Test Zeitfahr-Rahmen 2011 Test Zeitfahr-Rahmen 2011
Zeitfahrräder

Zeitfahr-Rahmen 2011

Manuel Jekel, Robert Kühnen am 11.05.2011

Zeitfahrmaschinen sind die Super-Bikes unter den Fahrrädern: konstruiert für maximalen Speed. Acht Kandidaten von 1.800 bis 7.000 Euro kämpfen im Windkanaltest um einen heiß begehrten Titel: Wer baut den schnellsten Zeitfahr-Rahmen der Welt?

Zeitfahren bedeutet Rennrad fahren in extremster Form. Die Synergie aus Mensch und Maschine, alles für das eine Ziel, alleine und aus eigener Kraft so schnell wie möglich zu fahren. Kein Rücken, um sich dahinter zu verstecken. Keine taktischen Spielchen, um den Gegner einzulullen. Nur eines zählt: maximaler Speed. Dem ordnet sich alles unter. Deshalb sind Zeitfahrmaschinen kompromisslos, hart und unbequem. Komfort-Features? Da fallen einem höchstens die gepolsterten Armschalen ein: wenige Millimeter Schaumstoff, die verhindern, dass die Unterarme brechen, wenn man mit 50 Sachen in ein Schlagloch brettert. Zeitfahren klingt nach Schmerzen, Taubheitsgefühlen und steifem Nacken. Trotzdem – oder gerade deshalb? – ist der Kampf gegen die Uhr die vielleicht faszinierendste Spielart des Radsports überhaupt.

Katalysator dieser Faszination ist die Technik der Räder. Moderne Zeitfahrmaschinen sind spektakuläre Tempo-Skulpturen, gegen die ein normales Straßenrad wirkt wie ein Golf GTI neben einem Lamborghini Aventador. Futuristisch anmutende Lenker entspringen fast nahtlos aus dem Oberrohr, geschwungene Rahmenrohre schmiegen sich um Laufräder, Bremsen verstecken sich unsichtbar in Gabel und Rahmen. Alle Züge verlaufen im Inneren, bei der Avantgarde wird inzwischen sogar elektrisch geschaltet. Während beim Straßenrennrad seit Jahren von der Systemintegration gesprochen wird, ist sie beim Zeitfahrrad längst Stand der Technik.

Die Testergebnisse der acht Zeitfahr-Rahmen finden Sie unten als PDF-Download.

Einfluss der Laufräder

Auch wenn es die Radhersteller nicht gerne hören: Die Laufräder sind unter aerodynamischen Gesichtspunkten weitaus wichtiger als der Rahmen. Da stellt sich die Frage, wie das Messergebnis im Windkanal ausfällt, wenn man richtig schnelle Laufräder in einen günstigen Zeitfahrrahmen aus Alu steckt. Für die Probe aufs Exempel wählten wir das Modell Opiat Tri T vom Versender Poison, das als Rahmen-Set schon für faire 449 Euro zu haben ist. Als Laufräder kamen die neuen 808-Laufräder von Zipp zum Einsatz, mit denen auch die High-End-Rahmen getestet wurden: 2.600 Euro teuer, aber aerodynamisch zurzeit eine Klasse für sich (siehe Laufradtest in TOUR 4/2011).

Das Ergebnis dürfte manchen Aero-Fan erschüttern. Mit den vom Hersteller montierten Cosmic-Carbone-SR-Laufrädern von Mavic schneidet das Poison im Windkanal zwar ab wie erwartet: 223 Watt Widerstand bei Tempo 40 – gut 20 Watt mehr als die besten High-End-Räder. Mit den Zipp- 808-Laufrädern dagegen sieht die Sache völlig anders aus. Nur noch 210,5 Watt beträgt der Widerstand, womit sich Poison zwischen die vielfach teureren Räder von Giant und Canyon drängelt. Wohlgemerkt: Letztere wurden ebenfalls mit 808-Laufrädern gemessen. Der Versuch zeigt: Die Investition in einen Top-Zeitfahrrahmen zahlt sich nur dann in einem messbaren Zeitgewinn aus, wenn bei der Wahl der Laufräder derselbe hohe Maßstab angelegt wird.

Poison Opiat Tri T

Poison Opiat Tri T

Das Poison Opiat mit Carbon-Laufrädern von Mavic

Preis 449/2.549 Euro 
Gewicht 19,0 Kilo

Bezug/Info www.poison-bikes.de
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager/
Sattelstütze* 1.557/552/68/200 Gramm
Rahmengrößen** 49, 52, 55, 57 cm
Stack/Reach/STR*** 502/404 mm/1,24
Fahrstabilität 87 Nm/°
Kraftübertragung 57 N/mm

AUSSTATTUNG
Bremsen Shimano 105
Schalthebel/Schaltung Shimano Dura-Ace/Ultegra
Tretlager Vision Trimax Pro (52/38 Z.; BSA)
Laufräder Mavic Cosmic Carbone SR
Reifen Michelin Pro3Race
Sattel/-stütze Selle Italia NT1/Amoeba Scud
Lenker/Vorbau Vision Trimax Alu/ Controltech One

1) Rahmen-Set/Komplettrad. *Gewogene Gewichte. **Herstellerangabe, Testgröße gefettet. ***Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr (Mitte); STR (Stack to Reach): Werte unter 1,30 bedeuten eine rennmäßige Sitzposition, Werte von 1,20 und kleiner eine extreme Zeitfahrposition.

Manuel Jekel, Robert Kühnen am 11.05.2011