Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Renner mit Kultstatus: Ritchey Break-Away im Test

Jens Klötzer am 03.03.2017

Das Ritchey Break-Away ist ein Renner mit Kult­status – auch wegen der Möglichkeit, das Rad mit einem cleveren Mechanismus platzsparend zu ­zerlegen. Eine neue Carbonvariante soll das Konzept technisch wie optisch in die Neuzeit heben

"Ach, wie gern hätte ich jetzt mein Rennrad dabei!" Hat Sie dieser Gedanke – auf Geschäftsreise oder im Familienurlaub – auch schon mal durchzuckt, weil die Gelegenheit für eine Radelrunde gerade günstig gewesen wäre? Nur leider kann man das Rennrad nicht überallhin mit­nehmen, dafür ist es schlichtweg zu groß. Eine patent(iert)e Lösung des Problems bietet der umtriebige Erfinder, Mountainbike-Pionier und inzwischen weltweit erfolgreiche Komponentenhersteller Tom Ritchey schon seit einigen Jahren mit dem Modell Break-­Away. Das passt zwar auch nicht in die Hosentasche; der in zwei Teile zerlegbare Rahmen reduziert das Packmaß aber doch auf etwa ein Drittel eines normalen Radkoffers. So findet der Renner nicht nur locker im Kofferraum eines Kleinwagens Platz, sondern geht auch im Zug oder am Flughafen als normales Gepäckstück ohne Sonderzuschlag durch. Nach einem klassischen, geschweißten Stahlrahmen und einer so ­seltenen wie teuren Titan-­Variante mit Carbon-Hinterbau der Vorgängermodelle ist das Break-Away 2015 in der Neuzeit angekommen – als jüngstes Mitglied der Familie gibt es den teilbaren ­Flitzer nun mit einem modernen Carbonrahmen.

Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Ritchey Break-Away

Konkurrenzlos normal

Es ist der einzige Carbonrahmen im Angebot von Ritchey und Zeichen für eine Philosophie, die nur Produkte mit einem gewissen Innovationsgrad ins Portfolio aufnimmt. "Me-too-Produkte" macht Tom Ritchey nicht. Auch zum Break-Away sucht man vergleichbare Konkurrenzmodelle – zumindest als Serienprodukt – vergeblich. Dabei kommt der Renner auf den ersten Blick recht unscheinbar daher: Klassische Proportionen und runde Rohre prägen den Rahmen, einzig die für mehr Federkomfort etwas gebogenen Sitzstreben ­fallen auf. Auch Geometrie, Fahr­verhalten und alle Komponenten sind so, wie man es von anderen Rennrädern gewohnt ist; nervöse Mini-Laufräder, ungewöhnliche Übersetzungen oder sonderbare Rahmenformen, wie es andere Falt- und Zerlegeräder aufweisen, hat das Ritchey nicht. Es fährt sich wie ein ganz normales Rennrad. Die Sitzposition ist sportlich, das Lenkverhalten neutral; damit dürfte es den Geschmack der meisten Rennradfahrer treffen.

Das Zerlegeprinzip ist identisch mit dem der Vorgänger und auch ebenso bestechend simpel wie funktional. Die beiden Rahmenteile sind an zwei Stellen miteinander verbunden: Am Unterrohr kurz über dem Tretlager mit einer formschlüssigen Stahlschelle, und an der Sattelklemmung mit der Stütze selbst als Verbindungsbolzen. Der Antrieb bleibt also komplett und muss nicht angerührt werden, lediglich die Schaltzüge und der hintere Bremszug werden werkzeuglos mit einfachen Schraubverbindern getrennt. Ein praktischer und robuster Rollkoffer wird gleich mitgeliefert. Damit das Rad in die zirka 70 x 80 x 20 Zentimeter schlanke Box passt, müssen noch die Lenker-Vorbau-Kombi­nation und die Pedale abmontiert werden. Das Zerlegen oder Zusammenbauen benötigt lediglich ein Minitool und dauert
für Geübte keine fünf Minuten. Das eigentliche Verpacken – ­diverse Schutzhüllen gehören zum Liefer­umfang – nimmt nur ­wenig mehr Zeit in Anspruch.

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Ritchey Break-Away: Die Verbindungs­stellen sind solide aus­geführt. 

