Zeitfahrräder

Einzeltest: Felt AR1 SRAM Red

Matthias Borchers am 11.08.2010

Das ”AR1” von Felt ist ein typischer Vertreter des aktuellen Trends, Straßenrahmen wie Zeitfahr-Maschinen aerodynamisch zu formen. Damit sieht der Test-Bolide aus den USA auf jeden Fall schnittig aus.

Sein Debüt feierte das Felt “AR1” bereits bei der Tour de France 2008. Doch nun ist der schnittige Renner ebenfalls mit einer mechanischen SRAM “Red” zu haben und nicht ausschließlich mit Shimanos elektronischer “Di2”, was immerhin einen Preisnachlass von rund 1.500 Euro bedeutet. Grund genug, sich den “AR1” genauer anzusehen.

Die Profis vom Team Garmin-Slipstream wünschten sich damals von ihrem Ausrüster eine aerodynamische Straßenmaschine ganz nach dem Vorbild des Zeitfahr-Boliden “DA” – sie rechneten sich damit für Ausreißversuche bessere Chancen aus.

Wie es bei der amerikanischen Marke Felt, die seit Mitte der 1990er-Jahre insbesondere im Triathlon Erfolge sammeln konnte, Tradition ist, machte sich ein Entwickler-Team rund um Firmengründer Jim Felt an die Arbeit. Jedes Rahmenrohr, jedes Detail wurde im “Low Speed Wind Tunnel” von San Diego in Kalifornien optimiert. Dort, wo auch die Zeitfahr-Experten des Garmin-Teams, David Millar und David Zabriskie, regelmäßig ihre Sitzposition optimieren. Felt will bei diesen Tests herausgefunden haben, dass man in identischer Haltung bei einer Geschwindigkeit von 48 Kilometern pro Stunde gegenüber einem Rad mit runden Rahmenrohren auf einer Strecke von zehn Kilometern einen Vorsprung von sieben Sekunden herausfahren könnte. Das klingt zunächst nicht viel, kann sich jedoch bei einem Ausreißversuch mit wenigen Fahrern über mehrere Stunden zu einem Vorteil entwickeln.

Voraussetzung ist jedoch, dass der Pilot auf dem Rad möglichst windschnittig sitzt – und selbst dann bestimmt er immer noch zu zwei Dritteln die Aerodynamik des Gesamtsystems aus Fahrer und Rad. Je schlechter die Position des Piloten ist, desto geringer also ist der Einfluss von Rad und Rahmen im Speziellen auf den Gesamtluftwiderstand.

Während der Sekunden-Vorsprung vielen (Hobby-)Fahrern nur wenig nutzen dürfte, punktet der schnittige Amerikaner vor allem mit seiner markanten, eigenständigen Optik: fließende Formen und schwarzes Carbon, auf dem rote Rallye-Streifen und große Felt-Schriftzüge prangen. Gut harmonieren dazu die Zipp-“404”-Laufräder mit roten Continental “GP 4000S”-Pneus sowie SRAMs Top-Gruppe “Red”. Lenker, Vorbau und Sattel stammen aus dem Carbon-Sortiment des Teile-Anbieters BBB. Trotz der optischen Nähe zu einer TT-Maschine, sitzt man auf dem AR1 wie auf einem herkömmlichen Straßenrenner. Das liegt vor allem an seiner herkömmlichen Rennrad-Geometrie mit für Rahmengröße 56 normalen Maßen von 164 und 565 Millimetern für Steuerrohr und Oberrohr. Setzt man das Reach- und Stack-Maß ins Verhältnis, ergibt sich ein Wert von 1,52 als Indikator für eine sportliche Sitzposition.

Was auffiel, war der nicht so richtig zu den SRAM-Griffen passende Lenker. Montiert man den Lenker so, dass die Bremsgriffe senkrecht nach unten stehen, fallen die Lenkerenden stark nach unten ab, statt horizontal nach hinten zu weisen.

Auf der Testrunde gefiel den Piloten der dezente Zeitfahr-Sound, der immer dann entsteht, wenn man großvolumige Carbonrahmen mit Hochprofil-Laufrädern fährt. Das Gefährt “wummert” mit zunehmender Geschwindigkeit und vermittelt das Gefühl, schnell unterwegs zu sein. Die von Felt versprochene Steifigkeit der Carbonkonstruktion im Steuerrohrbereich mit gemessenen Werten von 76 Newtonmetern pro Grad und beim Tretlager mit 51 Newtonmetern pro Millimeter liegen leicht unterhalb des Klassendurchschnitts. Das ist in der Praxis weitgehend unkritisch, dennoch merkten die Testpiloten auf kurvigen, schnellen Abfahrten in punkto Fahrstabilität einen kleinen Unterschied zu sehr steifen Konstruktionen mit Lenkkopfsteifigkeit um die 90 Newtonmetern pro Grad. Solche Räder steuern sich einen Tick exakter.

Noch ein konstruktives Detail: Die geringe vordere Rahmenlänge führt dazu, dass – zumindest beim Testmodell in Größe 56 – Fahrer mit großen Füßen in engen Kurven mit der Fußspitze ans Vorderrad stoßen können.

Wer sich dennoch in das Felt AR1 verliebt, muss bedenken, dass diese Liebe immer noch nicht ganz billig ist. 5.999 Euro kostet unser Testbolide mit der gezeigten Ausstattung – das Rad wird jedoch auf Bestellung individuell aufgebaut. Die Variante als Team-Replica kostet das Gleiche. Selbst-Aufbauer bekommen das Rahmen-Set inklusive Sattelstütze für immerhin noch 1.999 Euro. Aber dafür bekommt man ein Gefährt, das schon im Stand verdammt schnell aussieht.

Preis Rahmen-Set/Komplettrad: 1.999/5.999 Euro

Bezug/Info: www.felt.de

Rahmengrößen*: 51, 54, 56, 58, 61 cm

Sitz-/Lenkwinkel: 72,5/73,5 °

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 540/565/164 mm plus 15 mm

Steuersatzkappe Radstand/Nachlauf: 985/54 mm

Stack/Reach/STR**: 579/382 mm/1,52

AUSSTATTUNG

Gabel: Felt Aeroroad 1.14

Lenklager: FSA

Bremsen: SRAM Red

Schaltung: SRAM Red

Tretlager: SRAM Red

Laufräder/Reifen: Zipp 404/Continental GP 4000S

Lenker/Vorbau: BBB Inca/-Carbonforce

Sattel/-stütze: BBB Supremebase Anatomic/Felt 1.1 AAeropost

MESSWERTE & EINZELNOTEN

Gewicht Komplettrad: 7,4 Kilo (ohne Pedale)

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager: 1.300/417/56 g

Normiertes Gewicht Rahmen-Set***: 1.775 g | 3,0 Lenkkopfsteifigkeit: 76 Nm/° | 3,3

Seitensteifigkeit Gabel: 43 N/mm | 2,7

Tretlagersteifigkeit: 51 N/mm | 2,7

Komfort Rahmen: 397 N/mm | 4,3

Komfort Gabel: 91 N/mm | 4,3

*Herstellerangabe; getestete Rahmengröße gefettet; **Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach); Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel; ***bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ****In die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können. Die Ausstattung geht bei Kompletträdern mit 60 Prozent in die Endnote ein.

Die Schaltzüge werden in Kanälen im Rahmen Richtung Schaltwerk und Umwerfer geführt

Matthias Borchers am 11.08.2010