Einzeltest 2017: Votec VRX Einzeltest 2017: Votec VRX

Einzeltest 2017: Votec VRX

Gravelbike Votec VRX im Test

Thomas Musch am 01.03.2017

Manche halten ­Gravelbikes für eine Marketing­masche, andere ­fühlen Befreiung aus Zwängen. Der Boden­see Gravel Giro stellte die Heraus­forderung dar, um mit dem Votec VRX Klarheit zu schaffen.

Der Bodensee Gravel Giro fand in diesem Jahr erst zum zweiten Mal statt, übt auf die Freunde des geländegängigen Rennrades aber schon magische Anziehungskraft aus. Das Limit von 80 Teilnehmern war nach dem Anmeldestart im Frühjahr bereits nach wenigen Tagen erreicht, obwohl von opulenter Werbung für das Event keine Rede sein konnte. Aber die Idee von Sören Zieher, der in Ravensburg unter der Marke VPace feine, individuelle Räder baut und im eigenen ­Laden vertreibt, hat einfach Charme: Eine Meute Gleichgesinnter, für die der Spaß am Rennrad nicht am Ende einer glatten Teerdecke aufhört, trollt sich über Schotter­straßen, Trampelpfade, Wiesenwege (und ein bisschen Asphalt) ins Bodensee-Hinterland. Zeitnahme gibt’s nicht, sportlich gefahren wird trotzdem. Der Organisationsgrad ist eher gering, der Spaß an der ungewöhnlichen Art Rennrad zu fahren groß. Aber, um zum Thema zu kommen: Braucht man für den Gravel Giro auch gleich ein Gravelbike?

Sagen wir so: Das Votec VRX war für die rund 105 Kilometer lange Schotter-Rundfahrt zumindest ein ­nahezu optimales Rad. Auf dem schlicht schönen Renner mit Alu-Rahmen sitzt man so, dass auch nach fünf Stunden der ­Nacken und die Schultern nicht schmerzen. Der leicht nach oben weisende Vorbau bringt den relativ breiten, bequem zu greifenden Lenker in angenehme Höhe. Ein Straßenrad mit dieser Geometrie würde man der Kategorie "Marathonrenner" zuordnen.

Mit diesem Zuschnitt unterscheidet sich das VRX deutlich von vielen klassischen Cross-­Rennrädern, die spezialisierte Wettkampf-Maschinen sind oder von solchen abstammen, und ihre ­Fahrer in eine sehr ­gestreckte, rennmäßige Position zwingen. Da Crossrennen aber in der Regel nach einer Stunde zu Ende sind, ist der Komfort für solche ­Räder kein vorrangiges Kriterium – im ­Gegensatz zu ­geringem Gewicht, um das ­­Rad blitzschnell beschleunigen und gut ­tragen zu können.

Einzeltest 2017: Votec VRX

Einzeltest 2017: Votec VRX

Sicher mit Scheibe

Mit geringem Gewicht kann wiederum das Votec definitiv nicht punkten. Es schrammt haarscharf an der Neun-Kilo-Marke vorbei. Für ein übliches Straßenrennrad wäre das ziemlich viel – aber das will das VRX ja gar nicht sein. Das Rahmen-Set ist mit gut zwei Kilogramm schon nicht leicht; auf die Waage drücken aber auch – und vor allem – die Scheibenbremsen und die Laufräder.

Der Gegenwert: zum einen die SRAM-­Bremsen aus der Rival-Gruppe, oder genauer ­gesagt die hydraulischen Scheibenbremsen. Die will man, einmal gefahren, nicht mehr missen. Sie packen kräftig zu und sind sehr feinfühlig zu dosieren. Dass man sich mit dem Rad auf Asphalt, besonders aber auf ­unbefestigtem und losem Untergrund, sehr sicher fühlt, geht zu einem wesentlichen Teil auf das Konto dieser Bremsen.

Den anderen Teil steuern die Reifen bei. Der 35 Millimeter breite Schwalbe G-One (ohne Schlauch, mit Dichtmilch montiert) ist mit kleinen, runden Noppen vergleichsweise fein profiliert, aber es ist erstaunlich, was der Pneu im Gelände leistet. Auf Schotter, Kies, Sand und Gras vermittelt er viel Sicherheit und erschreckt den Fahrer nicht durch plötzliches Wegrutschen. Auch an steilen Anstiegen krallt sich der Gummi in den Untergrund; erst wenn der Boden richtig matschig wird, geht der Grip flöten. Auf Asphalt rollt der Pneu leise und macht nicht den Eindruck, als sauge er einem über Gebühr die Kraft aus den Beinen. Das Gleiche gilt im Übrigen für das Radgewicht. Wer bergauf keine Bestzeiten jagen will, der kann ­relativ gelassen über die neun Kilo hin­weg­sehen und stattdessen die Vorzüge der enormen Vielseitigkeit des Rades genießen.

