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Werkstatt

Beratung: Laufräder im Eigenbau

Robert Kühnen am 24.02.2015

Handgefertigte Laufräder sind technisch, ­ästhetisch und preislich eine interessante ­Alternative zur Industrie- Massenware. Wir zeigen Beispiele für individuelle Aufbauten und erklären, worauf bei der Auswahl der Komponenten zu achten ist.

Es ist schon erstaunlich, was man aus einem Bündel dünner Stahldrähte, leichten Aluminium-Felgen und Naben machen kann. Mit ein paar Drehungen an den Speichennippeln wird aus dem labberigen Drahtgebilde eines frisch aufgespeichten Rades ein extrem belastbares und haltbares Laufrad für viele Tausend Rennradkilometer. Der Trick ist die Vorspannung – sie ermöglicht die Arbeitsteilung im Laufrad: Aus dem Druck aufs Rad werden Zugkräfte, die sich auf viele Speichen verteilen, ­wodurch das filigrane Geflecht sehr tragfähig wird. Die ausreichend hohe und gleichmäßige Vorspannung der Speichen ist dabei das Geheimnis des Laufradbaus.

Früher war es durchaus üblich, dass Rennradfahrer ihre Laufräder selbst einspeichten oder dies vom Händler ihres Vertrauens erledigen ließen. Heute dominieren ­Systemlaufräder den Markt. Darunter versteht man Räder mit exakt aufeinander abgestimmten Komponenten wie speziellen Naben und Felgen, die einzeln nicht oder nur zu astronomisch hohen Ersatzteilpreisen in den Handel gelangen. Die Preise für gute Laufräder sind durch diese Taktik der Hersteller stark gestiegen – und Ersatzteile deutlich schwerer zu beschaffen.

Wer sucht, der findet aber immer noch eine Vielzahl interessanter Felgen und Naben, aus denen sich gute Laufräder bauen lassen – und zwar individuell, auf die ­eigenen ­ästhetischen und technischen Vorlieben und ­Bedürfnisse angepasst. Rote, blaue oder goldene Nippel, Speichen in Silber, Schwarz oder Weiß? Sie haben die Wahl. Massige schwarze oder luftig leichte silberne ­Felgen? Ihre Entscheidung. Sie können die Räder genau so bauen, wie Sie wollen.

Machen oder machen lassen?

Der Weg zum individuellen Laufrad führt entweder über professionelle Laufradbauer oder die eigene Werkbank. Für jeden, der gerne selbst schraubt, ist das eine erfüllende Aufgabe, die gar nicht besonders schwer zu erlernen ist –
ein bisschen Geduld muss man aufbringen. Zuerst sollte man ein Trainingslaufrad mit relativ vielen Speichen bauen. Das ist deutlich leichter zu zentrieren als eine Felge mit wenigen Speichen oder exotischem Einspeichmuster.

Am Anfang steht die Frage: Was soll das Rad können, und welche Komponenten kommen dafür in Betracht? Technische Aspekte sind die Belastbarkeit (abhängig vom Fahrergewicht), die Fahrwiderstände und das Bremsverhalten. Die Felge spielt dabei die zentrale Rolle: Je breiter, desto seitensteifer ist sie. Ihre Höhe entscheidet darüber, wie steif und damit tragfähig sie ist. Ist die Felge stabil, kann man weniger Speichen einplanen. Früher waren 36 Speichen normal, heute rollen die meisten ­Systemlaufräder auf 24 oder weniger Speichen. Die Form der Felge beeinflusst zudem den Luftwiderstand des Laufrades am meisten. Flache und kantige Profile sind schlecht, voluminöse Profile mit tropfenförmigem Querschnitt gut. 30 Millimeter hohe, gut gerundete Profile ­erzielen bereits ganz passable Laufrad-Aerodynamik, wie unsere Windkanaltests gezeigt haben.

Laufrad-Eigenbau Felge

Schwere Felge und steife Speichen erzeugen ein steifes Hinterrad.

