Test 2015: Rennräder für Frauen Test 2015: Rennräder für Frauen

Test 2015: Rennräder für Frauen

15 Frauen-Rennräder im großen TOUR-Test

Manuel Jekel am 29.05.2015

Raus aus der Blümchen-Ecke: Viele Firmen bieten Rennräder für Frauen an – in allen Preisklassen mit Elektro-Schaltung und Scheibenbremsen. Wir haben 15 Räder getestet – extra für Frauen.

Was ich am Rennradfahren liebe? Die Geschwindigkeit, das Fahren in der Gruppe, die Möglichkeit, große Distanzen aus eigener Kraft zu bewältigen", sagt Manuela Kletz­ander. Und augenzwinkernd fügt sie hinzu: "Besonderen Spaß macht es natürlich, wenn ich Männer überhole." Wenn die 50-Jährige die Faszination ihres Lieblingssports erklärt, gerät sie ins Schwärmen. Seit ihrer Jugend ist Manuela Kletzander, die nebenbei als Spinning-In­struktorin arbeitet, in vielen ­Disziplinen zu Hause. Doch Radsport auf schmalen Reifen ist seit 2012 ganz besonders ihr Ding. Ähnlich geht es Isabel Appelt, 29, aus München. "Schon als Jugendliche hat es mich fasziniert, wenn Rennradfahrer an mir vorbeigerauscht sind. Damals habe ich davon geträumt, ein Rennrad zu besitzen." 2008 war es so weit. Das Einsteigermodell, mit dem Appelt anfing, wurde inzwischen von einem leichten High-End-Renner abgelöst, der nach ihren Wünschen aufgebaut wurde.

Manuela Kletzander und Isabel Appelt stehen für einen Trend: Die einstige Männerdomäne Radsport wird zunehmend weiblicher. Weltweit steigen immer mehr Frauen aufs Rennrad – weil es Spaß macht, weil es gesund ist und nicht zuletzt, weil Rennradfahren perfekt zum Lebensgefühl einer modernen, zunehmend städtisch geprägten Gesellschaft passt. Dabei kann das Rennrad einige Pluspunkte für sich verbuchen: Es ist für die Straße gemacht, und weil der Aktionsradius groß ist, kann man meist von der Haustür aus losfahren. Außerdem ist die Einstiegshürde in den Sport sehr niedrig. Radfahren kann fast jeder und fast jede, die Fahrtechnik ist relativ leicht erlernbar. Man braucht nur ein Rennrad und ein paar Klamotten, schon kann’s losgehen.

Die wachsende Begeisterung von Frauen fürs Rennrad spiegelt sich wider in einem zunehmenden Angebot spezieller Frauenrennräder inklusive Zubehör wie Radbekleidung, Helmen, Schuhen und Sätteln. Schon 2004 erkannte die US-Marke Specialized, dass Frauen die am stärksten wachsende Zielgruppe innerhalb der Rennradwelt darstellen. Specialized war einer der ersten Hersteller, der spezielle Frauenrennräder anbot. Mittlerweile umfasst das Programm zahlreiche Modelle in allen Preisklassen und diversen Katego­rien: vom tourenorientierten Komfortrennrad bis zum High-Tech-Boliden mit Renngeometrie und Elektroschaltung.

Fotostrecke: Test 2015: Rennräder für Frauen

Diese Rennräder für Frauen haben wir getestet (ein PDF des Artikels finden Sie unten als PDF):

999 bis 1399 Euro:
• Cube Axial WLS Pro, 999 Euro
• Stevens Soana Pro, 1.199 Euro
• Specialized Dolce Comp EQ, 1.399 Euro

1.449 bis 1999 Euro:
• Rose Xeon Team GF-200 Lady, 1.449 Euro
• Haibike Challenge Life, 1.499 Euro
• Merida Scultura 4000 Juliet, 1.549 Euro
• Liv Avail Advanced, 1.599 Euro
• Liv Envie Advanced, 1.799 Euro
• Cube Axial WLS GTC SL, 1.999 Euro

1.999 bis 3.000 Euro:
• Focus Izalco Donna 1.0, 1.999 Euro
• Cannondale Synapse Carbon Women's Ult. 3, 2.799 Euro
• Scott Contessa Solace 15, 2.799 Euro

Über 3.000 Euro:
• Rose Xeon X-Lite CRS 3100 Di2, 3.566 Euro
• Trek Silque SLX, 3.699 Euro
• Specialized Ruby Pro Disc, 5.699 Euro

