Test 2016: Aero-Rennräder im Windkanal Test 2016: Aero-Rennräder im Windkanal

Test 2016: Aero-Rennräder im Windkanal

15 Aero-Rennräder im Test

Manuel Jekel am 20.01.2016

Ist das schnellste Rennrad der Welt zugleich das beste? Oder ist es die Summe aller Eigenschaften? Letztendlich müssen Sie die Frage beantworten. Doch unser Test hilft bei der Entscheidung.

Ortstermin im GST-Windkanal in Immenstaad am Bodensee: Gleich 15 spektakuläre Aero-Renner treten an zum großen Kräftemessen. Es geht um die Frage, die in den letzten Jahren immer mehr zur Triebfeder der Weiterentwicklung von Wettkampfrädern geworden ist: Wer baut das schnellste Rennrad der Welt? Dass dies weniger vom ­Gewicht abhängt als von einer mög­lichst guten Aero-Performance, hat sich unter Rennfahrern längst herumgesprochen. Hier in unserer Online-Galerie zeigen wir zusätzliche Detailfotos der Räder:

Den gesamten Artikel und die Testergebnisse dieser Modelle finden Sie unten als PDF-Download:

• BH G6 Pro Dura-Ace Di2
• BMC Timemachine TMR01
• Canyon Aerorad CF SLX 9.0 Ltd.
• Cervélo S5 Dura-Ace Di2
• Felt AR FRD
• Fuji Transonic SL
• Giant Propel Advanced SL
• Look 795 Aérolight
• Merida Reacto Team-E
• Ridley Noah SL 20
• Rose X-Lite CW X-8800
• Scott Foil Premium Di2
• Specialized S-Works Venge ViAS Di2
• Storck Aerfast Platinum
• Trek Madone 9.9

Besonders spannend ist der Test diesmal auch, weil Trek und ­Specialized als Schwergewichte der Branche aufregende neue Aero-Räder vorgestellt haben, die das Rennrad-Design in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen könnten. Zumindest sind das Trek Madone und das Specialized Venge ViAS Renn­räder, wie es bisher keine gab. Für beide galt bei der Entwicklung: keine Denkverbote, keine Kompromisse. Beide hielten Heerscharen von Ingenieuren auf Trab, durchliefen aufwendige Computersimulationen und erhielten ihren letzten Feinschliff im Windkanal. Entsprechend weit entfernten sie sich vom gewohnten Bild des Rennrads.

Disc-Bremsen im Aerotest

Um es vorwegzunehmen: In punkto Aerodynamik hat sich der Aufwand offenbar gelohnt. Beide Räder verließen unseren Windkanaltest als Klassenbeste. Dass sie am Ende nicht den ­Gesamt-Testsieg davontrugen, hat andere Gründe.

Schließlich sind Venge ViAS und Madone nicht die einzigen interessanten neuen Aero-Renner in diesem Vergleich. Scott tritt mit der zweiten Generation des Foil an, das ebenfalls hohe Erwartungen weckt. Ridley ist mit dem Noah SL dabei, auf dem André Greipel bei der jüngsten Tour de France vier Etappensiege einfuhr. Spannend auch das neue X-Light CW von Rose, das einzige ­Modell mit Scheibenbremsen im Vergleich. Wie wirken sich die Discs im Kampf gegen den Wind aus? Von diesem Test erwarteten wir uns dazu erste Erkenntnisse.

In jeder Hinsicht außergewöhnlich ist das formal atemberaubende 795 Aérolight von Look. Was den Konstruktionsaufwand angeht, steht es auf einer Stufe mit Venge ViAS und Madone – Lenker, Bremsen, Sattelstützen und Kurbeln sind integriert. Damit pflegt der französische Hersteller seinen Ruf als kreativer Außenseiter der Rennradbranche. Zugleich ist das 795 neben dem in den USA produzierten Madone das einzige Modell im Test, dessen Rahmen nicht in Taiwan oder China gefertigt wird, sondern in Tunesien. Komplettiert wird das Feld durch weitere neue Modelle wie das Aerfast von Storck sowie bereits bekannte Teilnehmer, darunter das S5 von Cervélo als schnellstes bisher von TOUR gemessenes Rad.

Neues Bewertungssystem

Interessant ist dieser Test nicht nur wegen der hochkarätigen Konkurrenz. Zugleich ­bedeutet er eine Zäsur in der mehr als 20-jährigen Geschichte des TOUR-Testverfahrens. Es gilt, Abschied zu nehmen von ­einem Bewertungssystem, das alle Rennräder unabhängig von ihrem Einsatzzweck über einen Kamm schert. Damit reagieren wir auf den Trend, dass der traditionelle Rennradbau – ein Hersteller entwickelt einen Rahmen und komplettiert ihn mit Bauteilen von Zulieferern – vor allem bei High-End-Modellen nicht mehr zeitgemäß ist. Zunehmend kons­truieren die Firmen ihre Renner als kom­plette Fahrzeuge, technisch zugeschnitten auf den jeweiligen Einsatzzweck. Man mag dies bedauern, weil die Räder dadurch komplizierter und auch teurer werden. Doch wenn es darum geht, das letzte Quäntchen Performance aus einer Konstruktion herauszuholen, scheint dieser Weg unausweichlich.

