Einzeltest 2017: SpeedX Leopard Pro Einzeltest 2017: SpeedX Leopard Pro

Einzeltest 2017: SpeedX Leopard Pro

Carbon-Renner SpeedX Leopard

Kristian Bauer, Manuel Jekel am 30.03.2017

Ein Carbon-Rennrad mit Shimano-Gruppe für rund 1.200 Euro: Die chinesische Marke SpeedX wollte mit einem Rennrad als Crowdfunding-Projekt die Branche aufmischen. Kann das gut gehen?

Die Idee dieses Rades klang nur allzu ver­lockend: Ein hochwertiger, aerodynamischer Carbonrahmen mit lebenslanger Garantie, ein integrierter Radcomputer, der Trainingsdaten aufzeichnet (GPS, Geschwindigkeit, Höhenmeter, Distanz, Trittfrequenz), dazu Hochprofil-Laufräder; in der Basisversion "Leopard" eine Shimano-105-Gruppe beziehungsweise beim "Leopard Pro" eine Ultegra-­Di2-Ausstatung. Die ersten Bilder von dem Rad waren beeindruckend, und je früher die Kunden beim Crowdfunding einstiegen, ­desto günstiger sollten sie das Rad bekommen – am Anfang je nach Modell ab unschlag­baren 1.128 oder 1.786 Euro. Die Lieferung wurde für die Zeit zwischen Juli und September 2016 versprochen. Im April 2016 sammelte das Projekt Bestellungen im Wert von 2,17 Mio. Euro auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter, auf indigogo kamen weitere 2,95 Mio. Euro hinzu.Hinter dem Projekt steht das 2014 gegründete chinesische Startup Beast Technology Co. Ltd., das risikofreudige Inves­toren nach eigenen Angaben ­mit rund 14 Millionen Euro Kapital ausgestattet haben. 2015 entwickelte Beast Technology eine Trainings-App für Radfahrer. ­In Asien nutzen die App bereits 500.000 Radler, das Unternehmen hat inzwischen 120 Mitarbeiter. Motiviert von diesem Erfolg, machte sich SpeedX daran, das passende Rennrad zur App zu liefern: Cool, robust und vernetzt sollte es sein. Der niedrige Kaufpreis sollte die Türen zu den inter­nationalen Märkten öffnen –
erklärtes Ziel von SpeedX ist es, Marken wie Trek, Giant, Cannon­dale oder Specialized anzugreifen. Das Projekt erregte weltweit Auf­sehen, die meisten Räder wurden in den USA, England, Deutschland, China und Kanada bestellt.
Im Dezember 2016 ist die Eu­pho­rie der Käufer gedämpft. Der Hauptgrund: Die meisten Kunden haben ihr Rad noch nicht bekommen. Zwar behauptet das Unternehmen, man habe bereits "60 Prozent der Räder ausgeliefert" – doch aus Europa und Nordamerika gab es noch so gut wie keine Empfangsbestätigung. Das Rad kommt aber nicht nur zu spät. Nach Reklamationen der ersten Empfänger mussten bereits mehrere Fehler korrigiert werden: Synchronisations-­Probleme des Tachos wurden ­behoben, die Sattelstützen­klemmung wurde verbessert, der Lack verändert und ein zweiter Trittfrequenzsensor eingebaut.

Zoll? was für ein Zoll?

Beast-Gründer Li Gang gibt in einem Interview mit der australischen Internetseite "Cyclingtips" zu, dass sie lernen mussten, wie komplex die Radproduktion ist – und auch der Vertrieb. Käufer auf der ganzen Welt wurden schon von Paketboten mit Nachforderungen konfrontiert. Zur Einfuhrumsatzsteuer von 19 Pro­zent kommt bei einem Komplettrad aus China in Deutschland noch der Anti-Dumpingzoll von 48,5 Prozent. Für das von uns bestellte Rad wurden 320 Euro Einfuhrabgaben fällig – und die Summe war nur deshalb so niedrig, weil das Rad im Zoll­dokument als Muster mit niedrigem Wert deklariert war. "Uns war nicht klar, dass es so komp­liziert ist. Jedes Land hat unter­schied­liche Steuern, Abgaben und Versandmethoden. Das war unser Fehler, und das tut uns leid", gibt Li Gang zu und bietet Kunden in Europa an, ihnen vom Kaufpreis rund 95 (für das günstige Modell) beziehungs­weise 250 Euro zu erstatten.

Auf Facebook gibt es eine 1.700 Mitglieder starke Gruppe der "SpeedX Riders". An den Einträgen ist erkennbar, dass die ersten ­Räder nach Asien ausgeliefert wurden. Radfahrer aus Hongkong, Thailand, Malaysia und Singapur posteten Fahrberichte und wiesen auf Probleme hin: Ein Nutzer aus Malaysia berichtete, dass nach einer Fahrt im Regen das Cockpit ausfiel. Ein anderer Fahrer bemerkte den Spalt zwischen Sattelstütze und Klemme, in den Wasser eindrang und bastelte sich selbst eine Gummidichtung. Inzwischen gibt es diese Dichtung wohl ­serienmäßig.

