Test 2016: Rennräder bis 1.000 Euro Test 2016: Rennräder bis 1.000 Euro

Test 2016: Rennräder bis 1.000 Euro

Rennräder bis 1.000 Euro im Test

Jens Klötzer am 29.03.2016

Für 1.000 Euro gab’s einst solide Rennräder. Ist das – angesichts der enormen Preissteigerung bei Rädern – immer noch so? Wir haben acht günstige Renner getestet, die weniger als 1.000 Euro kosten.

Ist Rennradfahren auf einmal ein Luxussport? Wer sich die Preisentwicklung bei Rennrädern ansieht, mit Modellen, die mehr als 10.000 Euro kosten, könnte auf diesen Gedanken kommen. Branchenkenner hatten diese Entwicklung bereits vergangenes Jahr vorhergesagt: Dass die Preise aufgrund von Währungsschwankungen ­drastisch anziehen würden. Bei High-End-­Boliden fällt das besonders auf, sie kombinieren schließlich die besten Rahmen mit den besten Ausstattungen – und da kann es dann richtig ­teuer werden.

Wie ist das nun bei günstigen Modellen? Macht sich die Preisentwicklung auch hier bemerkbar? Denn wollen Hersteller die für Käufer wichtige psychologische Preisgrenze von 1.000 Euro halten, müssten sie konse­quenterweise an Ausstattung und Rahmenmaterial sparen – im Vergleich zu Modellen aus früheren Jahren. Ein Rennrad für 1.000 Euro war in der jüngeren Vergangenheit kein schlechter Kauf; selbst bei preiswerten Fachhandelsmarken konnte man für sein Geld eine solide Shimano-105-Schaltung und ordentliche Anbauteile an modernen Aluminiumrahmen erwarten. Sogar Carbonrahmen waren zuletzt immer günstiger zu haben.

Die Testergebnisse dieser Rennräder bis 1000 Euro finden Sie unten als Download:

• Bergamont Prime 6.0
• Canyon Endurace AL 6.0
• Cube Attain Race
• Ghost Nivolet Tour 2
• Radon R1 105
• Rose Pro SL-1000
• Stevens San Remo
• Votec VR Comp

Fotostrecke: 1.000 Euro Rennräder TOUR 03/2016

Hohe Leistungsdichte

Ein erster Blick auf unser Testfeld – mit vier Fachhandels- und vier Versandhandels­marken – offenbart sofort eines: Die acht 1.000-Euro-Modelle der Generation 2016 sehen sich fast zum Verwechseln ähnlich: Es sind durch die Bank schwarz eloxierte Alumi­nium-Rahmen, meist mit Shimano-Tiagra-Gruppe ausgestattet – nur die Versender können sich Shimano 105 leisten. Dazu eher einfache, schwere Laufräder mit günstigen Trainingsreifen und preiswerte Eigenmarken-Komponenten. Von Carbonrahmen oder Komponenten von Campagnolo oder SRAM keine Spur – sie sind einfach zu teuer. Da­rüber hinaus sind die Räder sehr schwer, manche wiegen deutlich mehr als neun Kilo, nur die Direktvertreiber unterbieten diese Marke.

Offenbar lässt der Preisdruck den Herstellern kaum Freiheiten. Ist es also egal, welches Rad man nimmt? Fahren sich alle gleich? Schon ein genauerer Blick auf die Räder, aber auch ­unsere Labormessungen und vor allem die Testfahrten ­offenbaren, dass die vermeintlich austauschbare Stangenware durchaus ­Unterschiede birgt.

Am meisten unterscheiden sich die Rahmengeometrien und ­damit die Sitzposition – die zugleich das wichtigste Kriterium der Kaufentscheidung sein sollte: Gibt es das Rad in der passenden Größe, und passt die Geometrie zum gewünschten Einsatzzweck? Zumindest um die richtige Rahmenhöhe muss man sich bei Anbietern wie Canyon oder Stevens mit sieben verfügbaren Größen wenig Sorgen machen; Roses Pro SL gibt es sogar in neun eng abgestuften Größen. Bei Ghost und Bergamont müssen fünf Größen reichen – nicht jeder ­findet hier das perfekt passende Rad. Die meisten Rahmen sind dabei tendenziell komfortabel ausgelegt – das bedeutet, man sitzt ­etwas aufrechter als auf den wettkampforientierten Rennmaschinen der Profis. Einsteigern und Gelegenheitsradlern auf der Suche nach einem günstigen Rad dürfte das entgegen­kommen. Das Extrem in dieser Hinsicht bildet Canyons Endurace mit einer überaus aufrechten ­Sitzposition. Wer dagegen gerne sportlich gestreckt auf dem Rad sitzt, findet in dieser Preisklasse wenig Material: In unserem ­Vergleich ­bietet nur das Radon eine renn­mäßige Sitzposition, etwas gemäßigter fällt das Stevens aus.

