Das Team schützt das gelbe Trikot Das Team schützt das gelbe Trikot

Tour de France verstehen: Gelb verteidigen

So sichert eine Mannschaft das Gelbe Trikot

Kristian Bauer am 21.06.2017

Der Spitzenreiter der Tour de France fährt im Gelben Trikot – und die begehrte Trophäe würden viele gerne haben. Wir zeigen an einigen Beispielen, welche Gefahren im Rennen lauern und wie der Spitzenreiter mithilfe seiner Mannschaft idealerweise reagiert.

Tempokontrolle: Gelb in der Verantwortung

Gelb verteidigen

Auf vielen Etappen ist das Spiel das immer gleiche: Früh setzt sich eine Spitzengruppe ab, die Verfolger fahren hinterher. In unserem Beispiel beträgt der Vorsprung nach 130 von 200 Kilometern rund zehn Minuten. Hält der Vorsprung bis ins Ziel, übernimmt der Bestplatzierte der Ausreißer (rot) das Gelbe Trikot. Die Mannschaft des Mannes im Gelben Trikot steht nach einem ungeschriebenen Gesetz in der Verantwortung, das Rennen zu gestalten – dies bedeutet viel Arbeit für die Helfer (blau) im Team. Im Hintergrund versucht der Sportliche Leiter im Begleitauto mit anderen Teams Allianzen zu schmieden.

Massensprint: Gelb rollt vorne mit

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Wenn auf Flachetappen alles auf einen Massensprint hinausläuft, wird die Mannschaft des Gesamtführenden bei der Tempo-Arbeit meist unterstützt – von den Rennställen, die einen starken Sprinter (grün) im Rennen haben. Gelb fährt im vorderen Teil des Feldes, meist in den ersten 20 Positionen im Windschatten eines oder mehrerer Teamkameraden und muss in erster Linie aufpassen, nicht in Stürze verwickelt zu werden und im ersten Pulk zu bleiben, der im Ziel mit der gleichen Zeit wie der Sieger gewertet wird. Die Drei-Kilometer-Marke ist ein wichtiger Punkt: Ab hier bekommen im Falle eines Massensturzes alle Fahrer der Gruppe im Ziel die gleiche Zeit.

Defekt: Gelb braucht schnelle Hilfe

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In einer Abfahrt hat der Mann im Gelben Trikot einen Reifendefekt. Die Situation ist kritisch, weil der Mannschaftswagen nicht direkt dahinter ist – sondern die Rennjury die Begleitautos mit den Ersatzrädern hinter einer abgehängten Gruppe hält (die sogenannte "Barrage"). Ein Mannschaftskamerad (blau) bleibt stehen und gibt seinem Kapitän sein Vorderrad, damit dieser sofort weiterfahren kann. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass die Gegner (orange, rot) in dieser Situation nicht angreifen – und wenn möglich das Tempo drosseln. Aber angehalten wird vorne auch nicht. Der Mann im Gelben Trikot muss sich sputen, um den Anschluss allein wiederherzustellen.

Achtung, Windkante

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Flachetappen haben besondere Tücken – beispielsweise wechselnde Winde. Bläst ein starker Wind von der Seite, kann es zu sogenannten Windkantensituationen kommen. Vorne machen taktisch aufmerksame Mannschaften Tempo, das Feld fächert sich in Windstaffeln auf und zieht sich in die Länge. Schwächeln einzelne Fahrer in der Mitte, wo es kaum Windschatten gibt, reißt das Feld auseinander. Jetzt gilt es schnell zu reagieren, damit es bis ins Ziel keine Zeitabstände gibt! Schwierige Situation: Ruft die Teamleitung alle Blauen zurück, um mit vereinter Kraft ihren Leader an den wichtigsten Konkurrenten (orange) zu schleppen? Oder belässt man die Fahrer vorne als Option?

Bergetappe: Gelb ist isoliert

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Die Konkurrenten haben durch hohes Tempo oder aggressive Fahrweise den Mann in Gelb von seinen Helfern isoliert. Dieser muss sich nun genau überlegen, welche Attacken er selbst kontert und welche nicht – fährt er in der geschilderten Situation im Flachen selbst hinterher, wird sich der Hauptkonkurrent (orange) in seinem Windschatten schonen und auf einen eigenen Angriff lauern – aber auch der Mann in Rot ist im Gesamtklassement gefährlich! Die Helfer (blau) versuchen wieder aufzuschließen, um dem Kapitän zu helfen.

Bergetappe: Gelb schickt Helfer voraus

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Oft gesehene Taktik auf Bergetappen – auch um ein Szenario wie im Schaubild zuvor zu vermeiden: Gelb schickt einen seiner Helfer (blau) in eine frühe Fluchtgruppe. Dieser soll spät er als "Sprungbrett" dienen und seinem Chef Windschatten zwischen den Bergen spenden, falls dieser aufschließt und dabei als starker Bergfahrer meist die anderen Teamkollegen zurücklassen muss. Bleibt das Rennen ruhig und hat die Fluchtgruppe genug Vorsprung, eröffnet sich die Chance auf einen Etappensieg des Helfers.

Finale in den Bergen: Kontrolle oder Attacke

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Eine Bergankunft: Der Mann in Gelb führt in der Gesamtwertung mit knappem Vorsprung. Nach langem Ausscheidungsfahren ist Gelb am Schlussanstieg alleine mit dem Zweit- (orange) und Drittplazierten (rot). Die Favoriten beäugen sich. Gelb simuliert Schwäche und lässt sich an die dritte Position fallen. Von dort beobachtet er die Konkurrenz – und kann mit einem Antritt überraschen. Eine finale Attacke ist für den Mann in Gelb nur sinnvoll, wenn er seinen Vorsprung vergrößern muss – beispielsweise wegen einer Schwäche im Einzelzeitfahren.

Kristian Bauer am 21.06.2017
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