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Frankreich

Frankreich: Vogesen

Matthias Rotter am 17.07.2014

Mit drei schweren Etappen dürften die Vogesen bei der 2014er Tour de France im Klassement ordentlich Wirbel machen. Grund genug, die vielen Pässe des Mittelgebirges selbst einmal unter die Räder zu nehmen

Der 30. Juni 1961 war ein warmer ­Sommertag in den Vogesen. Ein großer Tag für die Ein­heimischen, weil das Peloton der Tour de France durch ihre beschauliche Bergregion rauschen sollte. Und ein großer Tag für einen Buben aus Gérardmer, der sich mit seinem schweren Stahlfahrrad auf den Weg zum Col de la Schlucht gemacht hatte – fünfzehn Kilometer bergauf. Der Dreizehnjährige, fasziniert von der Welt der Radprofis, wollte sein Idol Jacques Anquetil hautnah vorbeifahren sehen; Anquetil, der seit dem Start in Paris das Gelbe Trikot trug. Als der Tour-de-France-Sieger von 1957 den Col de la Schlucht passiert, wirft er eine leere Trinkflasche an den Straßenrand – direkt vor die Füße seines jungen Fans.

Noch immer leuchten die Augen des heute 65-jährigen Jean-Claude Ruer, wenn er von jenem Tag im Sommer 1961 erzählt. Heute ist Ruer Präsident des Radsportclubs in Gérardmer, fördert den Nachwuchs, organisiert an die zehn Radrennen pro Jahr und dreht regelmäßig seine Runden über die nahen Pässe.

Die Rampe nach La Mauselaine ist typisch für die Vogesen: kurze, knackige Anstiege und davon viele. Die drei Tour-Etappen führen über 17 Pässe, die zahlreichen Wellen dazwischen nicht mitgezählt. Ruer ist sich sicher, dass dort eine Vorentscheidung fallen wird. Und er hofft, dass sich die beiden einheimischen Profis gut in Szene setzen können: Steve Chainel vom Team AG2R wohnt in St. Étienne, und Nacer Bouhani aus Épinal fährt beim Team F. des Jeux. Auf jeden Fall bietet die verwinkelte Streckenführung für Zuschauer zahlreiche Gelegenheiten, den Profis beim Klettern zuzuschauen. Ein guter Grund, der Region im Dreieck Straßburg, Èpinal und Mülhausen einen Besuch abzustatten.

Aber auch ohne Spektakel sind die Pässe und das engmaschige Netz an Nebenstraßen eine Einladung für Rennradler. Einsame Sträßchen schlängeln sich durch Wälder, vorbei an Bergseen und durch Dörfer mit einfachen Steinhäusern und trutzigen Kirchen. Perfekte Beschilderungen darf man auf diesen Planwegen jedoch nicht erwarten. Landkarte in der Trikottasche oder GPS am Lenker sind Pflicht – und Jean-Claude Ruers Streckentipps. Einer davon führt zur Route des Crêtes, einer 70 Kilo­meter langen Kamm­straße, die stets auf mehr als tausend Meter Höhen balanciert und in jeder Kurve neue ­Blicke freigibt, mal nach Osten übers Rheintal zum Schwarzwald, mal nach Westen übers französische Hügelland. Bei klarer Luft leuchten die verschneiten Gipfel der Alpen am Horizont. Für all das werden die Profis bei der Tour de France kaum etwas übrig haben. Denn hinter der nächsten Kurve wartet stets der nächste Col. Klein, aber gemein.

Den gesamten Artikel sowie die GPS-Daten zu diesen Touren finden Sie unten als Download:

• Tour 1: Finale mit Biss (117 Kilometer, 2.000 Höhenmeter, max. 10 Prozent  Steigung)

• Tour 2: Ballonfahrt (113 Kilometer, 2.640 Höhenmeter, max. 12 Prozent  Höhenmeter)

Matthias Rotter am 17.07.2014