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Mallorca: Berge mit dem Rennrad

Top 10 Mallorca-Anstiege

Jürgen Löhle am 22.03.2013

Anstiege und Pässe sind das Salz in der Radler-Suppe. Auch auf Mallorca. Das Schöne dort: Die meisten Anstiege sind, mit Bedacht angegangen, so mild, dass sie einem nicht die Suppe versalzen. Wir sind zehn Ansteige hinaufgeklettert und haben ihre Daten per GPS-Gerät gesammelt

Was für ein Kontrast. Eben noch die Hektik Palmas, um uns herum dichter Verkehr, Huperei. Dann entlässt uns der Kreisverkehr hoch über dem Hafen von Mallorcas Hauptstadt direkt in die Ruhe. Schlagartig. Die Straße schlängelt sich vorbei an einer ­Kaserne, dann wird es still. Und steil. 

Acht Kilometer sind es hinauf zum Coll des Vent. Unweit vom Flughafen gelegen, ist er ein idealer Auftakt zu einer Klettertour und ruppig genug, um als erste Kraftprobe durchzugehen. Vor allem im Frühjahr, wenn die Beine noch weiß sind und der Weihnachtskessel unverändert stramm sitzt. Und der Coll des Vent zeigt bei der Fahrt hinauf von null auf knapp 400 Meter Höhe einige Besonderheiten, die für nahezu alle mallorquinischen Berg­strecken gelten. Zum Beispiel diejenige, dass auf der Insel zwar ungeheuer viele Autos zugelassen sind, fast alle offenbar aber nur auf den paar Autobahnen und in Palma ­fahren. Den Coll des Vent schafft man nicht selten ohne ein einziges Auto zu sehen – und hinauf braucht man vom Kreisverkehr zwischen 25 und 35 Minuten, je nach Wade. 

GRUNDLAGE MIT STÜTZRÄDERN 
Und je nach Kondition. Seien wir ehrlich, Mallorcas berühmte Anstiege sind früh im Jahr recht üble Kotz­brocken, außerhalb der schützenden Bäume meist wind­durchtost und kühl. Die Abfahrten sind in Schatten­passagen superheikel, weil sich die Feuchte mit Staub und Blättern zu einer schmierigen Schicht verbindet, die bei jeder schwäbischen Hausfrau das blanke Entsetzen aus­lösen würde. Aber Hausfrauen aus Baden­-Württemberg kehren nicht auf der Insel – und wenn, schwingen sie Besen und Feudel nur um das eigene "Fincale" herum. Nein, nicht falsch verstehen. Mallorcas Bergstrecken sind vom feinsten, verkehrsarm und meist auch anständig asphaltiert. Im Frühjahr muss man sie sich aber mit dem einmaligen Landschafts­genuss schönreden oder sollte besser mit tau­send Einstimmungskilometern in den Beinen auf der Insel landen. Natürlich kann man auch mit Grundlagenpuls die fünf Kilometer hinauf zur Wallfahrtskapelle auf dem Sant Salvador klettern, zu den Trikots des alten Bahn­Weltmeisters Guillermo Timoner, die in der Kapelle ausgestellt sind. Dann wird man aber hinauf so langsam, dass man Stützräder braucht und die Messe längst gelesen ist, bis man endlich da ist.

SCHNEESTANGEN AM PUIG
Weglassen sollte man die Anstiege natürlich auch nicht, denn hier ist Mallorca authen­tisch, ruhig, manchmal wild – und immer fordernd. Aber es liegt ja an einem selbst, wie man sich nach oben schraubt. Am besten also das Männer­-Gen (lieber tot, als Zweiter) de­aktivieren, den Sa­-Calobra-­Anstieg ruhig mit Dreifach kurbeln, auch wenn dann einige spöttisch schauen, als hätte man sich "Watte­ puster" statt "Lenkerbeißer" auf das Trikot flocken lassen. Nein, man darf – kein Witz – im Februar auch mal halten und ein Foto machen, ohne am Abend die Einweisung ins Seniorenheim unterschreiben zu müssen. Und Fotopunkte gibt es wahrhaft wunder­schöne. Damit sind wir wieder am Coll des Vent, der sich fotogen den Hang hochwindet und einmalig schöne Blicke auf Palma freigibt. Mallorcas Anstiege sind also durchaus winter­tauglich, wenn man noch ein Atom Vernunft in sich findet. Allerdings nicht alle: Hinauf zum Puig Major, Mallorcas höchstem Berg, stecken Schneestangen am Straßenrand – und die sind nicht zur Dekoration. Wer sich nicht schrecken lässt, erlebt meistens zwei Dinge: Das wunderschöne Gefühl, von trainierenden Profihorden vernascht zu werden, und dass Malle zwar eine Sonneninsel ist, aber im Frühjahr manchmal auch saukalt. Zumindest in den Bergen. Und da die meisten Radler in Hotels am Meer wohnen, schlottern sie brav die knapp tausend Höhenmeter bergab zu­rück. Meist übrigens gegen einen strammen, kühlen Wind, der vollends die letzte Euphorie aus dem Körper saugt. Eigentlich braucht den Puig im Februar kein Mensch. Aber alle, die es trotzdem gemacht haben, sprechen abends an der Bar so lange darüber, bis es auch der Letzte gehört hat. Und am nächsten Tag liegen sie mit Schnupfen flach.
Wem es noch gut geht, der macht sich andern­tags besser auf zum Orient, dem Coll d’Honor. Ein echtes Schätzchen, rauf fahrbar, runter allerdings einer der berüchtigtsten Schlüssel­beinzertrümmerer auf der Insel. Schlüpfrige Straßen, manchmal sogar an ungeschützten Stellen Eis. Also aufgepasst, sonst bringt das ganze Frühjahrstraining nichts.

