Test Frauen-Rennräder 2016 Test Frauen-Rennräder 2016

Test 2016: Rennräder für Frauen

17 Frauen-Rennräder im großen TOUR-Test

Jens Klötzer am 10.06.2016

Rennräder für Frauen sind längst fester Teil des Marktes. Die Hersteller scheinen ebenso sicher wie einig: Die weibliche Kundschaft braucht vor allem eine aufrechte Sitzposition. Warum eigentlich?

Warum gibt es für Frauen so viele unsportliche Räder im Vergleich zu den wenigen, richtig guten und reinrassigen Sportgeräten?", fragt Annina Jenal am Ende einer knappen Testwoche. "Frauen sind doch nicht generell alle Weicheier", fügt sie hinzu. Die 26-jährige Innsbruckerin hat gerade 17 speziell für Frauen gebaute Rennräder ausgiebig Probe gefahren und ist ziemlich ernüchtert. Zugegeben, die 1,66 Meter große Transalp-Siegerin von 2015 und zukünftige Elite-Fahrerin beim RC Tirol hat an ein Rennrad hohe Ansprüche: Leicht und wettkampf­orientiert soll es sein, auch auf einem relativ kleinen Rahmen will sie sportlich gestreckt und windschnittig ­sitzen, und mit hochwertigen Komponenten soll das Rad ausgestattet sein; das darf dann auch etwas mehr kosten. Am besten taugt ihr am Ende ein Modell, das im Kern ein kleines, sportlich ausgelegtes Standardmodell ist, mit anderem Sattel, der hoch über dem schmalen Lenker thront – womit das Rad in unserem Testfeld sprichwörtlich aus dem Rahmen fällt.

Etwas gemäßigter ist da unsere zweite Testfahrerin Manuela Kletzander unterwegs. Sie ist 51 Jahre alt, 1,68 Meter groß und fährt 6.000 Jahreskilometer, nicht mal halb so viel wie Annina; ihr Metier sind eher Radmarathons in den Alpen und ausgedehnte Touren. Man könnte vermuten, dass sie sich tendenziell am komfortablen Ende unseres Testfeldes wohlfühlt, also auf Rädern, auf denen man aufrechter sitzt. Tatsächlich ist ihr Anninas ­Favorit "einen Tick zu sportlich". Am ­Ende fällt aber auch ihre Wahl auf Räder, deren Zuschnitt die Hersteller als "rennmäßig" einordnen.

Bei unserer Testauswahl haben wir darauf geachtet, einen Querschnitt des Marktes abzubilden – günstige und teure Räder unterschiedlichster Art. Aber gerade im sportlichen Segment ist die Auswahl für Frauen nicht groß. Rennmäßige Geometrien, wie man sie sonst bei klassischen Renn­rädern findet, gibt es überhaupt nicht; ausgeprägte Komfortmodelle, bei denen der Lenker hoch montiert ist und die Sitzposition betont aufrecht ausfällt, hingegen zuhauf. Die Hersteller gehen offensichtlich davon aus, dass Frauen aufrechter sitzen möchten als Männer, um Sitzproblemen aus dem Weg zu gehen. Selbst die wettkampf­orientierten Modelle in unserem Test haben kürzere Ober- und längere Steuerrohre als die entsprechenden Männerräder der selben Marke.

Sitzprobleme sind aber nicht gleich Sitzprobleme. Wenn Frauen über zu viel Druck oder Reibung im Schambereich klagen, ist daran ganz überwiegend ein unpassender Sattel schuld – das bestätigen auch unsere beiden Testerinnen. Die durch die Geometrie des Rades vorgegebene Sitzposition kann solche Probleme verschärfen – sie ist aber in der Regel eher für Schmerzen im Nacken oder Rücken verantwortlich. Annina Jenals Erfahrung: "Es ist schon ein Unterschied, ob ich mich sehr strecken muss, um den Lenker überhaupt zu erreichen, oder ob ich mich einfach tief runterbeuge. Ist der Lenker weit weg, verspannen Schultern und ­Nacken schnell, und wenn man auf dem Sattel nach vorn rutscht, gibt es Sitzprobleme", sagt sie.

Schießen die Hersteller also vielleicht übers Ziel hinaus, wenn sie Frauen fast nur Räder anbieten, auf denen sie  betont aufrecht sitzen ... müssen? 

Fotostrecke: Test Frauen-Rennräder 2016

Den gesamten Testbericht mit diesen Frauen-Rennrädern finden Sie unten als PDF-Download:

Frauen-Rennräder bis 1.299 Euro:
• Canyon Endurace AL 6.0 WMN (999 Euro)
• Focus Cayo AL Disc Donna Tiagra (1.299 Euro)

Frauen-Rennräder von 1.299 bis 2.399 Euro:
• Liv Avail Disc LTD (1.299 Euro)
• Rose Pro SL-300 Lady (1.399 Euro)
• Cube Axial WLS GTC Pro (1.499 Euro)
• Focus Cayo Disc Donna 105 (2.299 Euro)
• Lapierre Sensium W CP 600 (2.299 Euro)
• Cannondale SuperSix Evo Women's Ultegra 4 (2.399 Euro)

Frauen-Rennräder von 2.499 bis 4.600 Euro:
• Fuji Supreme 2.1 (2.499 Euro)
• Cube Axial WLS C:62 SL Disc (2.599 Euro)
• Specialized Ruby Elite Disc (2.699 Euro)
• Scott Contessa Solace 15 (2.299 Euro)
• Ridley Liz Carbon 10 (3.699 Euro)
• Liv Envie Advanced Pro (4.600 Euro)

Frauen-Rennräder ab 4.999 Euro:
• Trek Silque SSL (4.999 Euro)
• Specialized Amira SL 4 Pro Race (5.599 Euro)
• Canyon Ultimate CF SLX 9.0 WMN (5.799 Euro)

TOUR Titel 4/2016

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Jens Klötzer am 10.06.2016
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