© Philipp Schieder
Look 675 Carbon, Modell 2012

Einzeltest: Look 675

Look präsentiert neu das extravagante 675 – ein Carbonrenner für Individualisten mit gut gefüllter Brieftasche.

Für besondere Ansprüche war der französische Hersteller Look schon immer eine gute Adresse. Das Unternehmen aus Nevers an der Loire baute bereits Carbonrahmen, als dünnrohrige Stahlrahmen noch das Bild des Rennrads prägten. Als um die Jahrtausendwende immer mehr Fahrradfirmen aus Kostengründen ihre Produktion nach Asien verlagerten, gründete Look eine eigene Fabrik in Tunesien, in der heute, eine Tagesreise vom Stammwerk entfernt, der Großteil der Rahmen produziert wird. Unter den großen europäischen Rennradmarken ist Look deshalb die einzige, die man noch als Hersteller im Wortsinn bezeichnen kann. Und auch technisch ging Look stets eigene Wege. Bestes Beispiel: das Top-Modell 695 (TOUR-Test 5/2011 ->) mit einteiliger Carbonkurbel, elastomergedämpfter Sattelstütze und verstellbarem Vorbau. Mehr Systemintegration ist bei Rennrädern derzeit kaum zu finden.

Obere Mittelklasse

Leider trieb der hohe Entwicklungs- und Fertigungsaufwand den Preis für das 695 in astronomische Höhen. Um auch im mittleren Preisbereich ein attraktives Modell anbieten zu können, präsentieren die Franzosen nun das neue 675: ein ganz ausdrücklich als Mittelklasse-Modell bezeichnetes Rennrad, wobei die Kategorisierung hierzulande ein wenig irritiert. Allein das Rahmen-Set des 675 samt Vorbau und Stütze kostet mit 2.400 Euro mehr als diesseits des Rheins ein typisches Komplettrad der Mittelklasse. Nun ist es mit Rennrädern aber wie mit Autos oder Uhren: Löst ein Produkt den Haben-Wollen-Reflex aus, kann der Preis schnell zweitrangig werden. Dass das 675 ein begehrenswertes Rad ist, steht außer Frage. Das ansteigende, in einer Linie in den Vorbau übergehende Oberrohr verleiht dem Rad eine ebenso ungewöhnliche wie elegante Silhouette. Die Anregung dafür lieferte das vor einem Jahr präsentierte Mountainbike-Hardtail 920, das den gleichen Übergang von Oberrohr und Vorbau aufweist.

Ein kleines Problem bringt diese formale Integration allerdings mit sich: Gut zur Geltung kommt das Design nur, wenn der Vorbau in einer Linie mit dem Oberrohr steht. Beim mitgelieferten Flipflop-Vorbau (plus/minus fünf Grad) ist das der Fall; anders sieht es mit dem zweiten lieferbaren Vorbau aus, der plus/minus 16 Grad Neigung ermöglicht. Immerhin ergeben beide Vorbauten, die jeweils in den Längen 90 bis 130 Millimeter erhältlich sind, zusammen ein breites Spektrum an Lenkerpositionen. Clever: Durch einen Einsatz und eine alternative Frontplatte lässt sich jeder Vorbau um zehn Millimeter verlängern.

Der längenverstellbare Vorbau entspringt direkt aus dem Oberrohr. Mit vier Winkelgraden und unterschiedlichen Längen lassen sich viele Lenkerpositionen realisieren.
Der längenverstellbare Vorbau entspringt direkt aus dem Oberrohr. Mit vier Winkelgraden und unterschiedlichen Längen lassen sich viele Lenkerpositionen realisieren.
© Philipp Schieder