Alle Infos zu den Mallorca-Anstiegen sowie den gesamten Artikel über Mallorca (Anstiege und Etappen) finden Sie unten als PDF-Download.

Auch die GPS-Daten zu den zehn schönsten Anstiegen gibt's hier zum kostenlosen Download:
  1: Coll des Vents (8,2 km, 388 hm, max. acht Prozent Steigung)
  2: Coll de Soller (7,4 km, 327 hm, max. acht Prozent Steigung)
  3: Coll d'Honor (6,1 km, 333 hm, max. 5,5 Prozent Steigung)
  4: Puig Major (15,7 km, 850 hm, max. neun Prozent Steigung)
  5: Coll dels Reis (10,1 km, 698 hm, max. zwölf Prozent Steigung)
  6: Coll de sa Bataia (8,5 km, 412 hm, max. neun Prozent Steigung)
  7: Talaia d'Albercutx (7,0 km, 355 hm, max. elf Prozent Steigung)
  8: Ermita de Betlem (7,5 km, 260 hm, max. acht Prozent Steigung)
  9: Puig de Randa (4,8 km, 256 hm, max. 5,3 Prozent Steigung)
10: Puig de Sant Salvador (5,3 km, 368 hm, max. zehn Prozent Steigung)
 


1. COLL DES VENT Südseite

8,2 Kilometer, 388 Höhenmeter, max. 8% Steigung, durchschnittlich 4,7% Steigung, Start Palma de Mallorca, Starthöhe 6 Meter, Passhöhe 380 Meter

Coll des Vent

Radsportler machen um Palma oft einen großen Bogen. Dann entgeht ihnen aber der Coll des Vent, dessen Anstieg direkt am Hafen beginnt. Nachdem der Einstieg unterhalb der Plaça del Pont gefunden ist, kann man sich in einer der Bars noch schnell mit einen Café con leche stärken – dann führt die Carrer Andrea Doria schnurgerade moderat bergauf, überquert die Autobahn, passiert eine Kaserne und klettert durch militärisches Sperrgebiet und Kiefernwälder. Dieser Abschnitt mit einem Dutzend Kurven ist einzigartig auf Mallorca, wegen der großartigen Ausblicke auf Stadt und Meer. Die kann man auch genießen – nur an der steilsten Rampe kurz vor Kilometer sechs bäumt sich die gut asphaltierte Straße mit acht Prozent auf.



2. COLL DE SÓLLER Südseite

7,4 Kilometer, 327 Höhenmeter, max. 8% Steigung, durchschnittlich 4,4% Steigung, Start Kreuzung westlich von Bunyola, Starthöhe 170 Meter, Passhöhe 497 Meter

Coll de Sóller


Vor 1997 schob sich der ganze Verkehr nach Sóller, ins Tal der Orangen, über den Pass. Dann wurde der Tunnel nach Sóller eröffnet, und der Pass verwandelte sich zum fast autofreien Kleinod für Rennradler, an dem sich in offener Landschaft Serpentine über Serpentine legt. Die Nordseite überwindet zwar deutlich mehr Höhenmeter, Radler müssen sich aber bis zum Tunnel die Straße mit vielen Autos teilen. Auf der Südseite verschwinden die meisten Autos nach gut zwei Kilometern im Berg – am Anstieg sind die Radler oft unter sich. Aber obwohl die gleichmäßige Steigung sieben Prozent nie überschreitet, sollte man es nicht gleich zu Beginn richtig krachen lassen: Das steilste Stück beginnt erst auf dem obersten Kilometer.