Dem Vorbild von Specialized sind inzwischen zahlreiche Marken gefolgt. Beim US-Konkurrenten Trek, der ein ähnlich breites Angebot an Frauenrennrädern hat, sind die entsprechenden Modelle am Kürzel "WSD" (für "women specific design") erkennbar. Die Schweizer Marke Scott setzte ihren Frauenmodellen den Namenszusatz "Contessa" voran. Noch einen Schritt weiter ging der weltweit größte Radhersteller Giant. Die Taiwaner bieten seit knapp einem Jahr ihre Frauenmodelle nicht mehr unter dem Namen Giant, sondern unter der neu gegründeten Marke Liv an. Noch ist eine solche Konsequenz im Hinblick auf die weibliche Zielgruppe zwar die Ausnahme. Doch das Signal ist deutlich. Die Hersteller nehmen Frauen als Zielgruppe immer ernster. Fast alle größeren Marken bieten heute zumindest einzelne Frauenrennräder an.

ES MUSS NICHT IMMER CARBON SEIN

Die größere Auswahl macht allerdings die Kaufentscheidung nicht einfacher. Welches Rad am besten passt, verraten weder Anzeigen, noch Kataloge, noch die Webseiten der Hersteller. Die Möglichkeit, ein Rad vor dem Kauf zu testen, ist leider immer noch die seltene Ausnahme. Nur wenige Händler haben Frauenmodelle in mehreren Größen vorrätig.Doch genau dafür gibt es diesen Test.

Die 15 Frauenrenner, die wir eingeladen haben, decken ein breites Spektrum ab: vom günstigen Modell für 1.000 Euro bis zum edlen Carbonrenner mit elektronischer Schaltung und hydraulischen Scheibenbremsen für 5.700 Euro. Vier Räder mit Aluminiumrahmen sind darunter, die anderen besitzen Carbonrahmen. Das günstigste Modell aus Carbon ist das Haibike Challenge Life für 1.500 Euro. Damit setzt sich auch bei den Frauenrädern der Trend fort, dass Carbon günstiger wird. Allerdings lässt sich nicht pauschal sagen, dass Carbonrenner immer besser sind als Alu-Modelle. Zwar sind sie in der Regel leichter. Doch das Rad mit dem besten Federkomfort im Test ist dank clever gewählter Ausstattung ein Alu-Rad von Specialized. Das hochwertig aufgebaute Alu-Rennrad des Versenders Rose zählt mit 7,4 Kilo sogar zu den leichtesten Rädern im Test.

Die Testfahrten fanden Ende Februar im hügeligen Hinterland des südlichen Gardasees statt. Alle Räder wurden passend zur Größe der beiden jeweils 1,68 Meter großen Testerinnen Manuela Kletzander und Isabel Appelt bestellt, die über das Münchener Netzwerk "Cycling Girls" (www.cyclinggirls.de) zum Testteam gestoßen sind. Dahinter verbirgt sich ein loser Zusammenschluss rennradbegeisterter Frauen, die regelmäßig gemeinsame Ausfahrten und Rennradurlaube machen.

AUF DIE PASSFORM ACHTEN

Nach jeder Testrunde gaben die Testerinnen ihre Eindrücke zu den Rädern zu Protokoll. Dabei zeigte sich, dass Frauen beim Rennrad oft andere Dinge wichtig sind als vielen Männern. Nicht die Frage, welche Schaltgruppe montiert oder wie leicht das Rad ist, stand für Kletzander und Appelt im Vordergrund. Sondern wie sich Sattel und Lenker anfühlen, ob die Sitzposition passt und ob die Bremshebel gut zu erreichen sind.

Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich die Testerinnen nicht für hochwertige Rennradtechnik begeistern können. Aber Kletzander und Appelt kennen wie viele andere – insbesondere kleine – Frauen das Problem, dass schlecht angepasste Räder ihnen die Freude am Fahren nachhaltig verleiden können. Wenn der Sattel drückt, Rücken und Schultern schmerzen oder die Hände wegen eines schlecht zu greifenden Lenkers taub sind, kann der Renner noch so leicht oder hochwertig ausgestattet sein; aus der individuellen Perspektive ist er dann einfach das falsche Rad.

Test 2015: Rennräder für Frauen

Sehr bequem: Ein Kugellager zwischen Ober- und Sitzrohr lässt das Sitzrohr beim Trek Silque SLX besser flexen. Das steigert den Komfort enorm.