Einen Carbonrenner auf neuestem Stand darf man aber auch beim modernsten Break-Away nicht erwarten. Die Muffenbauweise gilt fertigungstechnisch als überholt, ist für den Zerlege-­Renner aber praktisch; die teilbare Konstruktion zwingt zum klassischen Rundrohr-Design. 1.500 Gramm sind für einen Carbonrahmen unter normalen Umständen eher schwer, aber damit die ganze Sache auch dauerhaft hält, verstärken verschiedene Metallteile den Rahmen. Die Verbindungsstellen am Unterrohr und die Sitzmuffe etwa sind aus Aluminium, so kann auch rohe Kraft beim Zusammen­bauen hier keinen Schaden ­anrichten. Das Tretlager mit den Rohranschlüssen ist aus Stahl. Die Rohre selbst sollen zudem besonders druckstabil ausgeführt sein, damit man beim Auspacken keine bösen Überraschungen ­erlebt. Dass Ritchey Leichtbau kann, beweist die Carbongabel mit 370 Gramm; dass sich aus diesem Rahmen-Set ein konkurrenzfähig leichter Renner aufbauen lässt, zeigt das Komplettrad-Gewicht von 7,1 Kilo. Die ­Befürchtung, dass sich die Teilbarkeit des Rahmes auf die Fahrstabilität des Rades ­auswirken könnte, ist unbegründet. Der Lenkkopf ist ausreichend steif, das Rad auch bei hohen Geschwindigkeiten fahrstabil. Die kleine Schwäche im Tretlager werden nur starke Sprinter spüren, Freizeitradler dürfte sie kaum stören. Und wohl die wenigsten ­Interessenten würden mit einem Break-­Away Radrennen auf höherem Niveau bestreiten.

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Ritchey Break-Away: Einfache Bedienung macht das Zerlegen leicht.

Mehrwert mit Aufpreis

Mit dem Vorteil des kleinen Packmaßes ­erkauft man sich also keinerlei Nachteile – allerdings muss man reichlich Geld dafür hinlegen. 3.199 Euro ruft Ritchey für das Rahmen-Set inklusive Gabel und Koffer auf. Ein Komplettrad bietet er nicht an, unser ­Testrad ist ein beispielhafter Aufbau des deutschen Importeurs Cosmic Sports mit Shimanos Dura-Ace-Schaltung und – natürlich – vielen Teilen aus dem Ritchey-Komponenten­regal; es dürfte deutlich über 6.000 Euro kosten. Mit einer günstigeren Ausstattung ließe sich da gegensteuern, ein Schnäppchen wird das Break-Away aber nicht. Andererseits: Sein Rennrad bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit einfach dabeizuhaben, ist letztendlich unbezahlbar.

Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Das Vorderrad am Koffer zeigt anschaulich, wie klein sich das Ritchey Break-Away machen kann.

PLUS  praktisches Zerlege-Prinzip einfache Handhabung solider, praktischer Transportkoffer ausreichend fahrstabil keine Spezialkomponenten
MINUS  nur als Rahmen-Set erhältlich, vergleichsweise teuer

GESAMTNOTE   2,0

Preis  3.199 Euro (Rahmen-Set mit Koffer)
Gewicht Komplettrad  7,1 Kilo

Info  www.ritcheylogic.com

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager*  1.508/367/74 Gramm
Rahmengrößen**  XS, S, M, L, XL  
Sitz-/Ober-/Steuerrohr  545/570/170 mm   Stack/Reach/STR***  578/394 mm/1,47
Antrieb/Schaltung/Bremsen  Shimano Dura-Ace (50/34 Z., BSA)  
Laufräder/Reifen (Gewichte)  Ritchey Apex WCS/Ritchey Race Slick WCS 25C (v./h. 1.031/1.416 Gramm)

MESSWERTE & EINZELNOTEN****
Gewicht Komplettrad
  7,1 Kilo: 2,0
Lenkkopfsteifigkeit   88 Nm/°: 2,0
Seitensteifigkeit Gabel   45 N/mm: 2,3
Tretlagersteifigkeit   47 N/mm3,3
Federhärte Sattelstütze  168 N/mm: 2,0
Federhärte Gabel  86 N/mm: 3,7

Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Ritchey Break-Away

Einzeltest 2017: Ritchey Break-Away

Ritchey Break-Away

*  Gewogene ­Gewichte.  
**  Herstellerangabe  Testgröße fett.  
***  Stack/Reach  projiziertes senkrechtes/waagerechtes  Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
**** Einzelnoten, die unterschiedlich gewichtet in die Gesamtnote einfließen, drucken wir aus Platzgründen nur zum Teil ab. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.

TOUR Titel 9/2016

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Jens Klötzer am 03.03.2017
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