selbst – und dennoch alles andere als unbeobachtet.

Es guckt jemand von ganz oben zu: Satelliten empfangen das GPS-Signal aus dem Smartphone in meiner Trikottasche – verfolgen mich auf Schritt und Tritt und liefern mir so Dutzende, Hunderte, Tausende unsichtbare Gegner. Je nachdem, ob ich – wie gerade – eine Asphaltrampe aus einem einsamen ober­bayerischen Bachtal hinaufgestrampelt bin oder mich an den 21 Kehren nach Alpe d’Huez gemessen habe. 

Der unsichtbare Bund aus ehrgeizigen Radfahrern heißt Strava – eine Internet-Community, die aus vielen versprengten Rennradlern ein virtuelles, mitunter globales Peloton macht. Wer sich nicht auf den gleichen Strecken misst, findet genug andere Wettbewerbsformen: Lappen messen sich mit Tasmaniern bei virtuellen Kilometer­fressereien – während die einen im Norden Skandinaviens durch Schnee und Kälte gebremst sind, haben die Sportler auf der andere Seite der Erde bei ihren stundenlangen Ausfahrten eher die durch das Ozonloch brennende ­Sonne zum Gegner.

Strava ist nicht neu – aber der Wettstreit per Internet scheint in Deutschland gerade Fahrt aufzunehmen. Das kalifornische Internetunternehmen präsentiert Zahlen, die zeigen sollen: In Deutschland fahren noch weit we­niger Radsportler auf diese Art des Online-Vergleichs ab als in den USA oder vielen europäischen Nachbarländern. Aber immer mehr Rennradfahrer drücken jeden Abend nach der Ausfahrt die Speichertaste, um sich später per Druck auf das orangefarbene Symbol auf dem Mobil­telefon über das Tagwerk anderer zu informieren.

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Leistungstests dank GPS – "Virtuelle Umkleidekabine"

Strava ist eine von mehreren aktuell verfüg­baren Computeranwendungen, die sich eignen, Strecken aufzuzeichnen und die Leistungen von Radsportlern untereinander zu vergleichen. Aktuell ist sie eine der beliebtesten – genaue Zahlen über die Nutzer gibt Strava nicht heraus. Mark Gainey und Michael Horvath starteten im Jahr 2009 mit der gleichnamigen Firma das soziale Netzwerk für Ausdauersportler – zunächst für Radfahrer, seit 2011 auch für Läufer. Die beiden kannten sich aus der Rudermannschaft der Harvard University und dachten laut Gainey an eine "virtuelle Umkleidekabine", in der sich Sportler zum Erfahrungsaustausch und Leistungsvergleich treffen können.

Allerdings sind die Daten nicht immer fehlerfrei. Strava räumt ein, dass das Programm ­Höhendaten, die nicht von einem Barometer gemessen wurden, ignoriert. Es bleibt das grundlegende Problem: GPS-Signale gelten für die Errechnung von Höhenprofilen und ­Gesamthöhenmetern als zu ungenau.

Die Streckendaten, die von Smartphones auf­gezeichnet werden, werden laut Strava über den Vergleich mit Datenbanken überprüft, die Höhendaten neu berechnet und angeblich ­geglättet. Die US-Firma spricht von "leichten Abweichungen". Laut den Erfahrungen von TOUR zeichnet die App mitunter aber viel zu viele Höhenmeter auf. Man sollte also nicht alle von Strava gewonnenen Daten allzu ernst nehmen – realistische Trainingsdaten wie Wattwerte oder Höhen­meter werden ohne zusätzliche, geeignete Mess-Systeme nicht gewonnen. Dichter Wald, steile Bergflanken oder hohe Gebäude ver­ursachen ebenfalls fehlerhafte Daten, weil die GPS-Signale nicht ausreichend stark zum ­Aufzeichnungsgerät durchdringen. Den Spaß am virtuellen Wettstreit muss das nicht nehmen.

Internetseite www.strava.com

Andreas Kublik am 14.04.2014
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