© Daniel Simon
Merida Scultura SL Team 2012

Einzeltest: Merida Scultura SL Team

Mit der zweiten Generation des Scultura-Rahmens will Merida im High-End-Segment künftig ein gehöriges Wörtchen mitreden. Kann der Herausforderer den hohen Anspruch erfüllen?

Merida als Anbieter von echten High-End-Rennrädern? Diese Vorstellung braucht noch etwas Zeit, um sich in den Köpfen festzusetzen. Bislang war der taiwanische Hersteller noch kein Kandidat, wenn es um absolute Spitzentechnik ging. Doch das soll sich mit der zweiten Generation des Top-Rahmens Scultura ändern. „Ein rundes Paket“ soll der neue Rahmen sein, „der unter den besten Rennradrahmen der Welt mitspielt“, so Jürgen Falke, der deutsche Entwicklungs-Chef von Merida. Dafür gab es klar formulierte Entwicklungsziele: geringes Gewicht, Top-Steifigkeit, bestmögliche Dämpfung. 

Wohltuend normal

Formal ist der neue Scultura ein Rahmen, wie er im Zuge von Komfort- und Aero-Hype fast selten geworden ist. Man könnte auch sagen: Endlich mal wieder ein Rahmen mit klassischer Geometrie und halbwegs runden Rohren. Trotzdem ist alles an Bord, was man von einem High-End-Modell 2012 erwartet: innen verlegte Züge, Vorbereitung für elektrische Schaltungen, Ausfallenden aus Carbon. Die Sitzstreben sind für gute Dämpfung ultraflach ausgeführt. Dem gleichen Zweck dient die schlanke Sattelstütze. Zudem soll das Faser-Layup dazu beitragen, das Scultura zur rollenden Sänfte zu machen. „Bio-Faser-Dämpfung“ nennt sich die Technologie, bei der zwischen die Carbonlagen in Gabelscheiden, Sitz- und Kettenstreben je eine Gewebelage Flachsfasern eingebettet wird – ein Verfahren, auf das im Rahmenbau schon der belgische Anbieter Museeuw setzt und das auch in anderen Sportgeräten angewendet wird. Weil die Naturfasern Schwingungen schneller abbauen als Carbon, soll sich die Dämpfung der Konstruktion erhöhen. Ebenfalls ungewöhnlich ist das Tretlager des Scultura. Hinter dem relativ neuen Standard BB386evo stehen der Komponentenhersteller FSA sowie die Idee, die Vorteile der wichtigsten gängigen Standards BB86/Press-Fit (breites Gehäuse, breite Lagerabstützung) und BB30 (große Durchmesser von Lagern und Welle) zu vereinen. Genug der Vorrede, zu den

Fakten: Mit 856 Gramm, montagefertig in Größe 54 mit 56 Zentimeter langem Oberrohr, erfüllt der Scultura nicht nur das Versprechen, ein Leichtgewicht par excellence zu sein. Auch sonst leistet er sich keine messtechnische Schwäche und stößt gleich in drei Kategorien – Lenkkopfsteifigkeit, Tretlagersteifigkeit und Rahmenkomfort – an die Decke des TOUR-Bewertungssystems. Verdienter Lohn: die Rahmen-Endnote 1,7; diese unterboten bislang nur sehr wenige Top-Rahmen. 

Die gezielte Mischung von Carbon- und Flachsfasern in Hinterbaustreben und Gabel sollen die Dämpfung verbessern.
Die gezielte Mischung von Carbon- und Flachsfasern in Hinterbaustreben und Gabel sollen die Dämpfung verbessern.
© Daniel Simon

Erstes Serienrad mit SRAM RED 

Unser Testrad war das zugleich erste Serienrad mit der neuen Red-Gruppe von SRAM im TOUR-Test. Alle bisherigen Erfahrungen mit einer Dauertestgruppe deuten darauf hin, dass die neue Red gegenüber ihrer Vorgängerin ein großen Schritt nach vorne gemacht hat und funktional wie in Sachen Zuverlässigkeit alle Anforderungen an eine Top-Gruppe erfüllt. Daher fiel es besonders auf, dass sich die Gruppe am Scultura in einigen Gängen durch hohe Laufgeräusche der Kette bemerkbar machte. Wir fragten dazu Christoph Allwang, Profi-Mechaniker bei SRAM, der das Problem mit einem Blick lokalisierte: Die Kettenlinie stimmt nicht. Die Reduzierhülsen, die zur Montage der Red-Kurbel im BB386evo-Innenlager erforderlich sind, rücken die Kettenblätter so weit nach außen, dass die Kette in einigen Gängen sehr schräg und entsprechend laut läuft. Zwar sind alle Gänge grundsätzlich fahrbar, doch gedacht hat man sich das bei SRAM natürlich anders. Allwang formuliert seine Kritik an dieser Kombination diplomatisch: Der Scultura sei nicht unbedingt der Rahmen, an dem sich die Funktion der neuen Red optimal demonstrieren ließe. 

