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Ein Tag am Timmelsjoch

Reportage Ötztaler Radmarathon 2021

Kristian Bauer am 23.10.2021

Das Timmelsjoch ist die letzte große Hürde vor dem Finisher-Traum beim Ötztaler Radmarathon. Wer es bis zur Verpflegungsstation auf halber Höhe des Passes geschafft hat, will nicht mehr aufgeben. Beobachtungen von der Labestation Schönau.

Ein eiskalter Wind bläst über die Passhöhe des Timmelsjochs, Wolkenschwaden ziehen über die Straße. Die Temperatur liegt nur knapp über null Grad. Zwischen den Wolkenfetzen schimmert immer wieder die Flanke des Jochs durch: Eine dünne weiße Schicht zeigt, dass es nachts noch kälter war. Im Startort Sölden zeigt das Thermometer zur gleichen Zeit sechs Grad – die Berge über dem Ötztal sind ebenfalls wie mit einer weißen Zuckerschicht überzogen. Nur 15 Kilometer Luftlinie trennen Sölden vom Timmelsjoch, aber zwischen dem Startbogen in Sölden und der Zeitmessmatte auf dem Pass liegen Welten. Brutale Welten aus schnellen Abfahrten und steilen Anstiegen, die Beinmuskeln zermürben und Energiespeicher leeren. In nüchternen Zahlen ausgedrückt: Rund 215 Kilometer und 5.600 Höhenmeter sind es von Sölden bis zur erlösenden Passhöhe am Timmelsjoch auf der Strecke des Ötztaler Radmarathons 2021.

Seit Jahrzehnten lässt der Ötztaler Hobbyradfahrer träumen, und alle haben sie Respekt vor den gnadenlosen Rampen am letzten Berg. Das Beste kommt zum Schluss, könnte der Untertitel zum Höhenprofil lauten: das 2.474 Meter hohe Timmelsjoch wartet als höchster und längster Anstieg des Tages wenige Kilometer vor dem Ziel. 1.760 Höhenmeter am Stück stehen als letzte, große Hürde an – und dass für diesen Kraftakt genug Energie im Tank ist, dafür gibt es die Labestation Schönau auf halber Höhe des Passes.

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Alle reden übers Wetter

Selten wurde so viel über das Wetter geredet wie vor diesem 40. Ötztaler Radmarathon. Dauerregen bei knapp über null Grad, Schnee auf den Passhöhen – die Wettervorhersage war grausig. So grausig, dass ein großer Teil der Angemeldeten sich gar nicht erst die Startnummer ans Trikot geheftet hat: Nur 2.751 von 4.000 Gemeldeten stehen am 29. August im Morgengrauen in den Startblöcken auf der Hauptstraße in Sölden.

Vielleicht ist auch die geänderte Strecke schuld an der auffallend großen Startunlust: Wegen eines Felssturzes muss eine Umleitung gefahren werden – mit zusätzlichen 10 Kilometern und 250 Höhenmetern. Jahrelang hatten die Veranstalter eine längere Gesamtdistanz und mehr Höhenmeter angegeben, als ihr Radmarathon tatsächlich bot – ausgerechnet zum 40. Jubiläum werden die Zahlen wirklich erreicht. Doch die Umleitung über Sattele/Haimingerberg bringt nicht nur ein Mehr an Höhenmetern mit sich, sondern gleich zum Einstieg steile Rampen.

Dick eingepackt gehen die Starter um 6.30 Uhr auf die Strecke. Die dichten Startfelder schieben sich gegen kalten Wind durch die Dörfer im Ötztal, bevor es hoch zum Sattele und weiter zum Kühtai geht. Der eisige Fahrtwind bergab zwingt die Teilnehmer reihenweise zum Aufgeben. Einige steigen bereits nach der ersten Abfahrt aus, weitere folgen am Ende des Kühtais. Dabei locken spätestens in Italien, auf dem letzten Drittel der Strecke, milde Temperaturen.

Während sich die Fahrer von Innsbruck auf den Weg Richtung Brennerpass machen, herrscht in der Labestation Schönau am Timmelsjoch-Anstieg bereits emsiges Treiben. Auf dem Parkplatz vor dem Gasthof Schönau errichten Männer Radständer und einen Bauzaun. Wegen der Corona-Hygienevorschriften soll eine Absperrung helfen, dass nicht zu viele Sportler auf einmal zusammenkommen. Unter großen Partyzelten schmieren Frauen Brote, verteilen Kuchen auf dem Büfett, schälen Gels und Riegel aus den Verpackungen.

Herr über die Verpflegungsstation ist Markus Streiter. Er sitzt wenig später bei einem Glas Wein im Gasthof Schönau und berichtet über die gute Zusammenarbeit mit dem Wirt und seine Freude über die 30 ehrenamtlichen Helfer, die in diesem Jahr die Verpflegungsstation betreuen: „10 bis 15 Helfer sind immer dabei, und die bringen auch immer wieder neue mit. Das ist schön fürs Dorf. Die Leute organisiert man nicht übers Internet, sondern das geht von Mund zu Mund.“ Streiter ist 1983 selbst den Marathon gefahren und betreut seit Jahren die Station Schönau. Er ist Teil der Wirte AG, die in Eigenregie die Verpflegungsstationen betreut. Das beginnt mit der Organisation der Helfer und geht bis zum Einsammeln der selbstgebackenen Kuchen, die Privatleute und ortsansässige Firmen spenden.

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Während die Fahrer an der Spitze eigene Betreuer an der Strecke platziert haben, ist die Labestation für andere Teilnehmer wie eine Oase in der Wüste. Dort steigt jetzt die Spannung, denn die ersten Fahrer nahen. Links und rechts der Straße stehen fünf Buben bereit, mit Wasserflaschen und Getränkedosen, die sie den schnellen Fahrern reichen. Um 12.40 Uhr kommt das Führungsfahrzeug und kurz dahinter der zu diesem Zeitpunkt führende Mattia de Marchi. Seine Augen sind blutunterlaufen, die Haut ist aschfahl – mit schwerem Tritt fährt er vorbei. Eine Minute später kommen zwei Verfolger, darunter der spätere Sieger Johnny Hoogerland, der sogar nach einer Flasche Wasser greift.

Ein kleines Stückchen zum Sieg haben die jungen Helfer also beigetragen. Der auf Platz fünf liegende Robert Petzold bremst richtig ab, um die Getränkedose sicher entgegennehmen zu können. Man merkt den Teilnehmern an, wie sehr sie sich über die jungen Helfer freuen – viele rufen im Weiterfahren noch ein „Danke!“, nachdem sie sich eine Flasche gegriffen haben. Die Buben sind mit vollem Einsatz dabei – bald laufen sie nebenher, um Fahrern die Getränke besser reichen zu können. Der 13-jährige Markus Hall ist bereits zum vierten Mal dabei. „Mir macht’s immer Spaß, weil man Menschen helfen kann“, sagt er.

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Kristian Bauer am 23.10.2021
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