Insgesamt kamen die Fahrerinnen mit den Modellen jedoch gut klar. Richtig durchgefallen ist keines der 15 Räder, was ein deutliches Zeichen dafür ist, dass die Hersteller gelernt haben, worauf es bei Frauenrennrädern ankommt. Nur bei einem Rad, dem günstigen Cube, ließ sich trotz eigentlich passender Rahmengröße keine optimale Sitzposition finden. Mit einigen Änderungen bei der Ausstattung, vor allem einer anderen Sattelstütze, ließe sich dieses Problem aber entschärfen.

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Für kleine Hände: Die Bremshebel sollten auch für Menschen mit kleinen Händen leicht erreichbar sein – so wie beim Izalco Donna 1.0 von Focus

Generell kamen leichte Räder wie der nobel ausgestattete (teurere) 6,7-Kilo-Flitzer von Rose und das knapp über 7 Kilo schwere Trek bei den Fahrerinnen besonders gut an. Doch auch unter den günstigeren Modellen fanden sich Highlights, etwa die beiden Liv-Räder von Giant – das eine sehr komfortabel, das andere eher rennmäßig ausgelegt. Oder das Focus Izalco Donna, das schon in früheren Praxistests sehr gute Kritiken bekam. Besonders gespannt waren die Fahrerinnen vor den Test­runden auf die beiden Scheibenbrems­modelle von Liv und Specialized. Beide Frauen sind auch aktive Mountainbikerinnen und deshalb mit Scheibenbremsen vertraut. Während die mechanischen, per Seilzug angesteuerten Scheibenbremsen am vergleichsweise günstigen Liv Avail Advanced in der Wirkung eher enttäuschten, kam die hydraulische Shimano-Bremse beim teuren Specialized Ruby super an. Manuela Kletzander, die bei Radmarathons in den Alpen schon Passabfahrten im Regen erlebt hat, kann sich nach der Runde auf dem Ruby sogar vorstellen, dass ihr nächstes Rennrad Scheibenbremsen hat. Etwas nüchterner sah Isabel Appelt die Sache. Auch sie war von Bremsleistung und Dosierbarkeit begeistert, allerdings ist ihr ­ ein sehr leichtes Rennrad lieber. Und das ist mit Scheibenbremsen derzeit noch nicht zu haben.

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Für Schmale: Das Liv Avail Advanced kam mit dem schmalsten Lenker im Test – ideal für zierliche Frauen

NICHT NUR AUF DIE NOTEN ACHTEN

Bei der Interpretation der Testergebnisse helfen, neben den Endnoten, die sich aus den Messwerten der Rahmen und den Ausstattungsbewertungen ableiten, vor allem die Einzelbeschreibungen und Kommentare der Fahrerinnen. Denn nicht automatisch ist das Rad mit der besten Endnote zugleich das beste Rad für die eigenen Bedürfnisse. Vor allem Informationen zu den Kriterien Sitzposition oder Sattel- und Lenkerform lassen sich nicht in Noten gießen, weil sie sehr individuell sind. Differenziert betrachten muss man in diesem Testfeld kleinerer Räder auch die Steifigkeitswerte, die für die Rahmenbenotung eine zentrale Rolle spielen: Um die Räder besser vergleichen und einordnen zu können, wurden alle Modelle nach dem gleichen System benotet wie sonst die Männermodelle. Da Frauen in der Regel leichter sind als Männer, gelten bei der Fahrstabilität, für die vor allem die Lenkkopfsteifigkeit und die Seitensteifigkeit der Gabel verantwortlich sind, jedoch andere Maßstäbe als für schwerere Fahrer. So ist das Rad mit der geringsten Fahrstabilität in diesem Test das Trek Silque SLX, mit einer Lenkkopfsteifigkeit von 75 Newtonmeter pro Grad. Bei einem größeren Rahmen wäre dies kein riskanter, aber ein unterdurchschnittlicher Messwert. Schweren Fahrern würden wir daher eher von dem Rad abraten. Für Fahrerinnen bis etwa 65 Kilo sehen wir hier allerdings kein Problem. Mit einem solchen Rad lassen sich nach aller Erfahrung auch Abfahrten mit hohem Tempo sicher bewältigen. Für Manuela Kletzander und Isabel Appelt zählte das Silque SLX mit seiner herausragend guten Dämpfung denn auch zum engeren Favoritenkreis unter den 15 Rädern. 

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Manuel Jekel am 29.05.2015
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