Ein weiterer Grund, unsere Testmethode weiterzuentwickeln, ist die fortschreitende Ausdifferenzierung des Marktes. Noch vor wenigen Jahren waren sich die meisten Räder sehr ähnlich, Geometrien und Ausstattungen ­orientierten sich meist am Ideal des typischen Wettkampfrades. Entsprechend ließen sie sich auch nach einem einheit­lichen Schlüssel ­bewerten. Heute jedoch verläuft eine klare Trenn­linie zwischen Aero- und Leichtbaumodellen – beide ­primär für Renn­einsätze ent­wickelt – sowie Rädern, die vor ­allem auf Freizeitfahrer zielen und Komfortaspekte stärker betonen, Stichwort "Marathonrennräder". Für beide Kategorien gelten unterschiedliche Entwicklungsziele, die sich immer schlechter würdigen lassen, wenn für beide der gleiche Bewertungsmaßstab gilt.

Aero-Test als Standard

Künftig unterscheidet unser Bewertungsverfahren die Räder deshalb nach ihrem Einsatzzweck. Bei Modellen, die vorrangig für Renneinsätze entwickelt wurden, gewichten wir in der Benotung die besonders relevanten Kriterien Aerodynamik und Gewicht stärker, dafür fahren wir andere Punkte wie Federkomfort oder Schlagfestigkeit des Lacks herunter oder klammern sie aus. Beide Kriterien bewerten wir aber weiterhin bei Marathonmodellen, bei denen wir den Komfort ins­gesamt stärker gewichten und die Aero­dynamik außen vor lassen. Umgekehrt werden wir künftig alle Modelle, die vorrangig für Wettkampfeinsätze entwickelt wurden, im Windkanal messen. Aerodynamik wird damit bei allen Wett­kampf­rädern – und nicht mehr wie bisher nur bei ausgewählten Aero-Modellen – zum gleichwertigen Kriterium neben Gewicht, Fahrstabilität und Komfort.

Wie schlagen sich die neuen Top-Rennräder nun in diesem Test?

Sowohl Venge ViAS als auch das neue Madone von Trek setzen sich an die Spitze des Aero-Rankings und lösen das Cervélo S5 als bisherige Referenz ab. Mit je 204 Watt bei 45 km/h scheint ihr Vorsprung auf das S5 (205 Watt) auf den ersten Blick zwar vernachlässigbar. Ein genauer Blick auf die Verlaufskurven der ­Räder über die verschiedenen Anströmwinkel von -20 bis +20 Grad bringt jedoch Interessantes zutage: Bei frontaler Anströmung, wie sie für sehr hohe Geschwindigkeiten typisch ist, fahren das Venge und das Madone einen kleinen, aber signifikanten Vorsprung gegenüber dem S5 heraus, das dafür bei flachen Winkeln etwas schneller ist. Doch auch, wenn Venge und Madone im Windkanal praktisch gleichauf liegen, ist Trek der eindeutige Sieger dieses Duells: Das Madone ist das komplettere Rennrad. Mit seinem dank IsoSpeed-Gelenk zwischen Ober- und Sitzrohr in vertikaler Richtung spürbar flexenden Rahmen bietet es besseren Federkomfort als viele Marathonrenner. Zudem ist es leichter als das unerwartet schwere Venge, das seinen Aero-Vorteil daher nur auf flachen Strecken ausspielen kann. Je mehr Höhenmeter ins Spiel kommen, desto klarer setzt sich das Madone ab, wie unsere Streckensimulation mit 1.000 Höhenmetern auf 100 Kilometer verdeutlicht.

Ein weiterer Pluspunkt für das Madone: Beim für den Test gelieferten Rad hat Trek das aerodynamische Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft, etwa bei den Laufrädern. Misst man das Madone mit anderen Lauf­rädern (Zipp 404 Firestrike) und Reifen (Continental Grand Prix 4000S2, 23 Millimeter) im Windkanal, verbessert es sich noch einmal um fast drei Watt. Beim Venge ViAS war dagegen mit den mitgelieferten 64 Millimeter hohen Roval-Felgen samt aero­dynamisch optimiertem Vorderreifen das Optimum erreicht. Auch die 404-Laufräder brachten keine Verbesserung.

Perfekter Vierklang

Das Trek Madone 9.9 setzt also einen neuen Standard in Sachen Aerodynamik und beherrscht auch die anderen Disziplinen, die bei Rennrädern zählen. Mit schnelleren ­Reifen und besseren Bremsbelägen wäre der Testsieg möglich gewesen. Den holen sich stattdessen Canyon mit dem Aeroad und Scott mit dem neuen Foil, die den Vierklang aus Aerodynamik, Leichtbau, Fahrstabilität und Federkomfort ähnlich gut beherrschen. Weil sie in der Gesamtwertung, in die alle Testkriterien eingehen, um Nuancen vor dem Madone liegen, gehen sie als gemein­same Gesamtsieger aus diesem Test hervor. Auch sie zählen damit zum exklusiven Kreis der besten Rennräder der Welt. Für das neue Madone aber bleibt festzuhalten: Wenn es darum geht, mit möglichst geringem Energieeinsatz möglichst schnell zu fahren, ist dieses Rad der neue Maßstab. 

TOUR Titel 2/2016

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Manuel Jekel am 20.01.2016