Rennräder

Einzeltest: Liegerad Toxy ZR

Kuehn am 31.07.2008

Wenn ein normales Rennrad zu langsam ist, hilft nur ein Liegerad. Zum Beispiel das ”ZR” von Toxy mit Vorderradantrieb.

Der Anblick des Rades lässt ahnen, welcher Sturm “ZR”-Piloten bei voller Fahrt ins Gesicht bläst. Die tiefe Sitz position und die aerodynamische Heckverkleidung – zugleich abschließbarer Kofferraum – bieten Fahrern des Rades im Kampf gegen den Wind dramatische Vorteile gegenüber Aufrechtradlern.

Vor dem Temporausch steht für Liegeradanfänger allerdings eine gewisse Eingewöhnungszeit – sonst drohen Muskelkater und Knieprobleme. Grund: Das Treten in der Horizontalen beansprucht andere Muskeln als auf dem Rennrad, die sich außerdem nicht durch Wechsel in den Wiegetritt entlasten lassen. Lockeres Kreiseln mit hoher Frequenz ist anfangs ratsam. Hersteller Toxy aus Schleswig-Holstein hat dem Rad neben der normal übersetzten Neunfach-Schaltung eine gut versteckte Geheim waffe mit auf den Weg gegeben. Im Tre lager steckt ein Planetengetriebe der Schweizer Firma Schlumpf, das per Fersenkick gegen die Kurbel geschaltet wird. Aus dem 38er-Kettenblatt wird dadurch nach dem Kick mit Hilfe des Getriebes ein 63er-Blatt – hört sich gewaltig an, wird aber durch das 20-Zoll- Vorderrad relativiert.

Größte technische Besonderheit des ZR ist der raffiniert gelöste Antrieb. Da unterm Sitz kaum Platz für die Kette bleibt, ist der Vorderradantrieb die einzige Chance auf halbwegs unproblematische Alltagseigenschaften. Über zwei Umlenkrollen, davon eine schwenkbar gelagert, läuft die Kette vom Tretlager zur Vorderradnabe und wird beim Lenken erstaunlich wenig verdreht. Lenken bei normalem Tempo klappt problemlos, nur beim sehr langsamen Manövrieren kann die Kette beim Rechtseinschlag den Reifen touchieren. Praktische Nachteile ergeben sich daraus nicht. Wohl aber aus der tiefen Sitzposition. Weil kein anderer Verkehrsteilnehmer einen Radfahrer erwartet, dessen Kopf auf Hüfthöhe vorbeirauscht, ist eine vorausschauende Fahrweise zwingend. Auch erleben ZR-Fahrer besonders im Stadtverkehr immer wieder Situationen, in denen der Überblick für den Verkehr fehlt. Als Gefährt für die Stadt ist das Rad deshalb nicht zu empfehlen.

Für Landstraßen und asphaltierte Wirtschaftswege hingegen ist es ein faszinierendes Sportgerät. Hier mutiert die schwarze Flunder zum Schrecken aller Zeitfahrräder. Weniger als 30 km/h empfindet man fast wie Schritttempo. Legt man es darauf an, steht im Tachodisplay schon mal längere Zeit die “4” vorne; Sprints mit 60 km/h sind machbar. Die Sitzposition ist dabei angenehm entspannt. Auf Wunsch lässt sich an der Verkleidung eine gepolsterte Kopfstütze anbringen, allerdings wird der Platz für ausladende Helme dann knapp; vermisst haben wir die Stütze nicht. Der bequem gepolsterte Sitz ist vielfach verstellbar; wer mag, kann sogar eine fast aufrechte Position einstellen. Die einarmige, gefederte Hinterbauschwinge neutralisiert sogar harte Schläge erstaunlich effektiv.

Spätestens am ersten Anstieg folgt auf den Geschwindigkeitsrausch allerdings eine gewisse Ernüchterung. Anfänger sollten bergauf frühzeitig in einen leichten Gang schalten, sonst werden schnell die Muskeln sauer. Zwar schwören viele Liegeradler, dass anfängliche Nachteile am Berg gegenüber Rennrädern durch spezifisches Training mit der Zeit kompensiert werden können; es gibt aber auch Stimmen in der Szene, die einräumen, dass ein Liegerad bergauf nie so schnell sein kann wie ein normales Rennrad.

Es ist deshalb kein Wunder, dass die deutsche Liegeradszene ein starkes Nord-Süd-Gefälle aufweist. Für schnelle Trainingsrunden auf flachen bis leicht welligen Überlandstrecken ist das ZR ideal. Interessant ist es auch für Pendler, die regelmäßig längere Strecken zur Arbeit fahren – nicht zuletzt wegen des Kofferraums. Daneben ist das ZR eine ausgesprochen elegante Konstruktion mit kreativen technischen Lösungen, die zeigt, was möglich ist, wenn sich Rennradkonstrukteure nicht durch die Vorgaben des Radsportweltverbandes UCI bremsen lassen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

PLUS: komfortabel, aerodynamisch, großer Kofferraum, Top-Verarbeitung

MINUS: tiefe Sitzposition im Stadtverkehr riskant

Preis Komplettrad ohne/mit aerodynamischer Heckverkleidung: 3.963/4.488 Euro

Preis Rahmen-Set: 2.670 Euro (inklusive Shimano- 105-Schaltung), Kettenblatt 60 Zähne (ohne Kurbel), Magura-Scheibenbremsen vorn und hinten)

Bezug/Info: Toxy Liegeräder & Komponenten, Telefon/Fax: 04127/922-83/-84; www.toxy.de

Rahmengröße: durch Auszug des Tretlagerauslegers einstellbar für Körpergrößen von 1,70 bis 2,10 Meter

Sitzhöhe: 0,17 bis 0,25 m

Sitzneigung: 25° bis 39°

Gewicht Testrad: 13 Kilo ohne/16 Kilo mit Heckkoffer

maximale Zuladung: 120 Kilo

AUSSTATTUNG

Bremsen/Schaltung: Magura Marta-SL Hydraulik-Scheibenbremsen /Shimano 105, 9fach mit SRAM-Drehgriffschalter

Tretlager: Schlumpf SpeedDrive (Planetengetriebe mit zwei Schaltpositionen)

Laufräder/Reifen: Toxy “lightw8” (20 Zoll)/ Schwalbe Stelvio (28-406), faltbar

Federung: Wartungsfreies CNC-Aluminium-Luftfeder-Element

Glasfiber-Schalensitz mit abnehmbarer Komfortauflage (leichte Sitzschale aus Kohlefaser optional); Heckkoffer aus Glasfiber (abschließbar, wasserdicht)

Fotos: Daniel Simon

Üppiger Stauraum: Der Heck-Koffer nimmt jede Menge Gepäck auf

Gute Führung: Die Kette läuft über zwei Umlenkrollen zum Vorderrad

Kuehn am 31.07.2008