Echter Sportler

Anders als man wegen des hochgelegten Oberrohrs vermuten könnte, ist das 675 kein Komfortrenner vom Schlage eines Specialized Roubaix. Der Stack-to-Reach-Faktor von 1,49, der das Verhältnis von Rahmenhöhe und -länge unabhängig von Sitz- und Lenkwinkel beschreibt, charakterisiert die Geometrie als goldene Mitte zwischen komfortabel und rennmäßig – eine Auslegung, die die meisten Fahrer ansprechen dürfte. Dass Look-Räder bisher nie Top-Noten für ihre Fahrstabilität bekamen, war in der Vergangenheit öfter Anlass für Meinungsverschiedenheiten zwischen den Entwicklern in Nevers und der TOUR-Redaktion. Bei der Übergabe dieses Testrades wies Marketing-Chef Eric Vanhaverbeke deshalb ausdrücklich darauf hin, dass das 675 den deutschen Geschmack treffen müsste. Und recht hat er: Mit 90 Newtonmetern pro Grad ist der 675-Rahmen in Größe L zwar nicht supersteif, aber auf alle Fälle ausreichend fahrstabil für die meisten denkbaren Fahrzustände. Der Blick auf die Waage zeigt jedoch, dass dies mit einem relativ hohen Materialeinsatz erkauft wurde: 1.348 Gramm sind für einen Carbonrahmen heutzutage schwer. Ein wenig relativiert wird das hohe Gewicht durch die extrem leichte Gabel, die sich in einem patentierten Lenklager dreht. Clou der Konstruktion ist, dass Lagerspiel und Vorbau unabhängig voneinander eingestellt werden. Das kann beim Transport des Rades von Vorteil sein.

Im Praxistest vermittelt das 675 auf Anhieb ein gutes Gefühl. Auf Abfahrten bewirkt die spürbar hohe Torsionssteifigkeit, dass selbst bei Tempo 80 keine Unruhe ins Fahrwerk kommt. Im Wiegetritt ist kein Kraftverlust zu spüren, Lenkbefehlen folgt das Rad willig. Gemessen an extrem gut gedämpften neuen Modellen wie Trek Domane und BMC Granfondo (TOUR-Test 7/2012 ->) ist das 675 kein Komfortwunder. Doch insgesamt lässt sich die Abstimmung von Rahmen, schlanker Carbonstütze und 23-Millimeter-Pneus als angenehm gedämpft bezeichnen. Auffällig war bei den Testfahrten das sirrende Bremsgeräusch auf den schwarz eloxierten Alu-Felgen von Mavic mit angerauten Bremsflanken. Auch der Belagverschleiß war auf den ersten Kilometern signifikant. Aus intensiven Praxiserfahrungen wissen wir allerdings, dass diese Probleme nachlassen, wenn die Felgen eingebremst sind. Gut umgesetzt ist die Integration der funktional bestechenden Ultegra-Di2-Schaltung mit unter dem Unterrohr montiertem Akku. Der Rahmen lässt sich aber auch weiterhin mit mechanischen Schaltsystemen ausrüsten.

Bezug/Info www.lookcycle.com

Rahmengrößen** XS, S, M, L, XL cm
Sitz-/Lenkwinkel 74°/72,5°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 515/555/181 mm
Radstand/Nachlauf 995/59 mm
Stack/Reach/STR*** 578/387 mm/1,49

AUSSTATTUNG
Lenklager Look Headfit, oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll
Bremsen/Schaltung/Tretlager Shimano Ultegra Di2 (50/ 34 Z., Press-Fit)
Laufräder/Reifen Mavic Cosmic Carbone SLR/Mavic Yksion
Lenker/Vorbau 3T Er gonova/Look A-Stem
Sattel/-stütze Fizik Ardea/Look (27,2 mm)

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad (ohne Pedale) 7,7 kg
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1 .348/318/78 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set 1.795 g: 3,0
Lenkkopfsteifigkeit 90 Nm/°: 2,0
Seitensteifigkeit Gabel 38 N/mm: 3,7
Tretlagersteifigkeit 54 N/mm: 2,0
Komfort Rahmen 223 N/mm: 1,7
Komfort Gabel 91 N/mm: 4,3

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese beiden Bewertungen fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Not en mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1,45 und 1 ,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.

© TOUR-Redaktion
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Text: Manuel Jekel
18.08.2012

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