3. COLL D´HONOR (ORIENT) Südwestseite

6,1 Kilometer, 333 Höhenmeter, max. 9% Steigung, durchschnittlich 5,5% Steigung, Start Bunyola, Starthöhe 217 Meter, Passhöhe 550 Meter

Es gibt höhere, längere, steilere und spektakulärere Anstieg auf Mallorca, trotzdem zählt der Coll d’Honor – nach dem Ort an seiner Nordostseite auch Orient genannt – zu den Klassiker der Insel. Kaum ein Rennradfahrer, der den sechs Kilometer langen Anstieg, der an der Ostflanke des Tramuntana-Gebirges verläuft, nicht kennt. Warum?Weil er ein erstes vorsichtiges Anzupfen am Berg ermöglicht, nachdem man zuvor nur Grundlage gerollt ist. Weil Kehren das steilste Stück vor der Passhöhe auf neun Prozent entschärfen. Aber sicher auch, weil sich kaum ein Auto in das einsame Hochtal verirrt. Und für Trainingseifrige: Weil sich der Pass in eine harte Runde mit Coll de Sa Bataia, Puig Major und Coll de Sóller einbauen lässt.

Coll d'Honor



4. PUIG MAJOR Westseite

15,7 Kilometer, 850 Höhenmeter, max. 9% Steigung, durchschnittlich 5,4% Steigung, Start Sóller, Starthöhe 40 Meter, Passhöhe 879 Meter

Der 1.436 Meter hohe Puig Major ist der höchste Berg Mallorcas. Die Militärstraße zum Gipfel ist zwar selbst für Rennradler tabu. Doch auch die Straße, die unterhalb des Puig mit einem Tunnel ihren höchsten Punkt erreicht, hält einen Rekord. Der fast 16 Kilometer lange Westanstieg ist der längste der Insel und führt mit 879 Metern Höhe zum höchsten Punkt, denn man mit dem Rennrad auf Mallorca erreichen kann. Hier oben kann es früh im Jahr noch Schnee geben, während man am Start auf der Plaça Constitució im Stadtzentrum von Sóller schon draußen in der Sonne sitzt. Wir empfehlen die Variante über den hübschen Ort Fornalutx, dann trifft man erst bei Kilometer 5,2 auf die breite C-710, die nördlich von Sóller startet.

Puig Major



5. COLL DELS REIS Nordseite

10,1 Kilometer, 698 Höhenmeter, max. 12% Steigung, durchschnittlich 6,9% Steigung, Start Sa Calobra, Starthöhe 20 Meter, Passhöhe 718 Meter

Steiler geht’s nicht: Fast sieben Prozent im Schnitt, damit teilt sich der Coll dels Reis, der Pass der Könige, den Rekord mit dem Anstieg zum Puig de Sant Salvador. Nur dass der König- liche doppelt so lang ist und mit Serpentinen und Meerblick auch deutlich mehr Spektakel macht. Aber wer ihn bezwingen will, muss zum Start am Meer in Sa Calobra erst mal 700 Höhenmeter bergab – oder er legt per Schiff aus Sóller dort an; das verkehrt im Frühjahr aber selten. Dann geht es bergauf wie an einem Alpenpass: zehn Kilometer, durch ein Felsentor, vorbei an Kalkzinnen, hinauf durch fast zwanzig Serpentinen. Kurz vor Schluss wartet eine straßenbauliche Ikone: der Krawattenknoten, in dem die Straße eine 270-Grad-Schlaufe bildet.

Coll dels Reis



6. COLL DE SA BATAIA Südseite

8,5 Kilometer, 412 Höhenmeter, max. 9% Steigung, durchschnittlich 4,8% Steigung, Start Caimari, Starthöhe 168 Meter, Passhöhe 576 Meter

Der Coll de Sa Bataia ist der dritthöchste Pass Mallorcas und nur die beiden höchsten, Puig Major und Coll dels Reis, sammeln mehr Höhenmeter. Aber am Sa Bataia sind sie gut verteilt, im Schnitt bleibt die Steigung unter fünf Prozent und kratzt die Neun-Prozent-Marke nur zu Beginn, in den ersten Kehren nach dem Startort Caimari,und vor den Kehrengirlanden im Schlussdrittel des Anstiegs. Und da man meist durch lichten Kiefernwald klettert, merkt man die Höhenmeter kaum, die unter einem liegen. Es sei den, man lässt sich von einer der vielen Radgruppen, die den beliebten Pass hinaufjagen, verleiten, ein mörderisches Tempo anzuschlagen. Dann rettet einem am Pass nur noch die Tankstelle und das Restaurant.