Die Rahmen-Sets sind überwiegend ordentlich verarbeitet und – typisch für Alu-Rahmen – sehr steif und somit fahrstabil. Gepaart mit den schweren Laufrädern, legen die Räder ein anfängerfreundliches, fast stoisch ruhiges Fahrverhalten an den Tag. Beim Gewicht gibt’s deutliche Unterschiede, zwischen den leichtesten (rund 1.900 Gramm bei Rose, Canyon und Ghost) und schwersten Rahmen (2.300 Gramm bei Bergamont und Cube) ­liegen 400 Gramm – das ergibt beim Komplettrad spürbare Unterschiede. Das Feuerwerk des technischen Fortschritts, das die Hersteller derzeit in der Top-Klasse der Rennräder abbrennen, ist bei diesen preiswerten Modellen aber nur ein kaum merk­liches Glimmen, sieht man von einzelnen, etwas leichter gewordenen Gabeln ab. Zwar sind die Rahmen optisch hübsch und modern designt – aber geringeres Gewicht oder mehr Komfort? Fehlanzeige.

Immerhin: In unseren Fahrtests entpuppten sich alle getesteten Räder als empfehlens­werte, robuste Trainingsgeräte, die auch bei dauerhafter und intensiver Nutzung problemlos ihren Dienst tun. Den guten Fahr­eindruck prägen in erster Linie die Komponenten, sie dokumentieren am ehesten die technische Weiterentwicklung der vergangenen Jahre: Das Schaltverhalten vor allem der Kettenblätter ist geschmeidiger als früher, die Bremsen packen besser zu, die Griffe ­liegen besser in der Hand, und es gibt mehr und sinnvollere Übersetzungsvarianten. Selbst Shimanos einfache Tiagra-Gruppe reiht sich in ihrer jüngsten Generation funktional wie optisch in die Qualität höherer Gruppen ein. Ihre Nachteile sind das höhere Gewicht – sie wiegt rund 200 Gramm mehr als die 105-Gruppe aus demselben Hause – sowie zehn statt elf Ritzel am Hinterrad und spürbar schwächere Bremsbeläge. Die optionale Dreifach-Kurbel, die es nur für die Tiagra gibt, schaltet nicht ganz so narrensicher wie die Zweifach-­Varianten, aber auch als 2 x 10- Antrieb steht sie den teureren 2 x 11-Gruppen funktional kaum nach. Wer dennoch eine 105-Gruppe auf dem neuesten technischen Stand will, muss entweder im Versandhandel kaufen oder mehr Geld für sein Rennrad in die Hand nehmen.

Die Laufräder wie Mavics Aksium oder gleichwertige Pendants anderer Hersteller sind zwar solide Markenware, doch im Vergleich zu höherwertigen Laufradsätzen vor allem ziemlich schwer. Bei den Reifen ­haben sich 25 Millimeter als Standard durchgesetzt – sie sind etwas komfortabler und vermitteln mehr Sicherheit als die schmalen 23er-Pneus. Die an den Testrädern ­montierten Reifen stehen in erster Linie für Langlebigkeit und guten Pannenschutz – seidenweicher Leicht­lauf mit niedrigem Rollwiderstand ist nicht ihre Stärke.

Schwer, aber robust

Lohnt sich also 2016 ein Neukauf in der 1.000-Euro-Klasse? Schlechte Räder sind die Testkandidaten sicher nicht, das belegen auch die Testnoten. Die Räder sind relativ schwer, aber robust, haltbar und wartungsarm, Schaltung und Bremsen funktionieren tadellos. Wer ­keine höheren Anforderungen an sein Rad stellt, kann damit viele Tausend problemlose Kilometer ­radeln – und natürlich durch die Nachrüstung beispielsweise besserer Reifen und Laufräder mit überschaubaren Kosten den Fahrspaß deutlich steigern. Wer jetzt ein ­neues, günstiges Rad sucht – als ­Ersatz für das alte, in die Jahre ­gekommene, für den Einstieg in den Sport oder auch als Zweit­rad –, kann also bedenkenlos zuschlagen. Die Faszination moderner, filigraner Rennrad-Technik geht derzeit aber von teureren Rädern aus. Und es sieht leider nicht ­danach aus, dass die Preise bald wieder sinken ...
 

TOUR Titel 3/2016

Alle Artikel dieser Ausgabe finden Sie in TOUR 3/2016: Heft bestellen->   TOUR IOS-App->   TOUR Android-App->

Jens Klötzer am 29.03.2016
Kommentare zum Artikel