Einfach elffach

Einen Ausstattungstrend bei Cross- und Gravelbikes bezeugt auch das Votec VRX: Es ist mit einer 1 x 11-Schaltung ausgestattet. Heißt: ein einzelnes Kettenblatt am Tret­lager und elf Ritzel am Hinterrad. Unter langjährigen, gut trainierten Rennradfahrern löst dieser Schaltungs-Typ bisweilen hitzige Diskussionen aus. Das liegt weniger an der Bandbreite der Übersetzungen, die ist angesichts der elf Ritzel von 10 bis 42 Zähnen enorm. Auf der Strecke des Bodensee Gravel Giro mit insgesamt rund 1.300 Höhenmetern, verteilt auf einen längeren und etliche kürzere, auch knackige Anstiege, war jederzeit ein passender Gang verfügbar, um das Gelände zu bewältigen. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die größeren Sprünge zwischen den Gängen und die damit verbundenen größeren Unterschiede in der Trittfrequenz von Gang zu Gang. Manch motorisch gut ­geschulter Rennradler empfindet das als  Nachteil dieses Schaltungs-Typs. Neulinge und weniger Geübte oder Gelegenheitsradler sehen das entspannter; wer den direkten Vergleich nicht ziehen kann, versteht unter Umständen das Problem gar nicht.

Fakt ist auch: Wo nur ein Kettenblatt ist, braucht man keinen zweiten Schalthebel, und kann sich zum Wechsel durch die elf Gänge ganz auf den einen konzentrieren. Die eben genannte Zielgruppe wird das ­weniger als Einschränkung der Möglich­keiten empfinden, sondern eher als Verein­fachung der Bedienung. Auf dem Gravel-­Kurs am Bodensee war es zu keiner Zeit ein Nachteil oder Mangel. Die SRAM Rival ist – nennen wir es mal so – eine "80-Prozent-­Schaltung". Das heißt: Für ­80 Prozent aller Anforderungen ist sie gut geeignet. Wer lange, schnelle Ausritte in ­flachem Terrain liebt oder oft stundenlang passwärts klettert, findet ­sicherlich besser Geeignetes als die 1 x 11-­Schaltung. Aber der will vermutlich auch kein Gravelbike fahren.

Für wen also ist das Votec VRX das richtige Rad? Wer bereits ein Rennrad besitzt und mit dem Kauf eines geländegängigen Pendants liebäugelt, sollte sich überlegen, ob eher ein wettkampforientierter, fürs Gelände spezialisierter Crosser in Frage kommt oder das ungleich vielseitigere und unkompliziertere, aber eben weniger spezielle Gravelbike.

Und wer noch kein Rennrad hat, aber sportlich Rad fahren will, könnte ein Gravelbike auch in Betracht ziehen – statt eines rein­rassigen Straßenrenners. Das Gravelbike ist ein umkomplizierter Begleiter, mit dem man (sehr) sportlich unterwegs sein kann, ohne sich auf Straße oder Gelände festlegen zu müssen. Beides geht. Mit anderen Reifen lässt sich im Übrigen das Einsatzspektrum des Rades preiswert in die eine oder andere Richtung verschieben. 


Einzeltest 2017: Votec VRX

Bodensee Gravel Giro

Info Bodensee Gravel Giro

Die 105 Kilometer lange Fahrt mit rund 80 Teilnehmern im mehr oder weniger geschlossenen Verband fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Es gibt keine Zeitnahme, die Strecke ist nicht ausgeschildert, aber per gpx-Track dokumentiert. Start und Ziel sind in Ravensburg, die Strecke verlief in einer Schleife über den Höchsten (837 Meter) Richtung Meersburg, via Immenstaad und mit Verpflegungs- und Badepause bei Fischbach wieder zurück. Befahren wurden Feld- und Waldwege, Wiesenwege, Trampelpfade und Schotterpisten, rund 15 Prozent führten über Asphalt. Es wurde ambitioniert gefahren, aber auf abgehängte Fahrer oder solche mit Defekten (fast) immer gewartet. Das Startgeld betrug 20 Euro, Riegel, Gels und Getränke waren darin enthalten.

Info  www.vpace.de/bodensee-gravel-giro-2016


GESAMTNOTE  2,2

Preis  1.699 Euro
Gewicht Komplettrad  8,9 Kilo

Info  www.votec.de

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager*  2.078/431/73 Gramm  
Rahmengrößen**  S, M, L, XL  
Sitz-/Ober-/Steuerrohr  540/ 550/160 mm  
Stack/Reach/STR***  587/379/1,55  
Antrieb  SRAM Rival 1, (44/10-42 Z.)  
Bremsen  SRAM Rival HydroR (160/160 mm)  
Laufräder/Reifen  DT Swiss R23 Spline/Schwalbe G-One 35 mm (Tubeless)

MESSWERTE & EINZELNOTEN****
Gewicht Komplettrad
 8,9 Kilo: 4,0
Lenkkopfsteifigkeit  118 N/mm: 1,0
Seitensteifigkeit Gabel  84 N/mm: 4,0
Tretlagersteifigkeit  63 N/mm: 1,0
Federhärte Sattelstütze 168 N/mm: 2,0
Federhärte Gabel  84 N/mm: 3,7
 

Einzeltest 2017: Votec VRX

Votec VRX

Einzeltest 2017: Votec VRX

Votec VRX

*  Gewogene ­Gewichte.  
**  Herstellerangabe  Testgröße fett.  
***  Stack/Reach  projiziertes senkrechtes/waagerechtes  Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
**** Einzelnoten, die unterschiedlich gewichtet in die Gesamtnote einfließen, drucken wir aus Platzgründen nur zum Teil ab. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.

TOUR Titel 9/2016

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Thomas Musch am 01.03.2017
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