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Jean Asselborn

Der Minister im Rennradsattel

Tim Farin am 26.11.2021

Der Luxemburger Jean Asselborn ist der am längsten amtierende Außenminister in der EU – und der Spitzenpolitiker mit den meisten Rennradkilometern. Für TOUR nahm sich der leidenschaftliche Europapolitiker und Radsportler Zeit für eine gemeinsame Runde in seiner Heimat.

Die Nachrichtenlage ist dramatisch in diesem Spätsommer, für die internationale Politik steht enorm viel auf dem Spiel. Im schwelenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine geht es auch um geopolitische Konsequenzen weit über die Region hinaus. Und in Afghanistan folgt auf den Umsturz die humanitäre Katastrophe. Sie führt in Europa mal wieder zum Streit über den Umgang mit Flüchtlingen. Für den am längsten amtierenden Außenminister der Europäischen Union türmen sich die Aufgaben – doch diesen einen Termin möchte er unbedingt wahrnehmen. „Ich bin zwar ausgelaugt“, sagt Jean Asselborn an einem Sonntagmorgen im August am Telefon, „aber wir machen das, das ist jetzt wichtig.“

„Das“ ist eine gemeinsame Rennradtour, zu der ich mit dem luxemburgischen Außenminister verabredet bin. Der Spitzenpolitiker hat Lust und offenbar auch das große Bedürfnis, sich nicht nur aufs Rad zu setzen – sondern daraus auch eine Geschichte zu machen, die ihn bei seinem liebsten Hobby porträtiert. Ein paar Tage vor dem Termin hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen luxemburgischen Freund in einem Interview als den besonders sportbegeisterten Spitzenpolitiker hervorgehoben. In jedem Fall ist der 72-Jährige ein Unikat: Wer sonst verbindet so viele politische Akzente mit aktivem Radsport?

Kiew, Brüssel, Bonn. Es ist nicht einfach, im Terminkalender des Außenministers eine Lücke zu finden. Noch schwieriger aber gestaltet es sich, eine Regenlücke in der Wettervorhersage auszumachen. Es ist nicht so, dass Jean Asselborn nur bei Sonne fahren würde. Wie wäre er sonst auf die gut 9.000 Kilometer gekommen, die er in den ersten knapp acht Monaten des Jahres auf seinem Garmin gesammelt hat? Aber er ist medialer Vollprofi und weiß, dass nicht nur das innere Erlebnis zählt, sondern auch die äußeren Bilder, die entstehen. Außerdem ist es einfach viel schöner in der lieblichen Hügellandschaft Luxemburgs, die Asselborn seinen Besuchern gern zeigen möchte. „Ich glaube, wir haben hier im Eischtal und der Umgebung einige der schönsten Radstrecken in ganz Europa.“

Das geputzte Rad steht bereit

Als der Tag für die gemeinsame Ausfahrt gekommen ist, scheint der Minister es kaum erwarten zu können. Der Termin ist für 11 Uhr ausgemacht, die Anfahrt dauert wegen des Verkehrschaos im flutgeschädigten deutschen Westen sechs Minuten länger – aber schon um 11.04 Uhr schickt er eine Kurznachricht, ob alles klargehe. Als wir ankommen, schaut der Minister bereits aus dem Fenster im Obergeschoss seines Hauses in der Kleinstadt Steinfort, ein stattliches Gebäude aus den 1990er-Jahren, die Garage steht offen, das geputzte schwarz-rote Rennrad bereit. Asselborn pfeift, er kommt nach unten, begrüßt die Besucher mit sportlicher Corona-Faust. Es ist ein Termin, den er mit positiver Energie angeht. Eine schöne Abwechslung von allem, was er sonst unter Hochdruck betreibt. Gerade eben hat er noch ein langes Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ beendet – das sei hart gewesen, stöhnt der Routinier. Wie so oft ging es um Flüchtlinge, diesmal aus Kabul, Asselborn kämpft für ihre Aufnahme in der Europäischen Union, wie schon seit vielen Jahren. Aber er weiß, dass dieser Kampf schwierig ist, vielleicht nicht zu gewinnen.

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Fit fürs Amt

Kaffee im Wohnzimmer, ein lockerer Plausch zum Warmwerden. Asselborn trägt schon Radschuhe, überm Trikot hat er eine rote Sportjacke an. Als ich das Wort „Masochismus“ in den Mund nehme, um eine Eigenschaft von Radsportlern zu beschreiben, lacht der Politiker. Die Fähigkeit und sogar der Wunsch zu leiden, gehört für viele Radler zum Hobby, zumindest an besonderen Tagen, und auch der Minister kennt das. Aber der Sport entspannt ihn auch. „Um dieses Amt zu machen, muss man physisch fit sein, man muss einen Ausgleich finden. Oft schläft man schlecht. Daher sollte man auch nicht viel Alkohol trinken“, sagt er. Sein Geheimrezept, um den Stoffwechsel nach dem Aufstehen zu unterstützen: Wasser mit Apfelessig und Honig – oder seit Neuestem das französische Milchprodukt Faisselle, eine Art Frischkäse, mit Honig. Das tue ihm gut, sagt er. Und ebenso gut tun ihm die Radeinheiten, wenn er aus dem Flieger steigt.

Der Sport, das betont er stets, bedeutet ihm viel. Als Kind ließ er sich von französischsprachigen Radioreportagen der Tour de France verzaubern, fieberte mit dem luxemburgischen Tour-Sieger Charly Gaul. Im Laufe der Jahre knüpfte er enge Bande zu Profis aus seinem Land, vor allem mit Andy Schleck ist er verbunden. Es gibt ein Foto im Keller der Asselborns, aufgenommen in Palma de Mallorca, das die beiden zeigt. Der Politiker setzte sich beim damaligen französischen Präsidenten François Hollande so lange ein, bis Andy Schleck Ende 2014 endlich die Porzellanvase ausgehändigt bekam, die Tour-de-France-Sieger traditionell erhalten. Schleck war nach der Disqualifikation von Alberto Contador auf den ersten Platz des Tour-Podiums von 2010 gerückt, doch der Spanier hatte die Vase nicht herausgegeben.

Gemeinsame Radtouren bekommen die beiden berühmten Landsmänner bisher nicht zustande. Generell fährt der Außenminister etwa drei Viertel seiner Strecken alleine, aber es gibt auch feste Radkollegen. Manchmal kommt er mit zwei Männern aus seiner Nähe zusammen, manchmal verabredet er sich mit einem Freund, man trifft sich dann auf halber Strecke. Aber Asselborns voller Terminkalender mit vielen Reisen lässt oft nur spontane Touren zu, wenn es gerade passt.

„Wenn ich nicht mehr Rad fahren kann, ist der Ofen aus“, wird Asselborn in seiner Biografie „Merde Alors!“ zitiert. Aber ist es angemessen, sich in einer so dramatischen Weltlage aufs Rad zu schwingen? Müsste der Minister nicht nur über ernste Themen nachdenken? „Da geht der Mensch kaputt“, flüstert er, dann sagt er lauter: „Die, die nur Politik im Kopf haben, drehen sich im Kreis.“ Ihm biete der Sport Ausgleich, Regeneration, die Möglichkeit zur neuen Konzentration.

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Tim Farin am 26.11.2021
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