Coll de sa Bataia



7. TALAIA D'ALBERCUTX Stichstraße

7,0 Kilometer, 355 Höhenmeter, max. 11% Steigung, durchschnittlich 5,1% Steigung, Start Port de Pollença, Starthöhe 10 Meter, Passhöhe 365 Meter

Mallorcas nördlichster Zipfel, die Halbinsel Formentor, ist eines der beliebtesten Ziele für Rennradler. Auf dem Weg von Port de Pollença zum Leuchtturm am Kap der Halbinsel rauschen die meisten aber nach dem ersten Anstieg
zum Coll de la Creueta (209 m) hinab Richtung Formentor. Am Coll zweigt aber rechts eine kleine Stichstraße ab, zum Wachturm Talaia d’Albercutx, einem alten Piraten-Ausguck. Das 2,3 Kilometer lange Sträßchen ist in erbärmlichem Zustand, Schlaglöcher zwingen zum Schlangenlinienkurs. Dafür wird die Aussicht mit jedem Meter beeindruckender. Oben reicht der Rundumblick von der Halbinsel über die Bucht von Pollença bis Menorca, ins Inselinnere und schließlich bis tief ins Tramuntana-Gebirge.

Talaia d'Albercutx



8. ERMITA DE BETLÉM Stichstraße

7,5 Kilometer, 260 Höhenmeter, max. 8% Steigung, durchschnittlich 3,5% Steigung, Start Artà, Starthöhe 142 Meter, Passhöhe 373 Meter

Die Ermita de Betlém liegt in der Serra d’Artà, im äußersten Nordosten Mallorcas. Die Mönche sind 2010 altersbedingt weggezogen. Die Kapelle kann aber besichtigt werden. Die neun Kilometer lange Straße von Artà zum Kloster erklimmt ihren höchsten Punkt, den Puig de sa Font Crutia, schon nach 7,5 Kilometern. Von dort blickt man über die Bucht von Alcúdia bis zum Cap de Formentor. Hinter Artà führt die Straße erst einmal leicht bergab, verschwindet nach zwei Kilometern in einem Waldstück, in dem nach 500 Metern der Anstieg beginnt. Nach zwei Flachstücken und in offener Landschaft biegt die Straße bei Kilometer 4,8 links ab. Sie wird schmaler und steiler und zieht in Serpentinen über sonnige Schafweiden nach oben.

Ermita de Betlém



9. PUIG DE RANDA Stichstraße, Westseite 

4,8 Kilometer, 256 Höhenmeter, max. 10% Steigung, durchschnittlich 5,3% Steigung, Start Randa, Starthöhe 294 Meter, Passhöhe 542 Meter

Mallorcas Zentrum ist platt. Nur kleinere Höhenzüge ragen aus der Ebene Es Plà, der höchste ist der 542 Meter hohe Tafelberg Puig de Randa, der "Heilige Berg" Mallorcas. Zwei Klöster kleben an seiner Flanke, eines hockt ganz oben. Dorthin pilgern auch Rennradler, die eine Herausforderung in Es Plà suchen. Gleich hinter Randa zieht die Steigung gleichmäßig und gerade nach Südosten. Nach 1,2 Kilometer beginnen die Kehren. Die schönste Aussicht wartet aber nicht auf der Aussichtsterrasse des Klostercafés, sondern zuvor in der obersten Linkskehre. Tipp: Wer einen härteren Weg zum Gipfel sucht, kann von Süden aus starten, am Nordrand von Llucmajor (150 m). Der acht Kilometer lange Anstieg überwindet 400 Höhenmeter.

Puig de Randa



10. PUIG DE SANT SALVADO Stichstraße

5,3 Kilometer, 368 Höhenmeter, max. 10% Steigung, durchschnittlich 6,9% Steigung, Start Abzweig bei Felanitx, Starthöhe 142 Meter, Passhöhe 510 Meter

Noch ein Kloster. Auf einem Berg, dem Himmel nah. Das Santuari de Sant Salvador ist nicht nur für Mallorquiner ein wichtiger Wallfahrtsort. Auch Rennradfahrer pilgern hinauf, weil im Vorraum des Klosters die sechs Weltmeister-Trikots des mallorquinischen Radprofis Guillermmo Mortimer (87) hängen, der aus Felanitx am Fuße des Berges stammt.Pilgerwege müssen beschwerlich sein. Auch dieser. Mit durchschnittlich fast sieben Prozent steigt die Straße von einem Abzweig östlich von Felanitx an, teilt sich diesen mallorquinischen Rekord mit dem Coll dels Reis. Ein Dutzend Kehren geben der Klette- rei guten Rhythmus, der zusammen mit vielen Tiefblicken die Anstrengung verschleiert. Aber Kräfte einteilen: Das steilste Stück kommt spät.

Puig de Sant Salvado

GPS-DATEN: TOUR bietet die Daten der Touren zum kostenlosen Download an. Die Tracks im GPX-Format können Sie zum Nachfahren direkt auf ein GPS-Gerät laden oder am Computer in Google Earth oder Google-Maps betrachten.

Jürgen Löhle am 22.03.2013