Italienische Räder Italienische Räder
Rennräder

Test 2015: Basso Diamante vs. De Rosa Protos

Jens Klötzer am 10.12.2014

Viele italienische Traditionsmarken haben ihre Fertigung nach Asien verlegt. Doch es gibt Ausnahmen. Im Test in der Dezember-Ausgabe von TOUR: zwei italienische Vollblut-Sportler, gefertigt im Land. Alle Testergebnisse und weitere Bilder der beiden Räder finden Sie hier.

Wenn es nur nach Stückzahlen geht, hat die asiatische Carbonproduktion die traditionsreiche italienische Rennradindustrie längst abgehängt. Doch es gibt immer noch viele Fans der klang­vollen Namen. Die, die sich am Markt behaupten, bieten mit ­attraktiven Designs, Individua­lisierung und dem Fertigungs­standort Europa gute Argumente für ihre Anhänger. Auch technisch holen einige Firmen auf, wie mancher Test aus der jüngsten Vergangenheit zeigt.

Fotostrecke: Basso Diamante vs. De Rosa Protos

De Rosa zählt zu den traditionsreichsten Marken, das Familien-Unternehmen aus der Nähe von Mailand existiert seit mehr als 60 Jahren. Der Gründer Ugo De Rosa schaut noch immer in der Firma vorbei, das operative ­Geschäft aber liegt längst in den Händen der Söhne Danilo, Doriano und Cristiano. De Rosa fertigt längst nicht mehr alle der derzeit 15 Modelle am Firmensitz in Cusano Milanino, die Masse kommt aus Asien. In Italien entstehen die Räder der sogenannten Black-Label-Serie. Dazu zählt neben einem neuen Scandium-Alu-Rahmen sowie den Stahl- und Titan­rahmen auch der Carbonrahmen Protos.

Die 1977 gegründete Marke ­Basso gehört zu den jüngeren Unternehmen, Gründer Alcide Basso lenkt die Firma heute noch. Basso konzentriert sich ausnahmslos auf Carbon, Traditionsmodelle aus Stahl sind kein Thema. Zwei der drei angebotenen Straßenrahmen werden in Italien produziert. Gebaut werden sie bei Compositex, einem bei Vicenza an­sässigen Dienstleister, der sich als Zulieferer auf die Herstellung von Carbonteilen spe­zialisiert hat. Dort werden auch Karosserieteile für Rennwagen oder Segelmasten von America’s-Cup-Yachten laminiert.

Starke Optik, Scharfes Handling

Die Black-Label-Modelle von De Rosa werden über ausgewählte Händler vertrieben; eine Bedingung ist, dass die Kunden vor dem Kauf ausführlich vermessen werden. Das Protos gibt es in sage und schreibe acht Standardgrößen, durch eine Verbindung aus Monocoque- und Tube-to-tube-Bauweise ist sogar eine Maßanfertigung möglich. Das Protos beeindruckt mit spektakulärer Optik durch voluminöse Rohre und ausgeprägte Flächen und Kanten. Auch das Basso fällt auf, vor allem mit seinem Lackkleid. Der ­silberne Spiegellack stammt aus Deutschland, er macht die Formel-1-Boliden von Mercedes-Benz zu Silberpfeilen.

Zum aggressiven Auftritt beider Räder passen die Fahrein­drücke. Auf dem De Rosa sitzt man gestreckt, es lenkt sich wendig; die voluminösen Rohre bieten viel Resonanzraum, dumpfes Bollern verleitet zum kraftvollen Bolzen. Auch das Basso fährt sich agil, durch die extreme Sitzposition lastet viel ­Gewicht auf dem Vorderrad. Eine Besonderheit ist die elegante Steuersatzkappe in Rahmenfarbe, die den Lenker zwei Zentimeter höher platziert, ohne das Erscheinungsbild zu stören. Doch wer denkt, mit dem "Comfort kit" aus dem Diamante einen Komfortrenner machen zu können, sollte sich der Maßstäbe bewusst sein: Nach unserer Einordnung entspannt sich die Geometrie eher von "extrem" in Richtung "sehr sportlich". Wer aufrechter sitzen möchte, sollte zum komfortableren Modell Astra greifen, welches das gleiche Feature bietet.

Der athletische Charakter des Diamante setzt sich auch auf dem Prüfstand durch: Der Rahmen liefert in fast jeder ­Disziplin Bestnoten. Eine so harte Gabel bringen leider auch die meisten anderen ­Carbonrahmen mit; dass das Rahmengewicht nicht ganz an die Weltspitze heranreicht, dürfte zum Teil der aufwendigen Lackierung geschuldet sein. De Rosas Protos-Rahmen muss im Testlabor kleine Tribute an seine Extravaganz zollen; bei der Fahrstabilität verpasst er die Bestnote. Leichtere Piloten stört das nicht, athletische Fahrer könnten bei hohem Tempo aber eine leichte Unruhe im Fahrwerk registrieren. Im Tretlager ist der Rahmen ­dagegen sehr steif, das Gewicht geht in Anbetracht der ausladenden Formen noch in Ordnung.

Bleibt als ­Wermutstropfen der Preis – Ausdruck der Fertigung in europäischen Spezialbetrieben einerseits, der exquisiten ­Ausstattungen andererseits. Schon die Preise für die Rahmen-Sets sind mit 3.200 Euro (Basso) beziehungsweise 4.000 Euro (De Rosa) sowohl absolut als auch ­relativ zu vergleichbaren Mitbewerbern stattlich. Mit standesgemäßer italienischer High-End-Ausstattung – beide Räder tragen elektronische EPS-Gruppen von Campa­gnolo – ist der Gegenwert eines Kleinwagens nicht mehr weit. Immerhin wird der teurere De-Rosa-Rahmen mit Campas Nummer zwei, der Chorus-­Gruppe, als Komplettrad noch günstiger als das Basso mit ­der Top-Gruppe Super Record, ohne dass das beim Schalten und Bremsen spürbar wäre. 

TOUR können Sie hier bequem online bestellen.

Jens Klötzer am 10.12.2014