Crashtest: ältere Rennradhelme Crashtest: ältere Rennradhelme

Crashtest: Sicherheit von älteren Rennradhelmen

Wie sicher sind alte Rennrad-Helme noch?

Matthias Borchers am 14.02.2018

Nach wie vielen Jahren schützt ein Helm nicht mehr sicher? Manche Hersteller empfehlen, Helme bereits nach drei Jahren auszumustern. Wir haben sechs bis neuen Jahre alte Helme getestet.

Die Empfehlung vieler Helm-Hersteller, einen Helm bereits nach wenigen Jahren im Einsatz gegen einen neuen auszutauschen, verun­sichert viele Radfahrer. Immer wieder erreichen uns Leserbriefe mit der bangen Frage, ob denn der eigene Helm noch sicher sei? Viele mit dem Hinweis, man habe ihn immer gut gepflegt und er zeige auch keinerlei Dellen oder Risse. Solle man sich also tatsächlich schon nach ein paar Jahren von seinem teuren Kopfschutz trennen?

Dass ein Helm, der bei einem Unfall oder Sturz auf ein Hindernis geprallt ist, anschließend ausgetauscht werden sollte, auch wenn er möglicherweise keine oder nur leichte Spuren einer Beschädigung zeigt, gilt als Konsens; viele Hersteller bieten für diesen Fall auch kulante Unfallersatz-Regelungen an: Ab Kaufdatum zwei bis drei Jahre (je nach Hersteller) alte, beschädigte Helme kann man beim Händler gegen einen vergleich­baren neuen Helm eintauschen und erhält darauf beispielsweise 50 Prozent Rabatt.

Aber auch ohne Sturz kann ein Helm leiden: Quetschmarken auf der Schale, die beispielsweise durch den Transport im voll gepackten Radkoffer entstanden sein können, sind ­zumindest ein Alarmsignal. Selbst wenn der Helm auf den ersten Blick unbeschädigt wirkt, können die Styroporkügelchen unter der ­äußeren Polycarbonatschale gelitten haben. Dann ist die volle Schutzwirkung nicht mehr gewährleistet. Auch die aggressive UV-Strahlung der Sonne und große Temperatur­schwankungen schwächen den Verbund zwischen den kleinen, weißen Kügelchen mit der Zeit. Unklar ist jedoch, wie lange es dauert, bis die Schutzwirkung merklich nachlässt. Helme besitzen nun mal keine eingebaute Sonnenstunden-Uhr, und ihre Besitzer gehen mal mehr, mal weniger achtsam mit ihrem Kopfschutz um.

Die Uhr tickt

Aus technischer Sicht bleibt die Frage, wann genau ein Helm sein Lebensende erreicht hat, deshalb offen. Kommt ein Austausch nach drei Jahren Gebrauch, den viele Hersteller empfehlen, vielleicht viel zu früh? Die Helmanbieter sind zumindest per EU-­Richtlinie und Norm zu einem Hinweis auf die Verfallszeit verpflichtet. Präzise handelt es sich dabei um die Norm EN 1078:2012 und die Rich­tlinie 89/686 für die persönliche Schutzausrüstung (PSA), die besagt, dass die Helmen beiliegende Benutzerinformation, neben Hinweisen zur Pflege und dem bestimmungsgemäßen Gebrauch, ein Verfallsdatum oder die Verfallszeit enthalten muss. Die Uhr tickt ab dem Herstellungs­datum, weshalb ein Blick darauf beim Kauf ratsam ist:  Ein Schnäppchen könnte sich als bereits lange ­lagernder ­Ladenhüter entpuppen, der gemäß der Herstellerempfehlung schon nach einem oder zwei Jahren ausgetauscht werden müsste. Achten Sie deshalb beim Kauf auf den kleinen Aufkleber mit dem Herstellungsdatum innen im Helm.

Alter: zwischen sechs und neun Jahre

Um dem Verfallsdatum auf der Basis von Fakten näher zu kommen, hat  TOUR Leser gebeten, gebrauchte, mindestens fünf Jahre alte Helme für­ ­einen Crashtest nach der Norm EN 1078 zur Verfügung zu stellen. Insbesondere ­haben wir nach Modellen gefragt, die wir beim Test in TOUR 8/2010 im Neuzustand ebenfalls nach der EN 1078 überprüft hatten. Von den damals elf Modellen erhielten wir sechs für den aktuellen Crash-Test: gebrauchte Helme von Alpina, Giro, MET, Scott, Specialized und Uvex, im Alter ­zwischen sechs und neun Jahren – und von jedem ­Modell drei ­Exemplare als Mindestanzahl für einen Crash-Test.

Den mit sechs Jahren jüngsten Helm steuerte Leserin Ira Ludwig aus Dietramszell bei, der mit neun Jahren älteste Kopfschutz kam von Bastian Falkowsky aus Leipzig. Alle Helme zeigten mit Sonnencreme-Resten am Polster, vergilbten Außenschalen oder verschwitzten Kinnriemen deutliche Gebrauchsspuren. Als Dankeschön haben alle 18 Leser vom jeweiligen Hersteller ihres Helms ein aktuelles, nagelneues Modell erhalten.

Schock-Erlebnis

Den Norm-Crash-Test haben wir in Zusammenarbeit und ­unter Aufsicht mit dem Helm-­Hersteller Uvex in Fürth durchgeführt, der auf der gleichen Prüfmaschine und mit den gleichen Verfahren testet, wie es ­beispielsweise auch der TÜV Rheinland oder die Material­prüfungsanstalt MPA der Uni Stuttgart tun. Jeder der 18 alten Helme musste dabei jeweils einen Aufschlag auf einen kreisförmigen Stahlsockel überstehen und auf einen Stahlkeil, der einen Bordstein nachbildet; dabei darf eine maximale Beschleunigung von 250 g, dem 250-fachen der Erdbeschleunigung, innerhalb weniger Millisekunden nicht überschritten werden.

Beim Härtetest schlugen die in die Jahre gekommenen Kopfschützer, beladen mit dem sensor­gespickten Prüfkopf, 36-mal auf die stahlharten Prüfsockel. Und 36-mal haben wir uns gefragt: "Hat er gehalten?" Teils präsentierten sich die vom Aufprall ­geschundenen Helme in sichtbar desolatem Zustand – bei ­Alpina, Giro oder Uvex klafften sichtbare Risse im schwarzen Schaumstoff, insbesondere nach dem anspruchsvollen Bordstein-­Crash, bei dem der Helm so ausgerichtet wird, dass der Sockel genau in die schwächste Stelle ins größte Belüftungsloch keilt. Das jedoch sei "normal", versichert Prüferin Nicola Grahl, und es sei bei fabrikneuen Helmen nicht anders. Vielmehr kommt es nämlich darauf an, dass der Prüfkopf keine höheren Beschleunigungswerte als 250 g misst. Und hier ist das finale Ergebnis eindeutig positiv: Keiner der ­alten Helme hat versagt und das Norm-Limit überschritten. ­Unsere Stichprobe mit den 18 Helmen hat ergeben, dass das Stoßdämpfungsvermögen durch­schnittlich nur um 10 g nach­gelassen hat. Kurz: Auch ­ältere Helme sind sicher!


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Matthias Borchers am 14.02.2018
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