Ein Top-Rahmen, an dem die neueste Top-Gruppe nicht perfekt passt? Ob es so weit kommt, war am Testrad nicht final zu klären. Vermutlich könnten andere Reduzierhülsen oder eine andere Kurbel Abhilfe schaffen. Dass Merida überhaupt die Adapterlösung wählt, liegt daran, dass SRAM die Gewähr für die Funktion der Kombination aus Red-Umwerfer und Kurbeln anderer Hersteller ablehnt. Um auf Nummer sicher zu gehen, montierte Merida statt der eigentlich vorgesehenen BB386-Evo-Kurbel von FSA die Red- Kurbel – mit dem geschilderten Ergebnis. Probleme wie dieses drohen in der Radbranche stets dann, wenn neue Standards und Trends die Runde machen. Der Scultura hat in dieser Hinsicht noch ein Problem, das bei Beginn der Entwicklung des Modells so nicht absehbar war. Für ein „besonders aggressives Handling“ – so Merida – bekam der Rahmen einen sehr kurzen Hinterbau. Schon bei einem normalen 23-Millimeter-Reifen bleibt nicht viel Luft zwischen Gummi und Sitzrohr. Komfortablere, leichter rollende 25-Millimeter-Pneus passen dagegen nicht – keine Chance. Was soll’s, könnte man sagen, für ein Renngerät wie das Scultura reichen 23er-Reifen. Doch dieses Argument wankt, seit Rennradfelgen aus aerodynamischen Gründen in der Breite zulegen und Laufradbauer wie Zipp 25-Millimeter-Reifen empfehlen. Ein Scultura mit Zipp-303-Laufrädern: Diese reizvolle Kombination ist zwar generell möglich, aber nicht mit den von Zipp empfohlenen Reifen.

Nun machen diese Einschränkungen den Scultura sicher nicht zu einem schlechten Rahmen. Wenn, was wahrscheinlich ist, das Problem mit der Kettenlinie gelöst wird, bietet das Rad Fahreigenschaften auf Champions- League-Niveau. Der mit voll alltagstauglicher Ausstattung nur 6,2 Kilo schwere Renner reagiert spontan auf Antritte, imponiert bei hohem Tempo durch die Kombination aus absoluter Laufruhe und exzellenter Lenkpräzision und fährt sich bemerkenswert kommod. Die 6.700 Euro, die Merida für dieses Paket aufruft, sind zwar happig, liegen aber im Rahmen des Marktüblichen. Außer mit SRAM Red wird das Scultura-SL mit der neuen Elffach-Dura-Ace von Shimano angeboten, die ab Herbst ausgeliefert wird. Man darf sicher sein, dass Merida nach diesem Test alles tun wird, um ähnliche Probleme mit der Kettenlinie auszuschließen.

Weil die Kettenlinie nicht optimal ist, macht die SRAM-Kette mehr Geräusche als nötig.
Weil die Kettenlinie nicht optimal ist, macht die SRAM-Kette mehr Geräusche als nötig.
© Daniel Simon

Komplettrad 6.699 Euro / 6,2 Kilo
Rahmen-Set 2.299 Euro
Bezug/Info www.merida-bikes.com

Rahmengrößen** 44, 47, 50, 52, 54, 56, 59 cm
Sitz-/Lenkwinkel 74°/74°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 540/560/ 162 mm plus 15 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 980/50 mm
Stack/Reach/STR*** 562/397 mm/1,42

AUSSTATTUNG
Lenklager oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll
Bremsen/Schaltung SRAM Red
Tretlager SRAM Red (50/34 Z., BB386 Evo)
Laufräder/Reifen DT Swiss Tricon RR 1450/Vittoria Diamante Radiale 22 mm
Lenker/Vorbau FSA K-Force/Procraft PRC
Sattel/-stütze Selle Italia SLR/Procraft PRC Monolink (27,2 mm)

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad (ohne Pedale) 6,2 kg
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 856/368/69 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set 1.326 g: 1,7
Lenkkopfsteifigkeit 102 Nm/°: 1,0
Seitensteifigkeit Gabel 46 N/mm: 2,3
Tretlagersteifigkeit 61 N/mm: 1,0
Komfort Rahmen 153 N/mm: 1,0
Komfort Gabel 81 N/mm: 3,3

© TOUR-Redaktion
© TOUR-Redaktion

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Pr ozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese Bewertungen fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Not en mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1 ,45 und 1 ,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.

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Text: Manuel Jekel
27.09.2012

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