Elastisch hält länger

Die Speichen sollten Sie auch nach aerodynamischen ­Gesichtspunkten wählen – es sei denn, Sie wollen ein Trainings- oder Tourenlaufrad, bei dem der Fahrwiderstand egal ist. Runde Speichen sind, wie alle zylindrischen Formen, aerodynamisch schwach. Besser – allerdings ­leider auch rund fünfmal teurer – sind flach geschmiedete Messerspeichen. Auch Speichen mit wechselnden Durch­messern – sogenannte Doppel-Dick-End-Speichen (DD) – empfehlen sich für viele Zwecke. Indem man den hoch belasteten Bogen sowie das Gewinde dick lässt und den Querschnitt in der Mitte reduziert, wird die Speiche elastischer und dehnt sich stärker. Die höhere Elastizität wirkt sich positiv auf die Lebensdauer aus, weil so vermieden wird, dass die Speiche im Betrieb jemals spannungsfrei wird. Regelmäßig entlastete Speichen brechen schnell. Arbeitet die Speiche hingegen stets unter Vorspannung, ermüdet sie kaum. Manche Laufradbauer ­geben daher sogar lebenslange Garantie auf ihre hand­gebauten Räder. DD-Speichen werden auch zu Aero-Speichen geschmiedet. Diese dünnen Aero-Speichen sind rund 35 Prozent leichter als massive Messerspeichen und haben zudem den Vorteil, dass sie durch die normalen Speichenlöcher in der Nabe passen. Der Speichenhersteller Sapim klassifiziert seine Cx-Ray-Aero-Speiche als die mit Abstand haltbarste Speiche in seinem Sortiment. 

Massive, nicht konifizierte Speichen erhöhen hingegen die Steifigkeit des Rades. Dies kann wünschenswert sein für Aero-Räder mit sehr wenigen Speichen oder für besonders hoch belastete Laufräder schwerer Fahrer. Voraussetzung sind radial ausreichend steife Felgen, damit die steiferen Speichen immer unter Vorspannung bleiben. 

Naben zum Kampfpreis

Gute Naben müssen nicht teuer sein. Tai­wanische Produkte wie Bitex, Halo und ­Novatec sind günstig von Kleinimporteuren erhältlich. Sie sind mit Standard-Rillen­kugellagern aufgebaut, teilweise auch sehr leicht, und man kann sie gut pflegen. Sie ­stehen Naben in Systemlaufrädern nicht nach, werden teilweise auch darin verbaut. Klassiker aus europäischer Produktion sind DT Swiss (Schweiz; stabile Stirnverzahnung des Rotors), Hope (England; robust, Edelstahllager) und Tune (Deutschland; leicht, tolles Finish). Naben tragen aber wenig zum spürbaren Fahreindruck bei. Dieser wird hauptsächlich durch Felge und Speichen ­bestimmt. Die wichtigste Anforderung an Naben ist daher ihre Zuverlässigkeit.

Anhand von drei exemplarisch aufgebauten Laufradpaaren zeigen wir unten im PDF-Download, was aktuell ­möglich ist und wo die Grenzen des Indi­vidualaufbaus liegen. ­

Laufrad-Eigenbau Moderner Allrounder

Moderner Allrounder: Leichter und aerodynamischer Laufradsatz mit etwas breiterer Felge, die gut mit 25 Millimeter breiten Reifen harmoniert.  Das 2:1-Einspeichmuster hinten erzeugt eine fast gleichmäßige Spannung links und rechts, erschwert aber das Zentrieren. 

Laufrad-Eigenbau Klassisches Trainingsrad

Klassisches Trainingsrad: Trainingslaufradsatz in klassischer Einspeichung – vorne zweifach, hinten dreifach gekreuzt. Die Naben sind in mehreren Eloxalfarben erhältlich und haben sich am Mountainbike bewährt, verfügen also über gute Dichtungen. 

Laufrad-Eigenbau Robuster Allrounder

Robuster Allrounder: Schneller Laufradsatz für schwere Jungs. Die DT-Swiss-RR-585-­Felge ist bis 130 Kilogramm Fahrergewicht frei­gegeben. Mit 20/24 massiven Messerspeichen ist die Steifigkeit des Rades gut. Fahrer über 100 Kilogramm sollten aber auf 24/28 oder 32 Loch gehen, was die Steifigkeit weiter erhöht.  

Robert Kühnen am 24.02.2015