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Test 2016: Neue Gelände-Renner

Cross-Rennräder, Gravelbikes & Co. im TOUR Test

Manuel Jekel am 27.11.2015

Ob Gravelbikes in Deutschland ein ­großes Thema werden, ist noch nicht klar. Aber die Gattung setzt neue Impulse für die Weiterentwicklung des Geländerenners, es erscheinen neue, spannende Konzepte.

Früher war alles einfacher – vor allem aber übersichtlicher. Rennradler, die auch in der kalten Jahreszeit nicht genug von ihrem Hobby hatten, wechselten im Winter entweder aufs Crossrad oder aufs Mountainbike. Oder, dritte Möglichkeit, sie schraubten sich an ein vorzugsweise ausrangiertes Rennrad Schutzbleche und Lichtanlage und trainierten weiter auf der Straße. Spätestens im April wurde dann wieder das Straßenrad aus dem Keller geholt. Natürlich stehen diese Möglichkeiten auch heute noch allen Radsportlern offen. Doch mittlerweile versucht die Fahrradindustrie, für jede noch so kleine Nische Modelle ­anzubieten, die speziell auf oft sehr schmale Anwendungsbereiche zugeschnitten sind. Den Rennradmarkt hat diese Entwicklung vergleichsweise spät erfasst. Vorreiter bei ­ der Aufspaltung in immer kleinere Unter­kategorien war das Mountainbike, bei dem heute zwischen etlichen Subspezies – vom klassischen Hardtail bis zum Downhill-Bike – unterschieden wird, mit Abstufungen, die Außenstehende oft kaum nachvollziehen können. Nicht ganz so verwirrend sieht es beim Straßenrennrad aus, wo der Markt mit klassischen Wettkampfrädern, Aero- und Marathonmodellen noch vergleichsweise übersichtlich ist.

Diese Testergebnisse dieser Gelände-Renner finden Sie unten als PDF-Download:

• Bulls Daily Grinder
• Cannondale Slate Ultegra
• Giant Anyroad
• Open U.P.
• Salsa Warbird Carbon
• Stevens Super Prestige Di2 Disc

Fotostrecke: Die getesteten Räder in der Übersicht

DIE GRENZEN VERSCHWIMMEN

Eine vergleichbare Entwicklung vollzieht sich neuerdings auch beim Gelände-Rennrad. Lange war das Crossrennrad, das ja für sich genommen eine vergleichsweise kleine ­Nische besetzt, das Maß der Dinge. Neuerdings tritt neben das Crossrad das sogenannte Gravelbike. Gravel steht im Eng­lischen für Schotter. Die Ursprünge der Gattung liegen im Mittleren Westen der USA, wo es viele ausgedehnte, wenig befahrene Schotter­straßen gibt, die perfekt wären zum Rennradfahren – wenn da nicht auch der für ­schmale Reifen ungeeignete Straßenbelag wäre. Von der Grundidee her sind Gravel­bikes daher Zwitter zwischen Cross- und Marathonrädern. Sie bieten mindestens die Reifenfreiheit eines Crossrennrades und kombinieren diese mit einer Touren- und langstreckentauglichen Sitzposition.

Was die Abgrenzung zum Crossrad allerdings schwierig macht, ist die Tatsache, dass nicht alle Hersteller die gleichen Vorstellungen davon haben, was ein Gravelbike genau sein soll. Die US-Marke Salsa, einer der ­Gravel-Vorreiter, legt ihr Modell Warbird zum Beispiel sehr sportlich aus. Die Sitz­position ist nur ein bisschen aufrechter, der Radstand nur minimal länger als bei einem typischen Crosser. Auf der anderen Seite gibt es viele Crossrennräder, die nicht radikal sportlich ausgelegt sind. Modelle wie das ­Giant TCX oder das Specialized Crux, die wir in den vergangenen beiden Jahren getestet haben (TOUR 11/2013 und 11/2014), ­weisen für Cross-Verhältnisse eher gemäßigte Geometrien auf. Wer die Geometriedaten dieser Räder mit denen des Warbird vergleicht, sieht nur marginale Unterschiede. Das macht es nicht ganz leicht nachzuvoll­ziehen, warum das Warbird in eine andere Radkategorie fallen soll.

Auf jeden Fall aber hat das Gravelbike den Markt für Geländerennräder in Bewegung gebracht. Hersteller denken plötzlich verstärkt über Details und Einsatzgebiete der Räder nach. Zugleich eröffnet der neue ­Gattungsbegriff den Entwicklern die Freiheit, Dinge auszuprobieren, die beim klassischen Crossrad undenkbar wären. Eine Federgabel am Geländerad wie beim atemberaubend avantgardistischen Slate von Cannondale? Beim Crossrad undenkbar, bei einem Gravelbike dagegen Ausweis von Innovation.

Fotostrecke: Detailbilder der getesteten Räder

NEUE EXPERIMENTIERFREUDE

Eine ähnliche Entwicklung könnte sich auch bei den Laufrädern vollziehen. Bei Mountainbike-Neuheiten hat 27,5 Zoll mittlerweile das klassische Maß 26 Zoll komplett verdrängt. 27,5 und 29 Zoll sind im MTB-Bereich die aktuell gängigen Größen. Die Laufrad­größe 27,5 Zoll kann auch für Gravelbikes interessant sein. Denn ein 27,5-Zoll-Laufrad mit einem etwa 40 Millimeter breiten Reifen hat nahezu den gleichen Außendurchmesser wie ein Rennradlaufrad mit ­schmalem 23er-Pneu. Durch die breiteren Reifen verbessern sich die Offroad-Qualitäten der Räder dramatisch. Auf der ­anderen Seite bleibt die Rennradoptik halbwegs ­gewahrt und – entscheidender – das Lenkverhalten bleibt wie beim Rennrad gewohnt. Vorreiter bei ­Gravelbikes mit 27,5-Zoll-Laufrädern sind ebenfalls Cannondale mit dem Slate und die kleine Schweizer Marke Open mit ihrem spannenden Modell U.P..

Wer nun befürchtet, dem Geländerennrad drohe bei den Laufrad­größen demnächst ein ähnliches Chaos, wie es die Mountainbiker in den letzten Jahren erlebt haben, darf sich entspannen. Durch den fortschrei­tenden Trend zu Scheibenbremsen und Steckachsen-Systemen ist es bei einigen Gravel-Modellen schon jetzt möglich, zwischen 28-Zoll-Laufrädern mit schmalen Reifen und 27,5-Zoll-Laufrädern mit brei­teren Reifen zu wechseln. Entscheidend ist die Reifen­freiheit, die Rahmen und Gabel bieten. Wir wagen die Prognose, dass diese Spielmöglichkeiten die ­Experimentierfreude der Hersteller beflügeln und in den nächsten Jahren noch einige spannende Rad­konzepte hervorbringen werden. Der einzige Nachteil, der daran bisher erkennbar ist: So übersichtlich wie früher wird der Rennradmarkt ­sicher nie wieder werden.

TOUR Titel 11/2015

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Manuel Jekel am 27.11.2015