Einzeltest 2017: SpeedX Leopard Pro

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Geduldige Kunden

Trotz dieser Probleme wartet die Mehrzahl geduldig. Es scheint, als ob die meisten sich bewusst für den Abenteuerkauf mit Risiko entschieden haben.

Unser Testrad enstammt der ersten Produktionsreihe. Bestellt hatten wir das Einstiegsmodell, geliefert bekamen wir das teurere Rad. Die üblichen Messungen am Rahmen erwiesen sich aufgrund der Verkabelung als undurchführbar. Unter der schicken Carbon­fassade entdeckte TOUR-Laborleiter Christoph Allwang nicht nur billige Kabel und Steckverbindungen sondern stieß auch sonst auf einige Stolperfallen (siehe Test). Aus­gereift ist das Rad nicht. Trotzdem bietet das Unternehmen aus Peking mittlerweile zusätzlich noch einen Aero-Alu-Renner und ein Mountainbike an. Bestellungen nimmt Beast Technology derzeit allerdings nicht mehr entgegen – erst sollen die bisherigen abgearbeitet werden. Der niedrige Preis aus der Crowdfunding-Phase wurde zwischenzeitlich auch deutlich erhöht. Das Leopard kostet danach 1.910 Euro und das Leopard Pro 3.055 Euro inklusive Einfuhrgebühren. Wann genau das Rad 2017 wieder lieferbar sein wird und was es dann kostet, kann das Unternehmen derzeit nicht sagen. Die Investoren scheinen aber weiterhin an das Projekt zu glauben: 22 Millionen US-Dollar frisches Geld habe sie bekommen, meldet die Firma im ­Dezember 2016. Ob die Kunden auch noch an SpeedX glauben?

Info Speedx Leopard Pro

Wille zu eigenständigem Design ist dem Leopard Pro nicht abzusprechen. Die Bremszüge verlaufen ähnlich wie bei den Aeromodellen von Trek und Specialized unsichtbar durch ­Lenker, Vorbau, Gabel und Rahmen; das Unterrohr ist aufwendig profiliert, der in den Vorbau integrierte Computer ein Detail, das den Gesamt­eindruck prägt. Angesichts des hohen Carbon-Anteils – außer dem Rahmen-Set bestehen Felgen, Lenker und Stütze aus der Faser – überrascht das ­Gewicht von 8,7 Kilo. Sonst sind Aero-Renner um 3.000 Euro rund ein Kilo leichter. Ein Teil des Übergewichts steckt vermutlich in diversen Elektronikbauteilen und Kabeln, die sich im Inneren des Rahmens verbergen; überprüfen ließ sich das nicht, da ein Heraus­reißen der Verkabelung das Rad unfahrbar ­gemacht hätte. SpeedX beziffert das Rahmen­gewicht mit 1,2 Kilo. Auch Steifigkeitswerte ­waren wegen der Kabel nicht zu ermitteln. Der Fahrtest zeigt aber, dass ein Mangel an Steifigkeit ganz sicher kein Problem des Rades ist. Vielmehr fällt das Leopard Pro durch sehr sportliche Härte am Sattel auf. Verantwortlich dafür sind neben der unnachgiebigen Aero-­Stütze die nominell
23 Millimeter breiten Reifen, die de facto kaum 21 Millimeter breit ausfallen. Sie fahren sich vor allem auf rauem Asphalt unzeitgemäß hart. Weitere Probleme sind ein drei Millimeter breiter Spalt zwischen Sattelstütze und Oberrohr, durch den ungehindert Wasser in den Rahmen läuft, das die Elektronik schädigen kann; an­geb­lich liefert der Hersteller inzwischen eine Dichtung mit. Die Schräubchen am Schalt­auge stehen über und touchieren den Ab­schluss­ring der Kassette. Irritierend sind auch die lauten Knackgeräusche der Felgen beim Aufpumpen der Reifen.

PLUS   Optisch ansprechende Integrationslösungen, modernes Schaltsystem
MINUS   Keine großen Rahmengrößen, schlechter Federkomfort, schwer, Verstellung der Lenker­höhe fast unmöglich, Carbonfelgen knacken beim Aufpumpen, fragiles Hinterrad

Fotostrecke: Einzeltest 2017: SpeedX Leopard Pro


Technische Daten

Preis Testrad  3.199 US-Dollar  
Gewicht  8,7 Kilo
Bezug/Info  en.speedx.com
Rahmengrößen*  42/45/48/51/54/57  
Sitz-/Ober-/Steuerrohr  540/565/155 mm 
Stack/Reach/STR**  555/395 mm/1,41

Ausstattung
Antrieb/Schaltung
  Shimano Ultegra Di2 (52/36 Z., BB86)  
Bremsen  TRP  
Laufräder/Reifen (Gewichte)  Speed X/Vittoria Rubino, 23 mm (1.272/1.667 Gramm)

*Herstellerangabe, Testgröße fett.
**Stack/Reach  projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach): 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine sehr aufrechte Sitzposition. 

TOUR Titel 2/2017

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Kristian Bauer, Manuel Jekel am 30.03.2017
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